Angreifer mit Torjägerschnupfen Durststrecke von Thomas Müller: Die Sorgen-Nase

Thomas Müller (l.) fehlt derzeit der "Torriecher". Kostet ihn das den Platz in der Startelf gegen Schalke 04? Foto: dpa/GES/Marvin Ibo Güngör/Augenklick

Thomas Müller droht bei Bayern die Bank – vor allem, weil Thiago für das Spiel gegen den FC Schalke 04 wieder fit ist.

 

München - Von gegenseitigem Vertrauen war das Verhältnis zwischen Thomas Müller und Pep Guardiola in den drei Jahren des Katalanen beim FC Bayern wahrlich nicht immer geprägt. Und doch stammt von Guardiola ein Satz, der Müllers besonderes Talent wohl am besten zusammenfasst. "Thomas hat eine überragende Qualität, aber seine Qualität ist nicht das Eins-gegen-Eins", sagte der Trainer einmal, "aber seine Nase im Strafraum ist die beste."

Ästhetische Motive waren es freilich nicht, die Guardiola zu dieser Aussage über Müllers – zugegeben: markantes – Riechorgan veranlassten. Er wollte damit den Instinkt des Angreifers hervorheben, dessen in der Fußballersprache gern formulierten "Torriecher". Jene Qualität, die Müller in der Vergangenheit von den allermeisten Fußballern auf der Welt unterschieden hat – und die er seit seiner Torlos-Europameisterschaft 2016 verloren zu haben scheint.

Die Statistik jedenfalls lässt keinen anderen Schluss zu, als dass Müllers Nase nicht mehr funktioniert wie vorher. Torjägerschnupfen, um im Bilde zu bleiben. Bayerns Sorgen-Nase. Einen einzigen Treffer hat der 27-Jährige in dieser Bundesliga-Spielzeit bislang erzielt, zum gleichen Zeitpunkt der Vorsaison waren es dagegen bereits schon 14 Müller-Tore gewesen. Auch in den beiden ersten Partien dieses Jahres in Freiburg und Bremen blieb Müller ohne Tor oder Vorlage, obwohl er von Trainer Carlo Ancelotti auf seiner Wunschposition als hängende Spitze aufgeboten wurde. "Ich erwarte mir 2017 mehr, was den Torerfolg betrifft", hatte Müller im Trainingslager in Doha gesagt. Doch das neue Jahr geht genauso weiter, wie das alte endete.

"Bei mir persönlich läuft es nicht wirklich prickelnd", sagte Müller nach der Partie in Bremen der Sport Bild: "Das hatte ich mir anders vorgestellt. Ich habe kein einziges Mal aufs Tor geschossen, so wird es natürlich auch schwer, einen eigenen Treffer zu erzielen." Stimmt. Zumal es fraglich ist, wie lange Müller überhaupt noch in der Bayern-Startelf stehen wird.

Thiago, Müllers Konkurrent auf der Zehnerposition, arbeitet nach seiner im Trainingslager erlittenen Oberschenkelverletzung am Comeback, am Montag konnte der Spanier schon wieder große Teile des Mannschaftstrainings absolvieren. "Ich denke, dass sie für das Schalke-Spiel bereit sind", sagte Ancelotti zuletzt über Thiago und den an den Rippen verletzten Arturo Vidal. Der FC Schalke 04 ist am Samstag der nächste Bayern-Gegner. Hat Müller seine Stammelf-Chance verspielt? "Durststrecken gibt es. Aber Thomas ist absolut seriös, professionell, ein totaler Teamplayer. Niemand im Klub bereitet Müllers Situation Kummer", sagte Ancelotti im Kicker. Der Italiener schätzt Müller sehr, lobt das taktische Verständnis und die uneigennützige Art des Weltmeisters: "Für uns ist er mehr ein Mannschaftsspieler als ein Top-Torjäger." Doch einen ähnlich Status wie unter Entdecker Louis van Gaal ("Er spielt bei mir immer!") genießt Müller nicht.

Das hat auch mit Thiago zu tun, der seine konstanteste Saison im Bayern-Dress spielt. 22 Mal kam der 25-jährige Spanier in dieser Spielzeit bereits zum Einsatz, erzielte drei Tore und bereitete vier Treffer vor. Müller kommt insgesamt auf zwölf Torbeteiligungen in allen Wettbewerben.

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"Ich lasse ihn einfach spielen", sagt Ancelotti über seinen Spielmacher, der in Freiburg und Bremen sehr vermisst wurde. "Thiago ist einer der besten Mittelfeldspieler der Welt." Besonders beim 3:0 gegen Leipzig kurz vor Weihnachten, als Müller 90 Minuten nur auf der Bank saß, spielte Thiago groß auf. "Wenn er zurück und in Form kommt, wird es schwer für Müller", sagt Ex-Kommentator und Sport1-Experte Marcel Reif. Ein Spieler wie Müller dürfe "nicht nachdenken. Und im Moment habe ich das erste Mal, seit ich ihn beobachte, das Gefühl, dass er über seinen Fußball nachdenkt", sagt Reif.

Nachdenken schadet der Nase, das muss Müller aktuell feststellen. Doch ein bisschen Hoffnung gibt es. "Deinen Instinkt kannst du nicht verlieren", sagte Robert Lewandowski im Merkur. Und der Pole, dem ein ähnlicher Torriecher nachgesagt wird wie Müller, muss es ja eigentlich wissen.

 

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