All-inclusive-Hotel Geschlossene Gesellschaft

Ich stehe am Zapfhahn und warte. Der Typ vor mir schenkt sich ein Bier ein und gönnt sich erst mal einen tiefen Schluck. Aah, das tut gut! Ich kann es mir vorstellen. Ich hätte jetzt auch gerne ein Bier, aber ich komme ja nicht an den Zapfhahn ran.

 

Der Typ vor mir ist noch lange nicht fertig. Sein Becher ist jetzt wieder halbleer, und er bleibt einfach stehen und zapft ihn sich wieder voll. Das kann ja ewig so weitergehen, denke ich mir. Der Typ (dünnes Shirt auf dickem Bauch) sieht so aus, als habe er schon Jahre seines Lebens vor irgendwelchen Zapfhähnen zugebracht. Bier formte diesen wunderschönen Körper. Vielleicht füllt er jetzt seinen riesigen inneren Tank auf wie ein Kamel, vielleicht verdurste ich hier direkt vor einer sprudelnden Quelle. Ungeduldig trete ich von einem Fuß auf den anderen. Wie viele Biere kann so einer trinken, bevor er aufs Klo muss?

Ich befinde mich im All-inclusive-Urlaub irgendwo auf den Kanaren. Wo genau, ist egal, denn ich habe beim besten Willen keine Zeit, Land und Leute näher kennenzulernen. Frühstück ist von acht bis zehn. Danach gibt es an der Bar kleine kulinarische Nettigkeiten für Langschläfer, die man ebenfalls nicht verpassen sollte. Um 12 Uhr ist schon wieder Mittagessen, das entsprechende Büfett mit wirklich leckeren Sachen dampft vor sich hin bis 15Uhr. In den Stunden danach kann man sich noch ein paar Häppchen abgreifen – für den kleinen Hunger zwischendurch.

Das geht hier alles nahtlos ineinander über, man gönnt uns, die wir alle ein graues Plastikarmband tragen, keine Pause. Die einzige Zeit, in der es nichts, aber auch gar nichts zu essen und zu trinken gibt, ist von 18 bis 18.30 Uhr. In dieser halben Stunde kann man aber nur rein theoretisch was unternehmen, denn man muss sich ja aufs Abendessen vorbereiten (18.30 bis 21.30 Uhr), dem sich ohne weitere Unterbrechung ein ziemlich biederes Abendprogramm anschließt, das man sich allerdings mit Cocktails an der Bar schöntrinken kann. Gut, die Cocktails schmecken ein bisschen nach Spülwasser, aber sie sind kostenlos. Gratis! Für umsonst!

Das hier ist nichts für Menschen, die kein Maß kennen

Komm, lass uns all-inclusive buchen, hat mein Freund gesagt, da haben wir die volle Kostenkontrolle. Tolle Sache, dachte ich erst, aber jetzt bin ich mir nicht mehr so sicher. Alles eingeschlossen heißt irgendwie auch, dass alle eingeschlossen sind. Denn da draußen, außerhalb des Hotelgeländes, da ist es vorbei mit der Kostenkontrolle. Die wollen da tatsächlich Geld sehen, wenn du ein Bier trinken oder dich am Strand auf eine Liege legen willst. Da draußen herrscht knallharter Kapitalismus. Hallo? Nicht mit mir! Ich bin ein sparsamer Mensch. Ich habe für diesen Urlaub schon bezahlt. Solange es kein All-inclusive-Angebot für die gesamte Insel gibt, bleibe ich auf vertrautem Terrain. Wenn ich früh genug mein Handtuch nach einer Liege auswerfe, kriege ich an unserem Pool ein gutes Plätzchen an der Sonne. Kostenlos! Und wenn ich ein Bier trinken will, dann zapfe ich mir das einfach, das kostet mich keine zwei Euro wie in diesen Kneipen jenseits der Mauer, sondern nur ein müdes Lächeln. Es sei denn natürlich, es steht so ein Typ vor mir.

Der Typ stellt endlich seinen prall gefüllten Becher ab. Genug geschluckt im Stehen. All-inclusive ist nichts für Menschen, die kein Maß kennen, denke ich mir. Wenn meine Kinder da wären, würden die sicher den halben Tag vor dem Softdrink-Automaten verbringen. Nein, gesund ist das alles nicht. Jetzt ist es erst früher Nachmittag, und der Typ hier übt sich schon im Komasaufen. Aber nun ist der Weg ja frei für einen bescheidenen Genießer wie mich, der nicht viel mehr will als ein kleines, leckeres Bierchen zur Entspannung.

Denkste. Plötzlich fängt der Typ an, weitere Becher vollzuzapfen. Für seine Freunde, die im Hintergrund schon erwartungsfroh grölen. So langsam nervt mich das hier. Können diese Freunde nicht selbst anstehen? Wie viele dieser bescheuerten Plastikbecher kann so ein Typ tragen, ohne dass er sie in seinen dicken Fingern zusammendrückt?

Ich warte und reibe mein kleines Bäuchlein. Eigentlich habe ich überhaupt keinen Hunger mehr. Drei Tage sind wir nun hier, und ich kann das viele Essen nicht mehr sehen. Verkommen lassen kann ich es aber auch nicht, denn ich habe schließlich – habe ich das schon erwähnt? – dafür bezahlt. So eine Essen-und-Trinken-Flatrate, die muss man nutzen! Das machen hier alle so, da häuft sich jeder den Teller voll. Und dann legen sich alle an den Pool, starren in ihre Groschenromane und warten auf das nächste Essen.

Wir geben nichts, wir haben schon gegeben

In der kurzen Zeit zwischen den Mahlzeiten kann man unmöglich all die Kalorien wieder loswerden, die man sich hier anfuttert. Deshalb versucht man es auch gar nicht erst. Dartpfeile werfen und Bingo spielen gelten hier auf dem Gelände als Extremsportarten, die ebenfalls im Preis inbegriffen sind. Massage hingegen kostet extra. Deshalb lässt sich auch keiner massieren. All-inclusive heißt: Wir geben nichts, wir haben schon gegeben!

Irgendwie deprimiert mich das Ganze.

Endlich! Der Typ tritt beiseite. Vier Becher Bier hält er in den Händen und grinst mich mit glasigen Augen an. Vielleicht kommt das vom Abschiedsschmerz, den er empfindet, wenn er sich vom Zapfhahn löst. Egal. Ich rüttele einen dieser blöden Becher von dem riesigen Stapel und atme erst mal durch. Ich schenke mir ein und nehme einen tiefen Schluck. Aah! Das tut gut. Mein Körper ist schon ganz ausgetrocknet. Keiner hat mir gesagt, dass hier auch das Fastverdursten inklusive ist.

So ein Becher ist wirklich verdammt schnell leer. Ich bleibe stehen und fülle nach. Noch ein Schluck. Und noch einer. Warum sind eigentlich die Becher hier so klein? Denken die etwa, sie könnten damit verhindern, dass ich mindestens genau die Menge an Bier konsumieren werde, die mir vertraglich zusteht? Mein Freund trinkt übrigens viel weniger als ich, fällt mir gerade ein, für den muss ich auch noch mittrinken.

Bei all-inclusive muss man echt auf der Hut sein. Manche Getränke kosten doch etwas, da sollte man das Kleingedruckte genau studieren. Bei manchen Hotelanlagen, so habe ich hier gehört, gilt all-inclusive nur bis 22 Uhr. Da hören dann alle schlagartig auf zu trinken und gehen ins Bett. Ferngesteuert sozusagen. Und den Wein verdünnen sie mit Wasser, da bin ich mir sicher, vielleicht sogar das Bier. Das wäre dann womöglich ein Verstoß gegen das deutsche Reinheitsgebot.

Man kann derart üblen Praktiken jedenfalls nur entgegenwirken, indem man deutlich mehr trinkt als gewöhnlich. Hilft ja alles nichts. Ich nehme mir einen zweiten Becher. Schließlich habe ich auch zwei Hände, hehe. Das wird jetzt etwas dauern, denn mittlerweile ist mir ein bisschen schwummrig geworden. Muss ich den Zapfhahn eigentlich nach vorn drücken oder nach hinten? Egal, ich probiere einfach mal alle Möglichkeiten aus. Der Typ hinter mir, der soll ruhig warten.
 

 

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