Ärger bei TSV 1860 gegen Halle Pro und Contra: Ist Fußball in Giesing so vertretbar?

Fans des Halleschen FC Auge in Auge mit der Münchner Polizei - braucht's das? Darüber diskutieren Felix Müller und Patrick Mayer. Foto: pm/AZ

Festnahmen, Körperverletzung, Sachbeschädigung - beim Drittliga-Spiel des TSV 1860 gegen den Halleschen FC benehmen sich etliche Gästefans gründlich daneben. AZ-Lokalchef Felix Müller und Patrick Mayer, Fußball-Reporter der AZ Digital, diskutieren, ob Fußball so in Giesing noch zumutbar für die Anwohner ist.

 

Pro: Die Löwen-Fans verhalten sich friedlich!

Der Polizeibericht liest sich unschön: ein Beamter hat einen Faustschlag ins Gesicht bekommen. Halle-Fans sollen eine Flasche geworfen haben, in einer U-Bahn immer wieder die Notbremse gezogen haben. (Lesen Sie auch: Nasenbruch und sieben Festnahmen bei Löwen-Spiel)

Aber ist das ein Argument gegen Fußball in Giesing? Sicher nicht. Denn für die Einschätzung, ob das Sechzgerstadion für Spiele wie dieses geeignet ist, sind drei Fragen entscheidend. Die, was im Stadtteil passiert ist - denn es ist tatsächlich etwas anderes, ob Großveranstaltungen in einem Wohngebiet stattfinden oder an einem Müllberg neben der Autobahn. Die, was im Stadion passiert ist, denn natürlich war es bei der Rückkehr der Löwen nach Giesing wichtig, ob das Sicherheitskonzept im vergleichsweise kleinen Stadion funktioniert. Und die, ob es überhaupt eine Alternative zum Sechzgerstadion gibt.

Am U-Bahnhof Silberhornstraße, am Grünspitz und den Kneipen der Tegernseer Landstraße ging es am Samstag vor und nach dem Spiel so entspannt zu wie eh und je. Das Konzept der Fantrennung funktioniert in Giesing hervorragend, Löwen und Gästefans treffen an Spieltagen im Viertel so gut wie gar nicht aufeinander. Gästefans kommen mit ihren Bussen - oder werden, wie am Samstag, mit Sonder-U-Bahnen von der Polizei vom Bahnhof über den Wettersteinplatz zum Gästeeingang gebracht. Dazu kommt: Die großen Löwen-Fangruppen halten sich in Giesing nach wie vor sehr zurück, versuchen am Spieltag gar nicht erst, zu Gästefans durchzukommen.

Und auch im Stadion funktioniert das Sicherheitskonzept. Ja, am Samstag wurde ein Fan von der Haupttribüne abgeführt, Hallenser provozierten nach dem Spiel ein bisschen in Richtung Stehhalle, Löwen-Fans und Polizei. Doch all das spricht nicht gegen Fußball in Giesing. Warum auch? Was wäre denn besser, wenn die Gästefans mit der U6 durch die halbe Stadt fahren müssten? Wenn an der Münchner Freiheit statt an der Fraunhoferstraße die U-Bahn nicht käme, weil jemand die Notbremse gezogen hat? Übrigens bringt es nicht einmal etwas, wenn gar nicht im Stadtgebiet gekickt wird - das weiß jeder, der schon mal in einer S3 Richtung Osten saß, wenn Dynamo Dresden oder ein ähnliches Kaliber auswärts in Unterhaching angetreten ist. Nein, der Auftritt der Halle-Fans spricht nicht gegen das Sechzgerstadion. Und eine ernsthafte Alternative haben Verein und Stadt ja sowieso nicht. Felix Müller

Contra: Wilde Szenen auf der Grünwalder Straße!

Es war kein schöner Anblick, Samstagnachmittag, Grünwalder Straße, eine Stunde nach Spielschluss gegen 16.45 Uhr. Energisch drückten drei USK-Polizisten auf dem kleinen Grünstreifen zwischen Trambahnschienen und Fahrbahn einen offenbar betrunkenen Fußballfan zu Boden, legten ihm Handschellen an. An der Kreuzung zur Tegernseer Landstraße sperrten Streifenwagen mit Blaulicht die Zufahrt zu, wenige hundert Meter weiter am Ende des Wettersteinplatzes dasselbe Bild. Dazwischen: Mehrere USK-Einheiten, die in Vollmontur und Mannschaftsstärke in Richtung U-Bahnstation rannten. Davor und dahinter: Kleine Gruppen von Anhängern des Löwen-Gegners Hallescher FC, die wild - und vereinzelt sturzbetrunken - herumgrölten. Darunter: Ein junger "Fan", der sich Quarzsandhandschuhe übergestreift hatte. Weil ihm kalt war? Sicher nicht! Einzelfälle? Ziemlich viele davon!

Man mag es den Anwohnern des Sechzgerstadions nicht verdenken, dass sie angesichts solcher Bilder auf die Barrikaden gehen. Den Polizeibeamten ist kein Vorwurf zu machen, im Gegenteil - durchgeschwitzt und abgekämpft standen die meist jungen Frauen und Männer in der Halbzeitpause hinter der Ostkurve, dem Bereich der – diesmal äußerst problematischen – Gästefans. Sie hatten die Lage insgesamt im Griff. Doch es seien zwei Fragen erlaubt: Erstens, Fußball mitten in der Stadt, bei solchen Gegnern – funktioniert das wirklich? Zweitens, sind das noch zumutbare Umstände für jene Giesinger Bürger, die keine Löwen-Fahne in ihren Fenstern hängen haben? Auch diese soll es inmitten der 1860-Hochburg ja geben.

Keine Frage: Viele Münchner und externe Fans, die einmal ein Spiel auf Giesings Höhen erlebt haben, sagen zu recht, dass dies der wahre, echte Fußball sei. Doch mit etwas Abstand lässt sich diesmal festhalten: Werbung für Fußball in der Stadt waren die Vorkommnisse rund um dieses Sechzig-Spiel nicht. Patrick Mayer

 

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