Adieu, Arroganz? Nationalmannschaft: Selbstkritischer Joachim Löw will wieder angreifen

"Es war fast schon arrogant. Ich wollte das auf die Spitze treiben und es noch mehr perfektionieren", so die Selbst-Analyse von Bundestrainer Joachim Löw nach dem peinlichen WM-Aus. Foto: Sven Hoppe/dpa

Bundestrainer Joachim Löw gibt sich in seinem WM-Resümee reumütig – und kritisiert Mesut Özil. Ein echter Neuanfang bleibt aber wohl aus. "Wir sind selbstgefällig aufgetreten", moniert Oliver Bierhoff.

München - Fast zwei Stunden war die Pressekonferenz in der Allianz Arena am Mittwoch schon im Gange, als der Bundestrainer eine ganz simple Frage beantworten sollte. "Wie geht es Ihnen denn jetzt, Herr Löw?" Ganz so einfach war die Frage offenbar nicht, sie traf den 58-Jährigen nach all den Selbstanklagen, Analysen und Erklärungsversuchen unvorbereitet. "Gut, äh ja." Löw machte eine Pause, lächelte. "Ja, gut, gut, gut." 

Und weiter: "Mir geht’s gut, wir gucken nach vorne. Wir gehen das mit absoluter Überzeugung und Motivation an. Ich weiß, dass im Fußball manchmal so etwas passiert. Aber wir knicken deswegen nicht ein." So etwas – gemeint war: das historisch schlechteste Abschneiden einer deutschen Fußball-Nationalmannschaft bei einer WM-Endrunde. Adé nach der Vorrunde. Als Weltmeister. Als Titelverteidiger.

63 Tage nach dem Ausscheiden, nach dem 0:2 gegen Südkorea in Kasan, zeigten sich Löw und sein Podiumsnachbar Oliver Bierhoff, der Teammanager, selbstkritisch und reumütig, erläuterten ihre Konsequenzen aus dem "Debakel in Russland" (Löw), dem "absoluten Tiefschlag" (ebenfalls Löw).

Löw nutzte eine Powerpoint-Präsentation, um mit Fakten die Erkenntnisse der WM anzureichern. Dieses Referat hatte der Bundestrainer gut drauf, in den internen Sitzungen der letzen Wochen mit dem DFB-Präsidium und den Führungskräften der Bundesligisten dürfte er seine Ausführungen ähnlich gestaltet haben. (Lesen Sie hier: Joachim Löw und der Minimini-Umbruch)

Die AZ beantwortet die wichtigsten Fragen der Mammut-PK, der ersten öffentlichen Erklärung seit dem WM-Aus...

Gestand Löw Fehler ein?

Das ja. Mit deutlichen, ja demütigen Worten. Er sei in Sachen taktischer Ausrichtung seiner Mannschaft "fast schon arrogant gewesen", sprach vom "allergrößten Fehler" in Bezug auf den Ballbesitzfußball. Bierhoff, unterm Strich weniger selbstkritisch und anklagend, eher auf Verteidigungsmodus seines Schaffens gepolt, sagte: "Uns hat die richtige Einstellung gefehlt. Wir sind selbstgefällig aufgetreten, wir haben die Unterstützung der Fans für zu selbstverständlich gehalten."

Will Löw seine Mannschaft taktisch neu ausrichten?

Jein. Mit mehr Absicherung und größerer Stabilität in der Defensive. "Ich hätte die Mannschaft auf eine sichere Spielweise ausrichten müssen. Mein allergrößter Fehler war, dass ich geglaubt habe, dass wir mit unserem dominanten Stil durch die Vorrunde kommen", sagte Löw: "Ich wollte das auf die Spitze treiben und es noch mehr perfektionieren. Ich hätte das Team vorbereiten müssen, so wie es 2014 der Fall war, als es eine Ausgewogenheit gab zwischen Offensive und Defensive."

Wie stark wird das Team hinter dem Team verändert?

Neben Miroslav Klose, der den Trainerstab ohnehin zum FC Bayern (U17-Trainer) verlassen hat, ist auch Thomas Schneider nicht mehr Co-Trainer. Der 45-Jährige wird dagegen ab sofort als Leiter der Scouting-Abteilung eingesetzt. Auch der erweiterte Betreuerstab wird zukünftig deutlich kleiner sein. "Manchmal ist weniger auch mehr", so das neue DFB-Credo. Einzig verbliebene Assistenz-Trainer von Löw: Marcus Sorg und Torwarttrainer Andreas Köpke.

Gibt es für Mesut Özil einen Weg zurück?

Nein. Es gab und gibt keinen Kontakt, obwohl Löw mehrfach versucht habe, den Mittelfeldspieler vom FC Arsenal nach dessen Rücktritt telefonisch und per SMS zu erreichen. Das Thema Özil und Ilkay Gündogan, die sich mit dem türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan fotografieren ließen, habe man vor und während der WM "absolut unterschätzt", so Löw. "Dieses Thema hat Kraft gekostet, war nervenaufreibend, weil es immer wieder da war." Jegliche Rassismus-Vorwürfe wiesen Löw und Bierhoff von sich. Özil habe damit "ganz einfach auch überzogen", sagte der Bundestrainer.

Wird der Werbeslogan "Die Mannschaft" gestrichen?

Vielleicht. "Ich habe den Vorschlag unseres Präsidenten (Reinhard Grindel, d.Red.) angenommen, den Begriff zu analysieren und zu hinterfragen, nachdem ich mit verschiedenen Stakeholdern gesprochen habe", sagte Bierhoff. Und schon war er auf wundersame Weise wieder indirekt beim Thema Entfremdung von der Basis, den Fans. Und der Vorwurf der gestiegenen Kommerzialisierung, der Werbetermine-Wut? Der Teammanager: "Wir haben 2018 keinerlei mehr Aktivitäten gemacht als 2014, als alles so toll war." 

 

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