Abschiebung droht Salehs Furcht vor der Rückkehr nach Afghanistan

Der junge Afghane Saleh Zazai soll in seine Heimat abgeschoben werden und hat Angst. Doch die Bundesregierung hat bei Abschiebungen in afghanische Großstädte - wie beispielsweise das immer wieder von Anschlägen erschütterte Kabul - keine Sicherheitsbedenken. Foto: dpa/az

Fünf Jahre lebt ein junger Flüchtling in Bayern, lernt Deutsch, findet einen Job und eine eigene Wohnung. Dann soll er plötzlich abgeschoben werden – und zerbricht an seiner Hoffnungslosigkeit.

Waltenhofen - Saleh Zazai ist ein Vorzeige-Flüchtling, ein leuchtendes Beispiel für gelungene Integration: Der 31-Jährige hat einen Arbeitsplatz, eine eigene Wohnung und sich nie etwas zuschulden kommen lassen. Er ist beliebt bei Vorgesetzten und Kollegen, spielt Volleyball im Verein – und soll trotz allem abgeschoben werden. Denn Saleh Zazai ist Afghane. Doch zurück in das Land, aus dem er vor fünf Jahren geflohen ist, will der junge Mann auf keinen Fall. Er hat Angst vor den Taliban, die ihn damals rekrutieren wollten, Angst um sein Leben, Angst vor Folter und Misshandlungen. Seine Verzweiflung und der psychische Druck sind so groß, dass er versucht hat, sich umzubringen.

Arbeitgeber nennt Saleh Zazai "Glücksfall" für seine Bäckerei

„Als er zu uns kam, war er ein richtiger Sonnenschein, ein dufter Typ mit echtem Talent zum Bäcker“, erzählt Jessica Speiser von der gleichnamigen Bäckerei in Waltenhofen bei Kempten. Das war im Frühjahr. Saleh Zazai hatte sich auf eine Anzeige beworben und war genommen worden. „Die fünf Kilometer von der Unterkunft bis zu uns ist er jede Nacht mit dem Radl gefahren. Bei Wind und Wetter“, sagt Jessica Speiser. „Er war nicht einmal krank und immer pünktlich.“


Jessica Speiser war die Chefin von Saleh Zazai in der Bäckerei in Waltenhofen bei Kempten. Foto: AZ

Seine Chefs sind so angetan, dass sie Saleh helfen, eine eigene Wohnung zu finden und ihm eine Ausbildung anbieten. „Wir hätten ihm sogar ein bisserl mehr bezahlt, dass er weiterhin für seine Miete aufkommen kann.“ Gutes Personal zu finden, sei in ihrer Branche quasi unmöglich geworden, sagt Jessica Speiser. „Wer will schon nachts arbeiten?“ Und dann ist da plötzlich einer, der innerhalb weniger Monate dasselbe leistet wie ein Geselle. Der freundlich ist und sich angenommen fühlt. Ein Glücksfall für alle Beteiligten.

Dass ihr neuer Mitarbeiter in Deutschland nur geduldet ist, wissen die Speisers. Die Konsequenzen schockieren sie. „Ab September hat Saleh sich verändert. Er hat immer häufiger von seiner Angst davor gesprochen, dass er zurück muss. Von da an konnte man täglich zuschauen, wie er abbaute und immer in sich gekehrter wurde.“ Salehs Depressionen – ein Andenken an zuhause – werden stärker.

Engagement der Unterstützer ist umsonst

Als er die Familie bittet, eine Online-Petition für ihn zu unterschreiben, machen die Speisers mit – genau wie die Kollegen aus der Kemptener Volleyball-Mannschaft, mit denen er trainiert, wann immer es seine Arbeitszeiten erlauben. Doch alles Engagement seiner Unterstützer ist umsonst. Salehs Lehrvertrag wird nicht genehmigt. Anfang November entziehen ihm die Behörden die Arbeitserlaubnis. „Als er mir gesagt hat, dass er ausreisen muss, stand die Angst wie eine dritte Person im Raum“, erinnert sich Jessica Speiser.

Die 39-Jährige schaltet die Handwerkskammer ein. Diese macht sich beim Ausländeramt für den Afghanen stark – vergeblich. Auch die herzzerreißende E-Mail, die Jessica Speisers 14-jährige Tochter an Ministerpräsident Horst Seehofer schreibt, läuft ins Leere. Saleh Zazai soll mit dem ersten Sammelflug nach Kabul abgeschoben werden. Der junge Mann gerät in Panik und flieht in Richtung Frankreich. Vorher bezahlt er noch pflichtbewusst seine Miete. „Er hat alles blitzsauber hinterlassen, dem Hausmeister die Schlüssel in die Hand gedrückt und gesagt: ,Ich muss gehen.’“

Afghane sitzt jetzt im Gefängnis

Bei Kelheim wird Saleh Zazai von der Polizei aufgegriffen und inhaftiert. Das Nächste, was Jessica Speiser von ihrem Schützling hört, ist, dass er in eine Psychiatrie überstellt wurde – „er hat versucht, sich etwas anzutun.“ Am 14. Dezember wird er abgeholt. Von Frankfurt aus sollen Saleh Zazai und andere Afghanen nach Kabul geflogen werden. Es ist der erste von mehreren geplanten Flügen. Weil er unterwegs erneut versucht, sich selbst zu verletzen, erreicht Saleh Zazai den Airport in Hand- und Fußfesseln. Angst, Verzweiflung, Aussichtslosigkeit machen ihn schier verrückt.

Doch diesmal hat der Unglückliche Glück: Das Bundesverfassungsgericht lässt die Beschwerde seines Anwalts zu. Eine Viertelstunde vor dem Abflug wird Saleh Zazais Abschiebung ausgesetzt – bis zum 26. Januar. Nach einem Zwischenstopp in der Psychiatrie wird er in der Justizvollzugsanstalt Mühldorf in Abschiebehaft genommen. Und jetzt? „Ich habe den Eindruck, dass er langsam jegliche Hoffnung verliert“, sagt Jessica Speiser, die ihn am Freitag besucht hat. „Er wirkt völlig resigniert, ist ganz spitz geworden. Seinen Augen fehlt jeglicher Glanz.“

Bundesregierung will 12.500 Afghanen abschieben

Der Ausgang des Verfahrens sei völlig offen. „Es kann sein, dass er bis 26. Januar Ruhe hat. Aber wenn das Gericht vorher entscheidet und gerade ein Flieger geht, kann es auch sein, dass er da drin sitzt.“ Jessica Speiser will noch nicht alles verloren geben. „Die Hoffnung stirbt schließlich zuletzt.“ Doch Salehs Schicksal, die Hartherzigkeit der Behörden, diese Unmenschlichkeit – all das, sagt sie, „hat mich in meinen Grundfesten erschüttert.“