80. Geburtstag am 7. Juli Ringo Starr - der unterschätzte Beatle

Ringo Starr im Oktober 1963. Den ersten Teil seines Künstlernamens hat er auch wegen seiner Vorliebe für Ringe. Foto: Pa/Press Association Images/dpa

Der Schlagzeuger der Beatles war das entscheidende letzte Puzzlestück auf dem Weg zum Weltruhm

 

Mit dem Titel seines Albums von 1977 brachte Ringo Starr präzise auf den Punkt, welchen Platz er in der Welt einnimmt: Es hieß „Ringo the 4th“. Der Schlagzeuger ist einer der vier Männer, die einen niemals dagewesenen Ruhm errangen, eine einzigartige Hysterie rund um den Erdball auslösten. Es gab und gibt auf dieser Welt sehr viele Rockstars. Aber es gibt nur vier Beatles.

Doch innerhalb der Band, darauf verweist der Albumtitel, war Ringo eben von Anfang an der vierte Mann. Hinter Paul und John, den offensichtlichen Genies, und hinter George, der erst die Gitarrensoli spielte und später ebenfalls brillantes Song-Talent offenbarte. Ringo war von diesen fabulösen Vieren der vierte, das sah die ganze Welt so und er wohl auch: Als Queen Elizabeth den Beatles 1965 den MBE-Orden überreichte, fragte sie ihn herablassend uninformiert, ob er die Band gegründet habe. Nein, antwortete Ringo, er sei als letzter hinzugekommen, er sei der Kleine.

Der unersetzliche vierte Mann

Die Pointe ist freilich: Ohne Ringo wären die Beatles mit hoher Wahrscheinlichkeit weder berühmt noch brillant geworden. Er war das entscheidende letzte Puzzlestück. Als Beweis ex negativo höre man die später auf „Anthology I“ veröffentlichten, sagenumwobenen Probeaufnahmen der Beatles, die sie am Neujahrstag 1962 bei der Plattenfirma Decca in London machten.

Viel ist über den unglückseligen Plattenmanager Dick Rowe gespottet worden, der die Band daraufhin ablehnte. Doch die Entscheidung dieses Mannes, der später lustigerweise die Rolling Stones unter Vertrag nahm, war keineswegs absurd: Die Beatles klangen nicht allzu beeindruckend, und das lag vor allem am Schlagzeuger, Pete Best. Als die Band ihn im August 1962 durch den ungleich besseren Ringo ersetzte, wurde sie selbst ungleich besser. Die kreative Explosion war entfesselt, sie sollte sich parallel zum Ruhm immer weiter entfalten.

Morgen feiert der unersetzliche vierte Mann, Ringo Starr, seinen 80. Geburtstag, und pünktlich zum runden Geburtstag ist die erste deutsche Biographie erschienen: Verfasst hat sie der hervorragende Beatles-Kenner Nicola Bardola, der auch für diese Zeitung schreibt. Er zeichnet das Bild eines höchst kreativen Autodidakten, der mit seinen Einfällen entscheidend zur Brillanz vieler Beatles-Aufnahmen beitrug.

Psychedelisches Beckenzischen

Man höre sich nur die Aufnahmen an, die Bardola treffend analysiert: den schweren, packenden Beat von „Ticket To Ride“ (1965); das völlig neuartige psychedelische Beckenzischen von „She Said She Said“ (1966), das perfekt zum LSD-Feeling des Songs passte; die brillanten Fills in „Hello, Goodbye“ und in der letzten, dramatischer werdenden Strophe von „A Day In The Life“ (1967).

Es mag ungleich virtuosere Drummer geben, doch Ringos Einfallsreichtum und sein Spiel im Studio waren beeindruckend. Und wie sonst hätte diese magische Musik entstehen können, wenn es auch nur ein schwaches Glied in der Kette gegeben hätte? Das sollten sich all jene fragen, die Ringo zu wenig wertgeschätzt haben.

Geboren wurde er am 7. Juli 1940 in Liverpool, und er erhielt den Namen des Vaters: Richard Starkey. Das Einzelkind wuchs im rauen Arbeiterbezirk Dingle auf und hatte eine knüppelharte Kindheit: Als Sechsjähriger fiel er nach einer Blinddarmoperation aus dem Bett, die Wunde riss auf und entzündete sich, er musste Monate lang im Krankenhaus bleiben, die Ärzte wussten nicht, ob er überleben würde. In der Schule kam er danach nicht mehr mit, und mit 13 wurde alles noch schlimmer: Wegen Tuberkulose musste er zwei Jahre im Krankenhaus verbringen.

Insgesamt ging er nur fünf Jahre zur Schule, und als er in der Schule nach einer Bestätigung fragte, erinnerte sich niemand an ihn, fand zunächst keiner mehr irgendwelche Unterlagen. Aber in der Klinik waren ohnehin die Weichen für sein Leben gestellt worden: Man hatte ihm Trommeln in die Hand gedrückt, die Leidenschaft war geweckt.

Eine Leidenschaft für Ringe

Ende der 50er Jahre spielte er in Liverpooler Skiffle- und Rock’n’Roll-Bands. Mit Rory  Storm & The Hurricanes ging er nach Hamburg, und gemeinsam mit dem (früh verstorbenen) Bandleader heckte er seinen Künstlernamen aus: Zuerst nannten sie ihn „Rings“, dann Ringo.

Das spielte auf seine Leidenschaft für Ringe an, aber auch auf sein Faible für den Westernhelden Johnny Ringo. In den USA sollte die Namenswahl – neben seinem Charme und Witz – zu seiner besonderen Popularität beitragen.

Mit den Hurricanes spielte er in den Nachtclubs von Hamburg, wie auch die anderen jungen Liverpooler John, Paul und George. In der Heimat stieg er öfters mal im Cavern Club nei den Beatles ein, wenn Pete Best verhindert war. Der wurde im August 1962 geschasst, vor allem auch, weil Plattenproduzent George Martin sein Spiel bei der ersten Session zu „Love Me Do“ als nicht gut genug fürs Studio befand.

Doch dasselbe Schicksal ereilte auch Ringo, als er bei der nächsten Session den Song trommelte: Martin setzte einen Studiomusiker hinter die Trommeln, Ringo fürchtete, ebenfalls bald wieder rauszufliegen. Aber schon auf der nächsten Single, dem ersten Nummer-eins-Hit „Please Please Me“ war er zu hören, und natürlich auch auf allen anderen Aufnahmen, die erst die Beatlemania auslösten und dann den ewigen Goldstandard für Popmusik definierten. Nur Paul McCartney machte ihm ab und an das Schlagzeug streitig, etwa 1968 bei „Back In The U.S.S.R.“. Da verließ Ringo stinksauer die Band für ein paar Wochen, doch die reuigen Kollegen baten inständig um Rückkehr und schmückten dann sein Schlagzeug mit Blumen.

Erfolgreich als Solo-Künstler

Zu dieser Zeit erwachte auch sein Selbstbewusstsein als Songwriter. Ringo hatte zuvor auf fast allen Alben Gesangseinlagen, weil er Liebling vieler Fans war, und John und Paul hatten ihm die passenden Songs auf den Leib samt der wenig goldenen Stimmbänder geschrieben, darunter „Yellow Submarine“ und „With A Little Help From My Friends“. Auf dem Weißen Album brachte Ringo dann den selbstkomponierten Country-Song „Don’t Pass Me By“ unter, für „Abbey Road“ schrieb er „Octopus’s Garden“.

Nach der Auflösung der Beatles ging die Strähne weiter. Er schrieb er die Riesenhits „It Don’t Come Easy“ und „Photograph“, letzteren mit George Harrison. Er wurde sogar ein Nummer-eins-Hit in den USA, wie auch „You’re Sixteen“. Ja, in den frühen Siebzigern war Ringo als Solo-Künstler höchst erfolgreich, auch mit dem Album „Ringo“ von 1973, für das alle anderen drei Beatles Songs beisteuerten. Sie spielten auch im Studio, dazu zahllose weitere Spitzenmusiker. Das nächste Album „Goodnight Vienna“ war auch noch erfolgreich, doch danach ging es kommerziell bergab. Ringo aber war das damals, wie er sagte, gar nicht so wichtig: „Ich wollte mir nur die Kante geben.“

Und das tat er. In seiner neuen Wahlheimat L.A. lebte er ein pralles Rockstar-Leben inmitten anderer Superstars. Als er Frank Sinatra bat, für seine Frau Maureen, die ihn verehrte, ein Ständchen aufzunehmen, sang der statt „The Lady Is A Tramp“ die Zeilen „Maureen Is A Champ“, doch in die nette Geste verpackte er auch noch einen Seitenhieb, die Zeile: „She married Ringo and she could have had Paul“.

Er liebt Brokkoli

Ringo trieb in den Siebzigern das Partyleben mit Harry Nilsson und John Lennon auf die Spitze, und er soff auch noch lange, nachdem sein Freund 1980 ermordet worden war. Erst Ende der Achtziger machte Ringo gemeinsam mit seiner zweiten Frau, der Bond-Darstellerin Barbara Bach, einen Entzug, seither lebt er äußerst sportlich und gesund: Eines seiner Lieblings-Emojis, die er heute auf Twitter eifrig nutzt, ist ein Brokkoli.

Ende der Achtziger kehrte auch der Erfolg als Live-Musiker zurück. Die Gründung seiner All-Starr-Band, mit der er seither tourt, war eine brillante Idee: Ringo schart wechselnde Musiker um sich, die allesamt früher Hits hatten, darunter der geniale Todd Rundgren, Levon Helm und Rick Danko von The Band oder Joe Walsh. Die singen ihre bekanntesten Songs live, und dank der Hilfe seiner Freunde muss Ringo nicht die ganze Show auf seinen Schultern tragen, kann sich dennoch von den Fans feiern lassen. Auch für dieses Jahr hatte der fitte Achtzigjährige eine Tour geplant, sie ist auf 2021 verschoben worden.

Seit zwei Jahren heißt Ringo offiziell Sir Richard Starkey, Prinz William hat ihn zum Ritter geschlagen. Doch bei allem Ruhm ist auch noch heute die Hierarchie innerhalb der Beatles spürbar. Zwei Häuser in Liverpool, in denen John und Paul ihre Kindheit verbrachten, hat der „National Trust“, der für alle Baudenkmäler Großbritanniens zuständig ist, weitgehend in den Originalzustand der 1950er Jahre versetzt. Fans können die winzigen Häuschen samt Kinderzimmer besichtigen. Sogar Bob Dylan hat schon mal an einer Führung teilgenommen. Das Kindheitshaus von Ringo hat der National Trust hingegen nicht erworben. Aber jeden Tag kommen Fans aus aller Welt und sehen sich das Haus von außen an.

Nicola Bardola: „Ringo Starr. Die Biographie“ (Edition Olms, 288 Seiten, 25 Euro)
 

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