40 Prozent sind krank Folge der hohen Belastung: Pflege macht krank

Sie müssen viel im Stehen arbeiten und oft schwer heben: Arbeitnehmer in Pflegeberufen. Foto: dpa

Alarmierende Zahlen: Der Krankenstand in Bayerns Pflegeheimen liegt 40 Prozent über dem Durchschnitt. Aber es gibt einen Weg aus der Krise.

München - Sie arbeiten unter enormem Zeitdruck, auch nachts und am Wochenende. Sie müssen viel stehen, schwer heben und immer wieder kritische Situationen meistern – Frauen und Männer in Pflegeberufen.

Die Folge der hohen Belastung: Der Krankenstand in den Pflegeheimen des Freistaats liegt 40 Prozent über dem Durchschnitt aller bayerischer Branchen. Laut dem „Report Pflege 2014“ der AOK Bayern sind Schwestern und Pfleger pro Jahr knapp 23 Tage gesundheitlich beeinträchtigt, während andere Arbeitnehmer in derselben Zeit nur rund 16 Tage krank sind.

Besonders auffällig: Arbeitnehmer in Pflegeberufen leiden häufiger als andere an psychischen Problemen – und brauchen generell länger, um sich von einer Krankheit zu erholen.
Für den Report haben Experten der Assekuranz die Daten von 45 000 AOK-versicherten Beschäftigten in bayerischen Pflegeheimen ausgewertet.

Die Ergebnisse im Überblick:

♦ In Pflegeberufen arbeiten überwiegend Frauen, nämlich 82 Prozent.

♦ Der Altersdurchschnitt liegt bei 42,9 Jahren. Pflegekräfte sind damit im Mittel gut drei Jahre älter als Beschäftigte in anderen Berufen. Knapp 30 Prozent der Beschäftigten in dieser Branche sind zwischen 50 und 59 Jahre alt.

„Die Erfahrung und das Einfühlungsvermögen, das ältere Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer mitbringen, ist nicht zu unterschätzen“, sagt Hubertus Räde, stellvertretender Vorstandsvorsitzender der AOK Bayern.

„Sie sind auch nicht häufiger krank als ihre jüngeren Kollegen – aber wenn, dann länger.“ Denn jüngere Menschen ziehen sich eher vergleichsweise kurzfristige Infektionskrankheiten zu, während ältere Semester häufiger chronische Leiden haben.

♦ Ein Umstand, der in der AOK-Studie deutlich sichtbar wird: Im Durchschnitt brauchen Pflegekräfte knapp 16 Tage, um sich zu erholen. Das sind drei Tage mehr als Beschäftigte in anderen Branchen benötigen, um wieder auf die Beine zu kommen.

Über die Hälfte der krankheitsbedingten Fehltage in bayerischen Pflegeeinrichtungen wird zudem durch Langzeitfälle verursacht, bei denen die Betroffenen mehr als sechs Wochen zuhause bleiben mussten.

♦ Woran leidet das Pflegepersonal? Wenn Schwestern und Pfleger gesundheitsbedingt pausieren müssen, sind in 20 Prozent der Fälle Atemwegserkrankungen Schuld daran.   Muskel-Skelett-Erkrankungen sind Ursache von 16,5 Prozent der Krankschreibungen.

Auch Infektionen, Kreislaufprobleme und Erkrankungen des Nervensystems kommen bei diesen Beschäftigten häufiger vor als im bayerischen Durchschnitt.

♦ Psychische Störungen sind bei Menschen, die ihr Geld in einem Pflegeheim verdienen, ganz besonders häufig.

Im vergangenen Jahr waren sie Ursache von acht Prozent der Erstkrankschreibungen in dieser Branche – bayernweit waren es aber nur 5,1 Prozent.

♦ Egal, welche Diagnose der Arzt ihnen stellt: Pflegeheim-Mitarbeiter brauchen fast immer länger, um sich wieder zu erholen.

Besonders groß ist der Unterschied zu anderen Berufsgruppen bei den psychischen Erkrankungen. Mit durchschnittlich knapp 32 Kalendertagen liegt die Genesungszeit hier 22 Prozent über dem bayerischen Mittel.

Aber auch Muskel-Skelett-Erkrankungen müssen Schwestern und Pfleger länger ertragen als andere – nämlich 23 Tage und damit 29 Prozent länger als andere bayerische Beschäftigte.

DAK-Pflegereport: Wenn Pflege krank macht

Ein Weg aus der Krise

Im BRK-Pflegeheim „Seniorenwohnen Kieferngarten“ leben mehr als 600 alte Menschen, die von 210 Mitarbeitern versorgt werden. Mit der AOK hat die Belegschaft in einem mehrjährigen Projekt ein betriebliches Gesundheitsmanagement entwickelt, um den Krankenstand zu senken und die Zufriedenheit der Beschäftigten zu erhöhen.

Dabei wurden u.a. die Spätdienst-Pläne an die Bedürfnisse der Arbeitnehmer angepasst und ein jährlicher Gesundheitstag eingeführt. Zudem maßen Mitarbeiter mit Stoppuhren die Zeit, die sie wirklich für die Pflege ihrer Schützlinge benötigten.

Anschließend wurden die im Dienstplan festgelegten Zeitspannen angepasst. Befragungen hätten gezeigt, dass alle von den Bemühungen profitieren: Unternehmen, Bewohner und Beschäftigte, sagt Projektleiterin Anna Koniecko-Sippel. Sowohl Krankenstand als auch Fluktuationsrate hätten sich positiv entwickelt.

 

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