Listenhunde in Bayern Tierärztin Dr. Ursula Bonengel: Nicht pauschal über Hunde urteilen

Julia Müller liebt ihre Alma. Alma ist ein Mini-Bullterrier, also nicht auf der Liste – weil sie um ein paar Zentimeter zu klein ist. Foto: Vinçon

"Kampfhunde" oder "Listenhunde": Manche Rassen stehen verstärkt im Fokus, nicht erst seit dem Angriff von "Chico". Doch wie sehen Experten und Besitzer die Kategorisierung?

 

Landshut - Ganze 17 Hunde stehen in Landshut offiziell beim Ordnungsamt auf einer Liste (wie viele es in München sind, können Sie hier nachlesen). Ihre Besitzer zahlen mehr Hundesteuer, mussten eine Prüfung bei einem Sachverständigen ablegen, sehen sich Anfeindungen im Alltag ausgesetzt – weil ihre Hunde von Passanten als auch vom Gesetz als so genannte "Kampfhunde" eingestuft werden. Wie viele dieser Hunde im Landkreis gemeldet sind, ist nicht zentral erfasst: Jede der 35 Gemeinden führt das Register einzeln.

Seit der tödlichen Attacke von "Chico", einem mittlerweile eingeschläferten Staffordshire-Terrier-Mix ist die Diskussion zu den Listenhunden neu entflammt. Während die einen vehement dafür waren, Chico einzuschläfern, hielten andere Mahnwachen ab – mittlerweile bekamen sogar die Tierärzte, die Chico eingeschläfert haben, Todesdrohungen.

Listenhunde: Vor allem die Sozialverträglichkeit der Hunde wird von Tierärzten geprüft

Wer in Landshut und Umgebung einen Listenhund halten will, muss vorher mit dem Tier einen Wesenstest machen. Eine Tierärztin, die sich um diese Tests bei Hunden kümmert, ist Dr. Ursula Bonengel, Fachtierärztin für Verhaltenskunde und Tierverhaltenstherapie. Sie sagt von vornherein: Den Begriff "Kampfhund" gab es im alten Rom und in China, damals mussten Hunde in Rüstungen kämpfen. 2018 hält sie diesen Begriff für absolut fehl am Platz. Man müsse sich jeden Hund individuell anschauen – und nicht pauschal über Listen entscheiden, welches Wesen vielleicht ein Tier habe.

"Auch jeden Dackel kann man zu einer Taschenpistole scharfmachen", sagt sie. Welche Hunderassen momentan auf der Liste stehen: Diese Einstufung hält sie für völlig willkürlich. Es seien bei der Einführung in den neunziger Jahren sogar drei Gutachter gegen die Rasselisten gewesen und für eine individuelle Prüfung eines jeden einzelnen Hundes samt Halter. "Doch das Innenministerium hat dennoch die Rasselisten erstellt", erklärt sie.

Zum Beispiel sei der Schäferhund auf keiner Liste – die meisten Unfälle passierten jedoch genau mit dieser Rasse, so Bonengel. Sie prüft seit 2002 Listenhunde – fünf Tiere hat sie seitdem als "bedingt gefährlich" eingestuft.

Ganze 17 Hunde stehen in Landshut offiziell beim Ordnungsamt auf einer Liste

Wenn jemand mit einem Listenhund zu ihr als Sachverständige kommt, schaut sie auf die so genannte "Sozialverträglichkeit": Dazu gehören Tests für den Alltag und ob der Besitzer die nötige Einwirkung auf den Hund nehmen kann. Wird alles bestanden, gibt es das Negativzeugnis für den Hund; er darf bei seinem Herrchen bleiben und gehalten werden. Zum Fall Chico hat sie eine dezidierte Meinung: "Da muss im Vorfeld einiges passiert sein. Kein Hund beißt einfach so einen Menschen tot. Da war sicher eine Aggressionsausbildung mit ihm Spiel." Kein Hund komme böse auf die Welt – nur schlechte Erziehung mache ihn aggressiv. Sie rät jedem, nicht jeden Hund sofort unter Generalverdacht zu stellen.

Sabine Hoff ist seit 13 Jahren Hundetrainerin bei "Freunde auf vier Pfoten" in Bodenkirchen. Sie sieht viele Hunde, die keine "Kampfhunde" sind – aber dennoch aggressiv. "Aggressivität gehört im Rahmen ja zu normalem Hundeverhalten", sagt sie. Hier müsse man genau abwägen: Pöbelt der Hund jeden an oder nur zum Beispiel einen Hund, den er partout nicht leiden kann? Hatte das Tier in der Vergangenheit schlechte Erfahrungen, zum Beispiel mit Kindern oder Männern?

"Für viele Hunde wirken Männer bedrohlich. Hunde sind einfach Meister im Studieren von Körpersprache." Daher trainiert Sabine Hoff vor allem die Körperhaltung bei Menschen und sagt aus Überzeugung: "Ich arbeite eigentlich nicht mit dem Tier, sondern mit dem Herrchen."

Hundetrainerin: Die Dunkelziffer an aggressiven Hunden ist sehr hoch

Was Hunde zum Beispiel gar nicht mögen: frontales Drauf-Zugehen. Bei ihnen bedeutet das: Bedrohung! Auch auf den Kopf tätscheln wie auf einen alten Teppich kommt bei Hunden nicht gut an. "Die Hand sollte immer von der Seite kommen", sagt Hoff.

Auch meint sie: Es gibt durchaus Hunde, die gefährlich sind; aber die können nicht durch eine Liste benannt werden, sondern nur durch ihr Wesen. Manche Rassen, die auf der Liste stehen, seien mit einer hohen Frusttoleranz gezüchtet worden, wie zum Beispiel der Rottweiler. "Diese Hunde mussten ja was aushalten. Warum er auf der Liste steht? Das ist völlig willkürlich."

Doch sie meint auch: Die Dunkelziffer an aggressiven Hunden ist sehr hoch. Oft seien Tiere in den völlig falschen Händen, bei Menschen also, die mit der Rasse überhaupt nicht klar kommen – und die Haltung völlig unterschätzten. "Man braucht Zeit, man braucht Geduld. Und man muss wissen, wie das Lebewesen, um das man sich kümmert, tickt."

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