1:3 gegen Argentinien Kahn nach TV-Zoff: "Ich will doch nur helfen"

Am ZDF-Analysetresen: Ex-Torhüter Oliver Kahn mit Moderatorin Katrin Müller-Hohenstein. Foto: Abendzeitung

Hier erklärt ZDF-Experte Oliver Kahn seine überraschend derbe Kritik an der Nationalelf und Bundestrainer Joachim Löw nach dem 1:3 gegen Argentinien. Bierhoffs Konter nimmt er persönlich

 

MÜNCHEN Oliver Kahn war etwas erschrocken am Donnerstagmorgen über das Echo seiner Kritik am Abwehrverhalten der Nationalelf. Probleme in der Defensive und eine zu defensive Emotion waren ihm gegen den Strich gegangen, sein Ärger musste raus im ZDF-Studio nach dem 1:3 des DFB-Teams gegen Argentinien. Also klickte sich der 43-Jährige rein in die ZDF-Mediathek. „Ich habe mir das nochmal angeschaut“, meinte der Ex-Bayern-Kapitän am Tag danach. Und? „Ich muss sagen: Das war von meiner Seite alles auf einem sachlichen Niveau. Mir ist das  ja nicht am Mittwoch zum ersten Mal aufgefallen. Ich habe auch nicht gepoltert, mir ging es rein um den Fußball. Einfach darum, Dinge anzusprechen, die mir auffallen. Das wird ja auch von mir als ZDF-Experten gefordert.“

Klartext eben. Auch wenn’s weh tut. Worum es ging: schlecht verteidigen und dann schön reden. Kahns erster Vorwurf vom Vorabend, sein Leib- und Magenthema als Ex-Torhüter: die Defensive. „Es ist ja alles schön und gut mit Spielphilosophie und Offensive, aber grundsätzlich hat der Gegner zu viele Torchancen. Man verliert nach einer blutleeren Vorstellung gegen Italien (im EM-Halbfinale mit 1:2, d.Red.) und bekommt jetzt drei Gegentore gegen Argentinien. Da kann man nicht zufrieden sein. Da muss sich der Bundestrainer langsam mal Gedanken machen.“ Ein Wurf, kein Wink mit dem Zaunpfahl.

Wie versteinert wirkte  Bundestrainer Joachim Löw, als ihm Kahn Punkt für Punkt die Defizite aufzählte und darüber hinaus – Vorwurf Nummer zwei – den Spielern mangelnde Einstellung vorhielt. Zehn Prozent würden fehlen, um die absolute Siegermentalität an den Tag zu legen. Der Ex-Torwart vermisst Leidenschaft, absoluten Siegeswillen – auch in einer unglücklichen Situation wie nach dem Platzverweis für Keeper Ron-Robert Zieler – und die nötige Portion Selbstkritik. „Diese Zufriedenheit nervt mich!“ Man solle nicht immer alles so locker hinnehmen. Löw konterte: „Das sehe ich nicht so. Wer will das denn beurteilen, ob 10, 12 oder acht Prozent fehlen. Ich kann aber keinem Spieler vorwerfen, dass er nicht alles gegeben hat. Die Mannschaft hat nichts unversucht gelassen.“

Es knisterte im Studio. Blickkontakt? Nein, danke. „Das ist doch normal, der Bundestrainer ist ja momentan auch nicht in einer entspannten Situation“, meinte Kahn. Das EM-Aus, die derbe Kritik, die Abrechnung Löws am Montag und nun der Fehlstart in den WM-Zyklus. Beim DFB ist die Leichtigkeit verflogen, Anspannung und Zweifel bestimmen Binnenleben und Umfeld.

So ist auch der dünnhäutige Konter von DFB-Teammanager Oliver Bierhoff auf die Kahn-Kritik einzuordnen. „Kahn saß nach dem Finale 2002 auch stumm am Pfosten“, meinte Bierhoff, damals sein Mitspieler, über das verlorene WM-Endspiel gegen Brasilien (0:2). Sprach Bierhoff diese Partie an, weil da ausgerechnet Bis-dato-Turnier-Held Kahn patzte? „Ich habe das nicht verstanden, kann das nicht nachvollziehen“, sagte Kahn am Donnerstag der AZ, „es war nicht mein Ansatz, persönlich zu werden. Was hatte seine Antwort mit dem zu tun, was ich gesagt habe? Mir ging’s um Lösungsansätze, ich will konstruktive Kritik leisten, doch nur helfen. Ich finde, dass  Jogi sehr gut  damit umgehen konnte.“ 

Bierhoff offenbar nicht. Eher zurückhaltend-vorsichtig hatte sich Löw geäußert. „Ich teile Kahns Meinung bedingt. Natürlich hätten wir einige Situationen besser lösen können. Keine Frage, das müssen wir besser machen. Daran werden wir arbeiten.“ Ist das die Demut, von der Löw sprach, wenn er sportliche Kritik annehmen wolle?

Ach, wie gut für alle Beteiligten, dass am 7. September die Elf der Färöer Inseln zum Start in die WM-Qualifikation nach Hannover kommt. Da sollte es keinerlei Defensiv-Sorgen geben.


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