Hochkarätige Gäste auf dem Podium

Bei einer Matinee am 17. November erwartet die Gäste eine Diskussion über Zukunftsfragen. Dazu gibt es Impulsvorträge, Startup-Präsentationen und ein
| Tobias Wullert
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Bei einer Matinee am 17. November erwartet die Gäste eine Diskussion über Zukunftsfragen. Dazu gibt es Impulsvorträge, Startup-Präsentationen und ein Flying Buffet. Die AZ sprach mit Podiumsgast Katrin Habenschaden

AZ: Frau Habenschaden, wie sieht München 2030 aus?

Katrin Habebschaden: Das kommt darauf an, wer München in den Jahren zuvor regiert hat. Meiner Vorstellung nach ist München 2030 europaweit ein Vorbild. Dann ist die Stadt eine prosperierende Metropole – so wie sie es heute auch schon ist. Aber mit einer klaren Vorbildfunktion, was die Zukunftsthemen Klimaschutz, Verkehr und Wohnen angeht.

Ist München bereit dafür?

Ja, München hat jetzt die Chance, diesen Weg einzuschlagen. Und die Menschen sind bereit, das höre ich immer öfter in Gesprächen mit den Bürgern. München muss den Verkehr nachhaltig gestalten und verflüssigen, so dass wir nicht mehr Deutschlands Stau-Hauptstadt Nummer eins sind. Und München muss, ähnlich wie Wien, Vorreiterin bei bezahlbarem Wohnen werden. Gleichzeitig dürfen wir nicht unsere Grün- und Erholungsflächen opfern. Und ganz wichtig: Wir sind es den Münchnern schuldig, endlich die Digitalisierung voranzutreiben. Ganze Tage, die man im Bürgerbüro verbringt, sollten der Vergangenheit angehören.

Wie hoch ist 2030 das höchste Haus?

Genau so hoch, dass es in Einklang mit der Umgebung und dem Willen der Anwohner steht. Gerne auch jenseits der 100-Meter-Grenze. Eine solche Art der Begrenzung gibt es dann hoffentlich nicht mehr.

Wie kann die Stadt trotz Hochhäusern ihren Charakter bewahren?

Man müsste schon genau schauen, wo diese das Stadtbild prägenden Gebäude stehen könnten. Das wird nicht direkt neben der Frauenkirche sein, und das wird auch nicht am Königsplatz sein. Sondern das wird dort sein, wo Urbanität neu entsteht und wo hohe Häuser auch passen.

Zum Beispiel?

An den Bahnachsen oder auf dem Areal der alten Paketposthalle – wo die 155-Meter-Türme derzeit auch diskutiert werden. Der Standort ist im weitesten Sinne ja auch eine Bahnachse.

"Wir müssen alles tun, damit wir die Klimaziele einhalten"

Warum muss die Stadt künftig ökologischer bauen?

Schon allein deswegen, weil wir unsere Klimaziele einhalten müssen. Ökologischer zu bauen bedeutet schließlich auch immer, dass es in der Folge nachhaltiger ist. Ökologisch gebaute Gebäude brauchen zum Beispiel viel weniger Energie. Aber wir müssen auch deshalb ökologischer bauen, weil uns die klassischen Baustoffe wie Kies oder Sand ausgehen.

Was sind Beispiele für München?

Es gibt in anderen Städten ganz tolle Beispiele für die Nutzung von Holzbauweisen. Das gilt nicht nur für Privathäuser, sondern auch für Verwaltungsgebäude oder Hochhäuser. Und auch begrünte Dächer und Fassaden haben einen hohen positiven stadtklimatischen Einfluss.

Um die Verkehrswende zu schaffen, braucht es den Ausbau von jeglichem ÖPNV.

Sie haben vorhin schon die Verkehrswende angesprochen. Wie kann und warum muss die denn gelingen?

Fest steht: Wenn es so weitergeht wie bisher, haben wir bald von 5.30 bis 21 Uhr eine durchgehende Rushhour auf den Straßen. Das bedeutet dann: Verkehrskollaps. Weil die Fläche nicht vermehrbar ist, müssen wir umorganisieren und den Verkehrsarten, die wenig Platz brauchen und viele Menschen transportieren, den nötigen Platz geben. Busspuren sind da ein gutes Beispiel: Sie sind schnell wirksam und kostengünstig. Und sie sorgen dafür, dass die Busse besser durch den Berufsverkehr kommen und dadurch attraktiver werden. Dann sind in letzter Konsequenz auch die Autospuren wieder leerer, und alle kommen wieder besser von A nach B.

Und U-Bahn und Tram?

Um die Verkehrswende zu schaffen, braucht es den Ausbau von jeglichem ÖPNV. Die Schaffung von Busspuren und neuen Tramlinien gehen schneller, aber auch die U-Bahnen müssen wir ausbauen. Und gerne können wir auch die Seilbahnen weiterdenken. Und natürlich ist auch eine bessere Infrastruktur für den Radverkehr wichtig.

Woher will man den Platz für den Ausbau nehmen?

Ich bin schon der Meinung, dass dort, wo Autos in erster Linie nur im Weg herumstehen und das 23 Stunden am Tag, der Platz besser verwendbar wäre. Ein Parkplatz nimmt ungefähr zwölf Quadratmeter ein. So groß sind die meisten Kinderzimmer in München nicht.

Wo parken die Autos dann?

Zum Beispiel in Parkgaragen, die wir am Stadtrand platzieren. Indem wir Park-and-Ride-Angebote ordentlich ausbauen und es so den Pendlern, die an der Stadtgrenze ankommen, deutlich leichter machen.

Sind Carsharing und E-Scooter eine Lösung gegen den Verkehrskollaps?

Eine gute Verknüpfung von Mobilität ist das A und O. Dazu kann auch Carsharing gehören. Bei den E-Scootern weiß ich nicht, ob sie der Weisheit letzter Schluss sind. Erste Studien zeigen schon, dass sie nicht wirklich Autofahrten ersetzen, sondern eher fußläufige Fahrten oder Fahrten mit dem Fahrrad. Auch insgesamt verursachen sie eher mehr Fragen als Antworten. Etwa: Wie lange sind sie haltbar? Was kosten sie in der Anschaffung?

Sie haben für WLAN in allen Münchner S-Bahnen gekämpft. Wo könnte man den ÖPNV noch komfortabler machen?

Das Wlan macht die S-Bahnen zwar komfortabler, aber nicht wirklich besser. Wlan in der S-Bahn gehört inzwischen einfach zum Standard, deshalb muss es auch dringend in München her. Die S-Bahn ist ein Herzstück unseres ÖPNV. Leider haben wir auf die S-Bahn als Kommunalpolitiker keinen Einfluss, weil sie Sache des Freistaates ist. Ich werde oft persönlich darauf angesprochen, wenn ich selbst am S-Bahnhof warte, und muss das dann erklären. Ändern muss sich dringend etwas: Die S-Bahn ist richtig schlecht, was das Angebot, die Qualität und die Zuverlässigkeit angeht. Vor allem am Stadtrand, wo oft nur eine Linie fährt, ist sie wirklich ein Graus. Wichtig vor allem ist, dass die S-Bahn künftig durchgängig im Zehn-Minuten-Takt fährt. Eine alte Forderung der Grünen ist der S-Bahn-Nordring. Hier haben wir jetzt bei den Plänen für den S-Bahn-Nordring auch BMW auf unserer Seite. Denn bei der geplanten Trasse ist auch ein Pendelverkehr zum BMW-Forschungs- und Innovationszentrum (FIZ, d. Red.) geplant.

Wir müssen alles dagegen tun, dass München zu einer Stadt wird, die von Investoren gelenkt wird.

Wie bleibt München in Zukunft lebenswert und bezahlbarer?

Das kann nur gelingen, wenn wir in der Wohnungspolitik im Stadtrat den Faktor „bezahlbar“ in den Fokus stellen. Wir müssen alles dagegen tun, dass München zu einer Stadt wird, die von Investoren gelenkt wird.

Wie könnte das konkret gelingen?

Etwa, indem wir die Zielzahlen bei unseren städtischen Wohnungsbaugesellschaften – der GWG und der Gewofag – erhöhen. Auch müssen wir die Potenziale dort ausschöpfen, wo Flächen bereits versiegelt sind. Und dort schauen, wo wir nachverdichten können. Es gibt Industriegebiete, die sich in ihrer Nutzung vollkommen überholt haben. Etwa der Euro-Industriepark. Der ist einstöckig bebaut, und davor gibt es riesengroße Parkplätze.

Wäre das auch Ihre Antwort auf die Nachverdichtungsgegner?

Ja, klar. Nachverdichtung ist ja nicht per se etwas Schlechtes. Wenn man es gut macht, können bessere und gute Möglichkeiten zu wohnen und zu leben entstehen, als es momentan der Fall ist.

Wie kann die Stadt trotz der hohen Mietpreise ihr Gesicht bewahren?

Da ist die Planung von neuen Stadtquartieren relevant. Hier müssen dringend belebte Erdgeschosszonen mit eingeplant werden. Es dürfen keine Stadtviertel entstehen, die tagsüber langweilig und nachts tot sind, sondern dort muss die Infrastruktur schon mit eingeplant werden. Belebte Erdgeschosszonen müssen also schon Planungsvorgabe sein.

Warum wäre es wichtig, dass die Stadt künftig Gewerbeflächen vermehrt nach ökologischen Richtlinien vergibt? Die Stadt ist Ihren Forderungen da ja nicht nachgekommen.

Es gibt ganz viele Unternehmer, die im Sinne vom nachhaltigen Wirtschaften schon auf einem guten Weg sind – die schon viel weiter sind, als wir es in der Politik sind. Vor allem weiter sind, als die GroKo es ist. Und wenn es darum geht, welche Unternehmer wir fördern, indem wir städtische Grundstücke zur Verfügung stellen, ist es mir wichtig, dass wir a) die Unternehmer fördern, die wir in der Stadt brauchen, etwa Handwerk und versorgende Dienstleistungen. Und b), dass wir die Unternehmen fördern, die sich im Bereich Klimaschutz schon auf einen guten Weg gemacht haben.

Was muss denn aus ökologischer Sicht getan werden?

Wir müssen alles tun, damit wir die Klimaziele einhalten. Das ist die Herausforderung für alle politischen Ebenen – auch auf der kommunalen. Wir Grünen haben den Klimanotstand in der Stadt beantragt. Dahinter steckt, dass wir keine Maßnahme mehr besprechen wollen, ohne dass wir auch ihre Klimaauswirkungen mitdiskutieren. Wichtig ist aber – neben Verkehr und Gebäudestandards – auch die Energieversorgung. Wir haben auch eine klare Position, was das HKW Nord angeht, waren Teil des Bürgerbegehrens „Raus aus der Steinkohle“. Aber auch Plastikvermeidung ist ganz wichtig. Da hat die Stadt als große Einkäuferin auch einen großen Hebel.

Was kann die Stadt bei der Müllvermeidung verbessern?

Sie kann mit gutem Beispiel vorangehen. Beim Thema Plastikvermeidung und der Aufklärung über alles, was dahinter steckt. Etwa das Thema Mikroplastik. Auch bei diesen Themen sind viele Unternehmer schon viel weiter, als wir es sind. Schon allein aus wirtschaftlichen Gründen. Andersherum kann die Wirtschaft in dem Bereich ein guter Partner für die Stadt sein.

Was sind noch weitere Herausforderungen, denen München in der Zukunft begegnen muss?

Bildung ist ein Punkt, den wir auch auf kommunaler Ebene immer mehr in den Fokus nehmen müssen. Für uns Grüne ist Bildung mehr als Schule. Wir haben tolle außerschulische Angebote, etwa Jugendzentren, die wir stärken möchten und müssen. Und Bildung beginnt bei uns auch schon in den Kitas. Hier müssen wir genügend Plätze und genügend Personal haben, damit auch die Qualität stimmt. Wesentlich ist auch die Digitalisierung im Bildungsbereich. Aber da überholen uns die Kinder sowieso. Ein weiteres Thema ist die Integration. Hier müssen wir in Zukunft einfach viel mehr die Chancen sehen, die hier in München – vor allem mit Blick auf den Fachkräftemangel – bestehen. Indem wir die Sprachkompetenz stärken – bei Kindern und Jugendlichen sowie Erwachsenen. Und: durch eine pragmatische Anerkennung von internationalen Abschlüssen.

Interview: Tobias Wullert


Die Matinee der Visionäre

Wie sieht unsere Welt in nicht allzu ferner Zukunft aus – sagen wir: 2030? Mit Fragen wie diesen befasst sich der Zukunftstag von Misereor und der Abendzeitung, der am 17. November von 11 bis 15 Uhr im Bayerischen Hof stattfindet.

Im Festsaal diskutieren Experten darüber, wo wir in zehn Jahren aus philosophischer, sozialer, technischer und wirtschaftlicher Sicht stehen. Moderiert wird die hochkarätige Runde von AZ-Chefredakteur Michael Schilling. Podiumsgäste sind neben Katrin Habenschaden (Bündnis 90/Die Grünen) die Autorin Isabelle Liegl, Michael Dandorfer (Vorstand der Münchner Bank), Pirmin Spiegel (Hauptgeschäftsführer Misereor), Rita Panicker (Butterflies India) und Professor Martin Balle, Verleger der Abendzeitung. Kabarettistin Andrea Limmer wird mit ihren Visionen zur Zukunft die Diskussion anstoßen. Der Reinerlös des Eintritts kommt Butterflies India zugute, dem Hilfsprojekt von Rita Panicker, mit dem sie Straßenkinder in Indien unterstützt.

Vor dem Zukunftstag findet um 9 Uhr in der nahegelegen Kirche St. Michael in der Neuhauser Straße ein Gottesdienst statt.

Hotel Bayerischer Hof / Ballsaal, Promenadeplatz 2. Eintritt: 10 Euro inklusive Buffet, Getränke und Infoprogramm. Infos unter abendzeitung.de/zukunftstag. Über den AZ-Shop bestellte Tickets sind an der Tageskasse zur Abholung hinterlegt. Außerdem gibt es Tickets an der Tageskasse.

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