Zu viel Oberbayern? Medien-Professor fordert mehr Programmvielfalt beim BR

Der Würzburger Medien-Professor Kilian Moritz fordert mehr Ausgewogenheit im Programm von Radio und Fernsehen - bei der Musik und beim Dialekt.
| Hanna Gibbs
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Die Bläser der "Boarischen Bris" musizieren hoch oben auf dem Wendelstein.
Die Bläser der "Boarischen Bris" musizieren hoch oben auf dem Wendelstein. © BR/Ulrike Meckel

Es gibt ein Ungleichgewicht beim Bayerischen Rundfunk. Das findet Kilian Moritz, Professor für Journalismus und Medien an der Hochschule für angewandte Wissenschaften Würzburg-Schweinfurt. Das fängt seiner Ansicht nach beim Dialekt an. Sein Vorwurf: Wenn der Bayerische Rundfunk Dialektbegriffe überregional verwende, dann seien die gut wie immer oberbayerisch wie "Jetzt red i" oder "Betthupferl".

Vor allem Franken und Oberpfalz kämen im BR-Programm zu kurz

Gänzlich bedient ist der Würzburger Professor, wenn eine Sendung "Bei uns dahoam - in Kulmbach" heißt und von einem Oberbayern moderiert wird. "Was würden Oberbayern über eine Folge ,Bei uns dehemm im Chiemgau', moderiert von einem Franken, sagen?" Er stehe mit seiner Kritik nicht alleine, sagt Moritz, der in den 90er Jahren selbst als Redakteur für Volksmusik beim BR gearbeitet hat. "Vielen Leuten stinkt das." Vor allem Franken und die nördliche Oberpfalz kämen zu kurz.

Kilian Moritz hat das BR-Programm ausgewertet und wünscht sich mehr Vielfalt, in der Volksmusiksparte genauso wie im Fernsehen.
Kilian Moritz hat das BR-Programm ausgewertet und wünscht sich mehr Vielfalt, in der Volksmusiksparte genauso wie im Fernsehen. © Aurelia Moritz

Moritz betont: Journalistisch bestehe kein Ungleichgewicht, hier sei der BR "hervorragend in ganz Bayern regional präsent". Ganz anders sehe es aber bei fiktiven Formaten im Fernsehen aus, die von südbayerischen TV-Serien wie "Dahoam is Dahoam" oder "Hubert und Staller" geprägt seien. Eine ähnliche Serie aus Franken oder der nördlichen Oberpfalz mit nordbayerischen Motiven, Landschaften und den dortigen vielfältigen Dialekten gebe es nicht.

Programm-Auswertungen zeigen Probleme bei Radio und Fernsehen

Diese Regionen seien beim Unterhaltungsangebot des Bayerischen Rundfunks permanent unterrepräsentiert. Das habe eine Programm-Auswertung ergeben, die er angestellt hat. Und das gelte sowohl fürs Radio wie fürs Fernsehen. Der BR räumt das teilweise ein und begründet es mit fehlenden Drehbüchern und hochwertig produzierter Musik aus der Region.

Akribisch hat sich Moritz mit dem Programm des Digitalsenders "BR Heimat" beschäftigt - dem Ort für Volksmusik beim Bayerischen Rundfunk. An verschiedenen Tagen analysierte Moritz die gespielten Lieder. Am 29. Juni 2020 liefen demnach beispielsweise von 1 bis 18 Uhr von 311 Musiktiteln nur neun aus Franken. Das entspreche einem Anteil von drei Prozent, sagt Moritz. Doch aus Franken komme ein Drittel der Bevölkerung des Freistaats - und damit auch der Rundfunkgebührenzahler. Fränkische Volksmusik sei nur auf bestimmte Zeitfenster festgelegt, auf Dienstag- und Donnerstagmorgen im "Heimatspiegel" und auf "Fränkisch vor 7" täglich um 18 Uhr.

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Moritz fordert mehr Musikrotation: Volksmusik aus allen bayerischen Regionen

"Außerhalb dieser begrenzten Sendezeiten findet Musik und Dialekt aus dem Norden Bayerns kaum statt", kritisiert Moritz, der selbst Tuba und Kontrabass in einem Volksmusik-Quartett spielt. Dabei schließt er Musik aus der nördlichen Oberpfalz ausdrücklich mit ein. Was ihn ebenfalls ärgert: Es gebe Sendestunden, in denen eher Musik aus Österreich, Tirol und Südtirol zu hören ist als Musik aus Nordbayern. Moritz plädiert für eine Musikrotation. Er stellt sich eine Durchmischung der Musik aus den verschiedenen Landesteilen vor, darunter 25 Prozent aus Nordbayern, 50 Prozent aus dem restlichen Freistaat und 25 Prozent aus den angrenzenden Nachbarregionen - "dann aber bitte nicht nur aus Tirol, sondern zum Beispiel auch aus Thüringen und Tschechien".

Eine BR-Sprecherin betont, der Sender wolle die kulturelle Vielfalt Bayerns möglichst breit abbilden. "Das gelingt in weiten Teilen unseres Programms sehr gut, in anderen dagegen nicht in dem Umfang, den wir uns selbst wünschen." Deutschlandweit gebe es nur ganz wenige, wirklich starke Filmstandorte - in Bayern sei das München. Es zeichne sich jedoch spürbar ein Veränderungsprozess ab, Produktionsfirmen würden inzwischen verstärkt an fränkischen "Locations" wie Bamberg oder Würzburg drehen. Die Sprecherin verweist auf den "Tatort" aus Franken, mit dem die Region auf einem der wichtigsten Sendeplätze der ARD prominent vertreten sei.

Im BR-Archiv finden sich deutlich mehr hochwertig produzierte Titel aus Altbayern

Im Herbst werde der BR-Fernsehfilm "Geliefert" mit Bjarne Mädel in der Hauptrolle in der ARD ausgestrahlt, der unter anderem in Regensburg gedreht wurde. Grundsätzlich sei der BR offen für gute Stoffe, die in Franken oder der Oberpfalz spielen. Doch leider würden kaum Drehbücher aus diesen Regionen eingereicht.

Volksmusik aus Franken sei im Programm von BR-Heimat tatsächlich tendenziell unterrepräsentiert, räumt die Sprecherin ein. Das habe historische Gründe. Im Alpenraum habe es früh bekannte Volksmusiker gegeben, die das Format für Radio und Fernsehen erst interessant gemacht hätten. Das habe zur Folge, dass sich im BR-Archiv bis heute deutlich mehr hochwertig produzierte Titel aus Altbayern als aus Franken finden. "Aus diesem Grund wäre eine strenge Regionalquote in der Rotation derzeit gar nicht umsetzbar." Ein Lichtblick für Moritz: 2021 ist ein genuin fränkisches Volksmusik-Format aus dem Studio Franken im BR-Fernsehen geplant.

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