Wieso die Debatte um die deutsche Atomkraft nicht endet

Das deutsche Atomzeitalter ist Geschichte. Eigentlich. Vor drei Jahren ging das letzte AKW in Bayern vom Netz. Während die Kraftwerke abgerissen werden, gibt es wieder Debatten über die Atom-Zukunft.
von  Ute Wessels und Marco Hadem, dpa
Das seit 2023 stillgelegte Kernkraftwerk Isar 2 befindet sich im Rückbau. (Archivbild)
Das seit 2023 stillgelegte Kernkraftwerk Isar 2 befindet sich im Rückbau. (Archivbild) © Peter Kneffel/dpa

Drei Jahre nach dem Aus für das Atomkraftwerk Isar 2 in Niederbayern schreitet dessen Rückbau unaufhaltsam voran. Nach einer Panne im November 2025 laufen die Arbeiten seit März wieder regulär, wie eine Sprecherin des Betreibers PreussenElektra mitteilte. Trotzdem erfreut sich die Debatte um die Zukunft der Atomkraft einer schier endlosen Beliebtheit. 

Zur jüngsten Idee von Unionsfraktionschef Jens Spahn (CDU) zur Wiederinbetriebnahme abgeschalteter AKW kommt von PreussenElektra für Isar 2 prompt die klare Absage: "Wir bleiben dabei: Aus unserer Sicht ist die Anlage nicht mehr reaktivierbar."

Der Meiler in Essenbach (Landkreis Landshut) befindet sich seit April 2024 im Rückbau, die Arbeiten sollen Anfang 2040 abgeschlossen sein. Isar 2 war als eines der letzten drei damals noch laufenden Atomkraftwerke in Deutschland in der Nacht zum 16. April 2023 vom Netz gegangen. Damit war der deutsche Atomausstieg vollzogen. 

Neben Spahn hatte in den vergangenen Monaten auch CSU-Chef Markus Söder immer wieder für eine Zukunft der Atomenergie geworben. Er sprach sich dabei - wie auch Wirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) - aber nicht für klassische Atomkraftwerke, sondern für sogenannte Small Modular Reactors (SMR) aus. Das sind kleine Meiler, die bisher weltweit aber noch nicht serientauglich für die Energieerzeugung nutzbar sind. 

Gesetzeslage verhindert Renaissance der Atomkraft

Abseits der technischen Umsetzung verhindert derzeit auch der rechtliche Rahmen eine Renaissance der Atomkraft in Deutschland. Darauf weist in einer aktuellen Anfrage der Grünen im Landtag auch das bayerische Umweltministerium explizit hin: "Um die atomrechtliche Zulassung der Errichtung und des Betriebs von SMR in Verbindung mit der Stromerzeugung sowie der Transmutation zu ermöglichen, müsste im Atomgesetz des Bundes das Verbot der Neugenehmigung kommerzieller Kernkraftwerke sowie der Wiederaufarbeitung bestrahlter Kernbrennstoffe und der hierfür notwendigen Anlagen aufgehoben werden."

Für den energiepolitischen Sprecher der Landtagsgrünen, Martin Stümpfig, wäre eine Änderung des Atomgesetzes ein Tabubruch, der weit mehr Folgen hätte: "Kurz vor dem 40. Jahrestag von Tschernobyl will Markus Söder ein Wackersdorf 2.0 zulassen", sagte er. Um Söders SMR-Fantasien umsetzen zu können, müsse das Verbot neuer Atomkraftwerke gekippt und sogar die Wiederaufarbeitung wieder zugelassen werden. "Das ist brandgefährlich, teuer und hilft uns in der aktuellen Ölpreiskrise kein bisschen." 

Weiteres Problem: Endlagersuche zieht sich über Jahrzehnte

Gegen die Rückkehr zur Kernkraft spricht auch, dass es noch immer kein Endlager für den radioaktiven Abfall gibt. Die Suche nach einem geeigneten Standort läuft zwar seit Jahrzehnten, bisher ist aber kein Ende absehbar. Ursprünglich wollte man bis 2031 einen Standort benennen. Doch der Zeitplan ist nicht zu halten. Nach den gegenwärtigen Prognosen könnte die Suche bis 2074 dauern. Und dann wäre nur der Standort ausgewählt. Das Endlager müsste anschließend auch noch errichtet werden. Derzeit lagert der Atommüll in sechzehn Zwischenlagern.

Was geschieht aktuell am Kraftwerk Isar 2?

An den AKW-Standorten wird mit Hochdruck am Rückbau gearbeitet. Im Meiler Isar 2 läuft der Sprecherin zufolge beispielsweise seit Ende 2024 die Zerlegung der Reaktordruckbehälter‑Einbauten. Bei diesem Teilprojekt hatte es im November 2025 einen sogenannten meldepflichtigen Vorfall gegeben. Dabei war ein etwa 800 Kilogramm schweres Metallstück in das doppelwandige Becken gefallen und beschädigte dessen innere Auskleidung, wie das Unternehmen damals mitteilte. Durch den Riss lief Wasser in den Zwischenraum zwischen der inneren und äußeren Beckenwand.

Nach erfolgreicher Reparatur der Beckenauskleidung seien die Arbeiten an diesem Teilprojekt kürzlich wieder aufgenommen worden, so die Sprecherin. Die Reparatur sei in enger Abstimmung mit der atomrechtlichen Aufsichtsbehörde erfolgt. Der Abschluss der Zerlegung und der Verpackung sei für Mitte 2027 geplant. Überdies seien zwischen Mai 2025 und Februar 2026 die Hauptkühlmittel‑Leitungen demontiert worden.

Weitere mehrjährige Rückbau-Teilprojekte seien in Vorbereitung: Die Dampferzeuger sollen von 2026 bis 2031 in zwei Etappen zerlegt werden. Eine Kampagne zum Entfernen weiterer Brennelemente sei für August 2027 bis August 2028 vorgesehen. Von September 2028 bis März 2030 sollen die Demontage des Reaktordruckbehälters sowie bis Anfang 2033 die Demontage von biologischem Schild und Tragschild folgen.

Weitere Meiler in Bayern im Rückbau

Nach der Reaktorkatastrophe im japanischen Fukushima im März 2011 schwenkte Deutschland auf einen Anti-Atom-Kurs um. Acht vorwiegend ältere Kraftwerke mussten noch im Sommer 2011 endgültig vom Netz. Darunter war der 1979 in Betrieb gegangene Block 1 des niederbayerischen AKW Isar. Dessen Block 2 lief seit 1988. Isar 1 befindet sich seit 2017 im Rückbau.

Das Atomkraftwerk Grafenrheinfeld südlich von Schweinfurt war bis zu seiner Abschaltung das älteste noch aktive AKW in Deutschland. Es war von 1981 bis 2015 in Betrieb. Seither wird es zurückgebaut. Die zwei Kühltürme wurden im August 2024 gesprengt.

Ende Oktober 2025 folgte die Sprengung der Kühltürme des Kernkraftwerks Gundremmingen im Landkreis Günzburg. Dieses war Ende 2021 mit der Abschaltung des dritten Blocks endgültig vom Netz gegangen. Seitdem wird die Atomanlage zurückgebaut, was noch bis in die 2030er Jahre dauern soll.

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