Wiesn-Kuriosa: Flöhe als Artisten und Turbo-Rolltreppen

Bis zu zehn Grad wärmer, Rolltreppen im Turbo-Modus, Flöhe als Artisten - und das Wiesntraining der Münchner Oberbürgermeister: Am Samstag startet das Volksfest - hier ein paar überraschende Fakten.
von  Sabine Dobel und Britta Schultejans, dpa
Am Samstag startet das Oktoberfest - drumherum gibt es einige ungewöhnliche Fakten. (Archiv)
Am Samstag startet das Oktoberfest - drumherum gibt es einige ungewöhnliche Fakten. (Archiv) © Felix Hörhager/dpa

Oktoberfest. Der Ort des Bieres. Der Sehnsüchte. Und der Überraschungen: Rolltreppen laufen schneller, das Klima ist wärmer - und Flöhe werden zu Artisten.

Heiß, heißer - Wiesn

Hot. Aufgeheizt. Und fast tropisch. Auf der Wiesn kann es bis zu zehn Grad wärmer sein als sonst in der Stadt, und die Luftfeuchtigkeit kann ein Drittel höher liegen. Das hat vor einigen Jahren der Bonner Meteorologe Karsten Brandt bei Messungen herausgefunden. Grund sind Lichter, Fahrgeschäfte, Hendl-Bratereien, Küchen - und vor allem: Menschen. Der Wärme-Effekt ging laut Brandt zu zwei Dritteln von den Besuchern aus. Ein Mensch erzeuge 80 Watt - so viel wie eine große alte Glühbirne, erläuterte Brandt damals. Zudem atmen und schwitzen die Besucher. Die Feuchtigkeit liege "wie eine warme feuchte Glocke" über dem Fest. Allerdings reicht es nicht für die Bildung von Nebel - oder Regenwolken. Dazu ist das Gelände zu klein.

Sack Flöhe mit Nachwuchsmangel

Die kleinsten Protagonisten auf der Wiesn wiegen 0,2 Milligramm und sind vier Millimeter groß. Zumindest wenn sie Hunger haben - nach der Mahlzeit sind sie größer. Rund 80 Flöhe "arbeiten" auf der Wiesn in mehreren Schichten. Sie ziehen Kutschen, spielen Fußball und tanzen Flohballett. Der Direktor des Flohzirkus, Robert Birk, "dressiert" sie mit Licht, Schall und Wärme: Vor der Schau bringt er die Tierchen mit Wärme in Bewegung und steuert sie dann bei grellem Licht mit Klopfen auf den Bühnenboden. In Abständen wechselt er die erschöpften Artisten aus und kühlt sie auf 18 Grad, damit sie zur Ruhe kommen.

Der Direktor füttert seine Lieblinge persönlich - etwa an seinem Unterarm. Es fehle allerdings ständig an Nachwuchs, sagt Birk. Die kräftigeren Hundeflöhe sind rar geworden - und Katzenflöhe sind schneller erschöpft. "Wir kämpfen immer darum, dass wir genug Flöhe haben." Man könne die Tiere kaufen, aber das sei teuer: 200 Flöhe kosten laut Birk fast 1.200 Euro. Sie sind eigentlich Versuchstiere für Insektenvernichtungsmittel. Der laut Birk einzige Flohzirkus in ganz Europa gastiert außer auf der Wiesn nur auf verschiedenen historischen Jahrmärkten.

Rasante Rolltreppe

Schnell zur Wiesn - dafür legt gelegentlich auch die Rolltreppe etwas Tempo zu: Die Münchner Verkehrsgesellschaft (MVG) lässt zum Oktoberfest die Bänder am U-Bahnhof Theresienwiese nach oben teils schneller laufen. Rolltreppen in Deutschland fahren nach der Norm DIN 18024 mit 0,5 Metern pro Sekunde. Das gilt als ein bewährter Kompromiss zwischen Sicherheit und Leistung. Zur Wiesn-Stoßzeit beschleunigten sie teilweise auf 0,68 Meter pro Sekunde, um in Spitzenzeiten bis zu 12.500 Menschen pro Stunde Richtung Festgelände zu befördern. Zum superschnellen Fahrgeschäft werden die Rolltreppen damit nicht: In vielen Ländern sind Rolltreppen auch im Normalbetrieb mit mehr Tempo unterwegs.

Abfall ohne Eimer

Müllkorb? Fehlanzeige. Wiesn-Neulinge suchen vergeblich nach einer ordentlichen Möglichkeit, Pappteller und Würstchenreste loszuwerden. Abfallkörbe wurden nach dem Oktoberfestattentat von 1980 abgeschafft. Denn die Bombe des rechtsradikalen Attentäters explodierte just in einem Müllkorb. Die städtische Straßenreinigung beseitigt alljährlich tonnenweise Kehricht. Und der Abfallwirtschaftsbetrieb München entsorgt Hunderte Tonnen Restmüll und Speisereste von der Wiesn.

Warum Münchner Oberbürgermeister für die Wiesn trainieren

Zwei Schläge, dann läuft das Bier aus dem Fass - die Wiesn ist eröffnet: Was einfach aussieht, wird vorher geübt. Wochen vor dem Oktoberfest zieht sich ein Münchner Oberbürgermeister mit seinem Trainer zurück, um den rechten Schlag zu üben: Anzapfen will gelernt sein. Die magische Zahl der Schläge ist in München bei der live im TV übertragenen Wiesn-Eröffnung ein wichtiges Kriterium für das Ansehen eines Stadtoberhaupts.

Der frühere Rathauschef Christian Ude schaffte es 2005 als erster OB, den Zapfhahn mit nur zwei Schlägen ins Fass zu bringen, sein Nachfolger Dieter Reiter tat es ihm gleich - beide nahmen Unterricht. Ude hatte in seinem ersten Amtsjahr 1993 Lehrgeld bezahlt: Nach dem sechsten Schlag ertönten "Aufhören"-Rufe, doch er musste noch einmal nachsetzen, bis er mit dem Ruf "O'zapft is" das Volksfest eröffnen konnte. Der frühere OB Thomas Wimmer soll bei seinem ersten öffentlichen Anzapfen mindestens 17 Schläge gebraucht haben. Auch Neu-OB Dominik Krause hat geübt - gespannt wird erwartet, wie viele Schläge er braucht.

Das Bier und die Sanitäter

Die auf der Wiesn vertretenen Münchner Traditionsbrauereien Augustiner, Hacker-Pschorr, Hofbräu, Löwenbräu, Paulaner und Spaten brauen jeweils ihr eigenes Oktoberfestbier - nach streng geheim gehaltenen Rezepten. Der Alkoholgehalt liegt zwischen 5,3 und 6,6 Prozent. Das Bier ist stärker als normales Helles, trinkt sich aber in der Schwüle der Zelte beim gemeinsamen Prosit leicht weg. Die Folgen merken die Sanitäter auf der Wiesnwache: 2025 behandelte der Aicher-Sanitätsdienst 7.158 Personen. Bei rund 39 Prozent der Fälle handelte es sich um alkoholbedingte Notfälle.

Was das Münchner Kindl mit Pumuckl zu tun hat

Seit diesem Jahr ist die 27-jährige Sina Hochreiter das amtierende "Münchner Kindl", das in städtisches Schwarz-Gelb gewandet hoch zu Ross den Einzug der Wiesnwirte und den Trachtenumzug anführt. Und sie hat eine berühmte Vorgängerin: Pumuckl-Erfinderin Ellis Kaut wurde 1938 zum allerersten Münchner Kindl berufen.

216 Jahre Wiesn - aber nur 191 Oktoberfeste

Mehrfach in seiner gut 216-jährigen Geschichte seit 1810 hat das Münchner Oktoberfest Zwangspausen einlegen müssen. Rund zwei Dutzend Mal fiel das Volksfest aus - Gründe waren Kriege, Krankheiten und Inflation. 2021 und 2022 machte die Corona-Pandemie der Stadt einen Strich durch die Rechnung. Aber auch im 19. Jahrhundert scheiterte das Volksfest zweimal an einer Seuche - damals tobte die Cholera.

merken
Nicht mehr merken
X

Sie haben den Inhalt der Merkliste hinzugefügt.