Wie läuft's in Bayerns Schulen, Herr Kultusminister?

Bayerns Kultusminister Bernd Sibler (47) im AZ-Interview über seinen Vorgänger Ludwig Spaenle, unzufriedene Pädagogen und Islamunterricht.
| Markus Peherstorfer
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AZ-Interview mit Bernd Sibler: Der 47-jährige CSU-Politiker hat in Passau Lehramt studiert und ist seit März Kultusminister in Bayern.
imago AZ-Interview mit Bernd Sibler: Der 47-jährige CSU-Politiker hat in Passau Lehramt studiert und ist seit März Kultusminister in Bayern.

AZ: Herr Sibler, Sie sind seit 100 Tagen im Amt. Ihr Vorgänger Ludwig Spaenle (CSU) ist wegen offensichtlich schlechter Leistungen nicht wiederbestellt worden. Haben Sie schon Angst vor dem Herbst?
BERND SIBLER:
Wir hatten insgesamt einen sehr guten Start im neuen Kabinett. Die Rückmeldungen von den Lehrern und den Eltern sind gut, weil wir sehr offen kommunizieren und weil wir zuhören. Wir stehen durch das, was Ludwig Spaenle im Schulbereich erarbeitet hat, auch auf einer guten Basis. Dass er nicht wiederberufen wurde, war für mich überraschend.

Sie haben am Donnerstag 700 neue Studienplätze für das Grundschul-Lehramt angekündigt. Bis diese Lehrer fertig ausgebildet sind, wird es aber dauern. Wie wollen Sie im kommenden Schuljahr die Unterrichtsversorgung sichern?
Wir tun beides. Wir sichern die aktuelle Unterrichtsversorgung und wir blicken in die Zukunft. Noch als Wissenschaftsstaatssekretär habe ich gesehen, dass es eine korrigierte Geburtenprognose mit einem deutlichen Zacken nach oben gibt. Also haben wir sehr frühzeitig entschieden, dass wir die Studienplätze für das Grundschul-Lehramt ausbauen müssen. Wir haben gemeinsam mit dem Wissenschaftsministerium jetzt 65 neue Stellen auf den Weg gebracht. Einen Schwerpunkt setzen wir in München, weil der Bedarf in Oberbayern besonders groß ist.

Zurzeit gibt es zu wenig Grund- und Mittelschullehrer. Junglehrer und Referendare sagen immer wieder, dass sie mit der Behandlung durch den Staat unzufrieden sind. Müssen Sie nicht auch die Attraktivität des Berufs steigern?
Wir haben in den letzten Jahren in den Grund-, Mittel-, Förder- und Berufsschulen praktisch 100 Prozent der Absolventen eingestellt. Seit 2005 sind unsere Lehrerbedarfsprognosen sehr treffsicher. Dort haben wir auch darauf hingewiesen, dass es ab 2010 bei den Realschulen und Gymnasien schwierig werden würde, vor allem mit bestimmten Fächerkombinationen. Wir geben jenen Gymnasial- und Realschullehrern, die keine Anstellung bekommen haben, jetzt die Möglichkeit einer niedrigschwelligen, ein- bis zweijährigen Zweitqualifizierung für Grund-, Mittel- oder Förderschulen. Da werden sie vergleichbar zum Beamtengehalt bezahlt und haben die Aussicht auf Verbeamtung. Außerdem können sie, wenn es wieder einmal Bedarf gibt, in ihr ursprünglich studiertes Lehramt wechseln. Das macht kein anderes Bundesland. Außerdem haben unsere Lehrer in Bayern im Vergleich zu anderen Bundesländern rund zehn Prozent mehr Gehalt.

Sachsen zahlt Referendaren künftig 1.000 Euro im Monat Zuschlag, wenn sie in den ländlichen Raum gehen. Ein Vorbild für Bayern?
Diese Notwendigkeit sehen wir nicht. Unsere Standorte für das Lehramtstudium sind über das ganze Land verteilt. Dadurch ist die Verteilung ausgewogener. Wir haben eher die Herausforderung, dass die Leute lieber nach Niederbayern gehen als nach München.

Der Bayerische Lehrer- und Lehrerinnenverband kritisiert, dass das Sitzenbleiben jedes Jahr 440 Millionen Euro kostet. Ist das Sitzenbleiben noch zeitgemäß?
Erstens haben wir ein sehr stark ausgebautes Unterstützungs- und Fördersystem. Zweitens haben wir es dadurch geschafft, dass die Zahl der Wiederholer in den letzten zehn Jahren deutlich zurückgegangen ist. Drittens ist Wiederholen ultima ratio, wenn es gar nicht mehr klappt. Ich glaube schon, dass das ein wichtiger Schuss vor den Bug sein kann.

Heinz-Peter Meidinger, der Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, sagt: Für eine Leistung, für die man in Bayern vor zehn Jahren noch eine Zwei bekommen hätte, gibt es jetzt oft eine Eins. Soll diese Noteninflation weitergehen?
Meidinger hat auch gesagt, dass die Entwicklung in Bayern mit am besten ist. Wir setzen in Bayern auf ein leistungsstarkes und von Qualität geprägtes Bildungswesen. Wenn wir uns die Leistungstests anschauen, sehen wir, dass wir das in Bayern relativ gut hinbekommen. Nichtsdestotrotz müssen wir aufpassen, dass wir das im Griff behalten. Es glaubt aber auf der anderen Seite doch niemand, dass junge Leute heute zum Beispiel schlechter Englisch sprechen als vor 20 oder 40 Jahren. Das hat sich dramatisch verbessert. Ich sage allerdings dazu: Zeugnisse müssen ein realistisches Bild wiedergeben.

Seit einigen Jahren gibt es in Bayern den Modellversuch Islamunterricht. Sie haben angekündigt, diesen nicht mehr auszuweiten, sondern 2019 zu entscheiden, wie es damit weitergehen soll. Was sind da Ihre Vorstellungen?
Mehr als 300 Schulen beteiligen sich an diesem Modellversuch. Das reicht. Ich wehre mich dagegen, das Ergebnis eines Modellversuchs faktisch vorwegzunehmen, indem man ihn einfach munter ausweitet. Wir werden die Evaluation im nächsten Jahr abwarten. Die Rückmeldungen sind insgesamt gut. Islamischer Unterricht ist kein konfessioneller Religionsunterricht. Er richtet sich auch nur an muslimische Kinder. Das katholische Mädchen vom Lande wird definitiv nicht dazu verdonnert, den Koran auswendig zu lernen. Ich sage das ausdrücklich dazu, weil ich das auf vielen AfD-Seiten im Netz immer wieder mal gelesen habe.

Vor den Pfingstferien hat die Polizei an den bayerischen Flughäfen Schulschwänzer aufgegriffen. Sind solche Aktionen auch vor den Sommerferien geplant?
Ich stehe dafür, dass das kontrolliert wird. Sonst beklagt man immer jede Unterrichtsstunde, die ausfällt, und in den letzten Schultagen vor den Ferien wäre es dann egal. Die Schulpflicht ist ein hohes Gut. Die Eltern sind ein wichtiges Vorbild, wenn es darum gut, Pflichten einzuhalten. Übrigens sind das keine gezielten Kontrollen gewesen, sondern nach meinem Wissen ist das an Flughäfen schlicht aufgefallen.

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