Waldkraiburg: Anschläge auf türkische Läden schüren Ängste

Eine Brandstiftung, eingeworfene Scheiben - und immer sind türkische Läden das Ziel. Die Befürchtungen mehren sich, dass Extremisten hinter den jüngsten Taten in Waldkraiburg stecken. 
| Sabine Dobel/dpa
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In der Nacht wurden die Fensterscheiben des türkischen Imbiss eingeschlagen und ein Eimer mit einer übelriechenden Substanz in das Geschäft geworfen.
Matthias Balk/dpa In der Nacht wurden die Fensterscheiben des türkischen Imbiss eingeschlagen und ein Eimer mit einer übelriechenden Substanz in das Geschäft geworfen.

Waldkraiburg - Eine Dönerbude, ein Gemüsehändler, ein Friseursalon und eine Gaststätte - eine Anschlagsserie gegen türkische Betriebe schürt im oberbayerischen Waldkraiburg Ängste.

Bei dem bisher schwersten Anschlag wurden sechs Menschen verletzt. In den anderen Fällen gingen Scheiben zu Bruch. Der Verdacht liegt nahe, dass die Taten extremistisch motiviert sind.

Anschläge in Waldkraiburg: Sonderkommission ermittelt

Die Zentralstelle zur Bekämpfung von Extremismus und Terrorismus (ZET) bei der Münchner Generalstaatsanwaltschaft hat die Untersuchung des Falls übernommen, eine Sonderkommission aus 25 Beamten ermittelt.

In der Nacht zum Mittwoch klirrten wieder Scheiben, wieder schlugen Unbekannte die Fenster eines türkischen Geschäfts ein. Anwohner wählten gegen 2.50 Uhr den Notruf und alarmierten die Polizei. Er nehme die Taten "sehr, sehr ernst", sagt Innenminister Joachim Herrmann (CSU) daraufhin.

"Ich bin fassungslos und tief erschüttert. Erneut ist in Waldkraiburg ein türkisches Geschäft Zielscheibe eines abscheulichen Anschlags geworden. Damit sollten abermals unsere Mitbürgerinnen und Mitbürger mit Migrationshintergrund verunsichert und verängstigt werden." Er vertraue nun auf die Arbeit der Polizei. "Solche Straftaten werden wir nicht hinnehmen, sondern mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln konsequent verfolgen."

Waldkraiburg: Verunsicherung bei türkischstämmigen Bürgern

In der türkischen Gemeinschaft geht Angst um. "Ich habe mich heute in der Früh schon gefragt: Wann sind wir dran?", sagt Aleyna Yildiz, Tochter eines Döner-Imbiss-Inhabers. Anwohner Suleyman Vuran sagt, einige türkischstämmige Waldkraiburger gingen nachts auf die Straße und kontrollierten ihre Läden, um sich zu schützen. "Es ist nicht das erste Mal, es ist das vierte Mal. Das ist kein Zufall", sagt er. "Das waren hundertprozentig Leute, die Ausländer nicht mögen."

Die örtliche Türkisch-Islamische Gemeinde Ditib hatte schon nach dem Brandanschlag von Angst und Verunsicherung berichtet. Vor dem Kulturverein Ditib stand am Mittwoch Polizei. Auf dem Nachbargrundstück wehten eine Bayernflagge und eine AfD-Fahne.

In der Nacht wurden die Fensterscheiben des türkischen Imbiss eingeschlagen und ein Eimer mit einer übelriechenden Substanz in das Geschäft geworfen.
In der Nacht wurden die Fensterscheiben des türkischen Imbiss eingeschlagen und ein Eimer mit einer übelriechenden Substanz in das Geschäft geworfen. © Matthias Balk/dpa

In türkischen Medien waren die Taten schon Thema. Es könnten schlimme Erinnerungen wach werden: Auch der NSU hatte gut integrierte türkische Gewerbetreibende und Händler ins Visier genommen. Allerdings hatten die Taten der Terrorzelle aus dem Untergrund eine völlig andere Dimension. Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt ermordeten neun Gewerbetreibende und eine Polizistin. Beide begingen Suizid. Das Oberlandesgericht München verurteilte im Juli 2018 Beate Zschäpe, die mit den beiden gelebt hatte, als Mittäterin zu lebenslanger Haft.

Oberstaatsanwalt Ruhland warnt vor voreiligen Schlüssen

Dass türkische Ladenbesitzer betroffen seien, erinnere zwar an den NSU, sagt Oberstaatsanwalt Klaus Ruhland, Sprecher der ZET. Der NSU sei aber bundesweit aktiv gewesen, habe im Untergrund agiert - und zielgerichtet getötet. Bei den Taten sei lange kein Zusammenhang gesehen worden. Hier lägen die Ermittlungen nun von Anfang an in einer Hand.

Ruhland warnte vor voreiligen Schlüssen. "Wir ermitteln weiter in alle Richtungen. Ein extremistischer Hintergrund kann nicht ausgeschlossen werden." Seit dem Start der ZET 2017 sei allerdings kein entsprechender Fall bekannt geworden, bei dem es mehrere Anschläge in derart zeitlich und örtlich engem Zusammenhang und mit Verdacht auf einen extremistischen Hintergrund gab.

Bei dem Brandanschlag auf den Lebensmittelladen am 27. April - der bisher schlimmsten Attacke - waren sechs Menschen verletzt worden. Anwohner hätten von einem Knall berichtet, berichtete der Kommandant der Freiwilligen Feuerwehr in Waldkraiburg, Bernhard Vietze. Er könne vom Einschlagen der Scheiben hergerührt haben. Die Flammen zerstörten nicht nur den Laden.

Waldkraiburg bisher nicht für rechtsextreme Szene bekannt

In benachbarten Häusern gab es durch den Rauch ebenfalls Schäden. Die Schadenssumme geht in den Millionenbereich. Bei zwei weiteren Taten waren im April bei einem Friseursalon sowie bei einer Gaststätte Fensterscheiben eingeworfen worden. Beide Läden werden ebenfalls von türkischstämmigen Inhabern betrieben. Bei dem jüngsten Anschlag hält sich der Sachschaden in Grenzen, die Polizei bezifferte ihn auf etwa 1.000 Euro.

Mitarbeiter des Imbisses waren am Tag danach damit beschäftigt, die Spuren zu beseitigen - darunter eine stinkende Flüssigkeit. In einem der anderen Fälle war Kot verschmiert worden.

Waldkraiburg ist bisher nicht für eine rechtsextreme Szene bekannt. Die Stadt hat eine multikulturelle Einwohnerschaft. Sie entstand nach dem Zweiten Weltkrieg als Flüchtlingsstadt, nach 1946 siedelten sich unter anderem Vertriebene aus Ost- und Südosteuropa an. Auch heute leben dort viele Nationalitäten zusammen - bisher friedlich.

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