Vor dem Kollaps: Brennpunkt häusliche Pflege

Keine Unterstützung, ständig unter Strom: Helfende sind gerade seit Corona unter Druck.
| Lisa Marie Albrecht
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Wer Angehörige zuhause pflegen muss, bekommt es wegen Corona mit weiteren Problemen zu tun. (Symbolbild)
Wer Angehörige zuhause pflegen muss, bekommt es wegen Corona mit weiteren Problemen zu tun. (Symbolbild) © Jens Kalaene/dpa

München - In der Pandemie ist die Pflege besonders in den Fokus gerückt. Doch der größte Betreuungsdienst überhaupt, nämlich diejenigen, die ihre Angehörigen daheim versorgen, ist durch Corona nochmals stärker belastet worden. Tages- und Kurzzeitpflege brechen weg, Familienangehörige können nicht mehr so leicht helfen: Pflegende Angehörige und Verbände haben am Montag im Presseclub München mehr Unterstützung und Wertschätzung gefordert.

Thomas Oeben, Chef des Münchner Unterstützungsnetzwerks Dein Nachbar, machte auf die immense Belastung aufmerksam: "Wenn ein pflegender Angehöriger sich im Durchschnitt 43 Stunden um seine Angehörigen kümmert und dabei noch im Arbeitsleben ist, so verrichtet er die Arbeit von mindestens zwei Vollzeitstellen", sagte er. Das könne auf Dauer nicht gut gehen.

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Laut bayerischem Gesundheitsministerium werden 70 Prozent der Pflegebedürftigen zu Hause versorgt - nur ein Viertel aller Angehörigen habe Unterstützung, etwa durch einen ambulanten Pflegedienst, so Oeben. Er forderte, dass eine Vernetzung von Fachkräften, Ehrenamtlern und Angehörigen - wie sie im Verein Dein Nachbar praktiziert wird - auch politisch stärker unterstützt wird.

"Der Angehörige entlastet den Staat"

Die ehemalige Landtagspräsidentin Barbara Stamm (CSU), die dem Landesverband Bayern der Lebenshilfe vorsitzt, sprach sich zudem für verlässliche Kurzzeit-, Tages- und Verhinderungspflege aus, um Angehörige zu entlasten. Dafür sei es nötig, dass Vorhaltekosten für solche Plätze sicher finanziert würden. Zudem müsse neben der Tages- auch die Nachtpflege ausgebaut werden, da diese eine besondere Belastung für Angehörige darstelle. Sie wünsche sich, dass die häusliche Pflege "die gleiche Priorität" bekomme, wie sie jetzt in der Corona-Krise etwa Gastronomie oder Kultur durch Überbrückungshilfen hätten, so Stamm. Wichtig sei auch, so die CSUlerin weiter, dass Pflegezeiten in der Rentenversicherung stärker berücksichtigt würden, um Angehörige, wenn sie beruflich zurückstecken, vor Altersarmut zu schützen.

Barbara Stamm.
Barbara Stamm. © dpa

Die Krise und die damit verbundenden finanziellen Belastungen verzögern auch ein Thema, das Kornelia Schmid, Vorsitzende des Vereins Pflegende Angehörige, umtreibt: Der Verein mit Sitz in Amberg (Oberpfalz) fordert schon seit Längerem die Umsetzung eines von der Großen Koalition zugesagten Entlastungsbudgets für Angehörige, das diese flexibel einsetzen können. Hier hinke das Gesundheitsministerium jedoch hinterher, so Schmid. Sie selbst pflegt seit mehr als zwei Jahrzehnten ihren Mann, der an Multipler Sklerose leidet. Ihr Fazit: "Der Angehörige entlastet den Staat, wird aber völlig allein gelassen."


Wer Hilfe benötigt, kann sich zum Beispiel bei einer Fachstelle für pflegende Angehörige beraten lassen. Liste: www.stmgp.bayern.de. Der Verein Dein Nachbar bietet Beratung und Hilfe durch Ehrenamtler in München an: Agnes-Bernauer-Straße 90, Tel.: 960 40 400

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