Sportwissenschaftler zu Musiala: "Mentale Stärke geschwächt"
Sportwissenschaftler Ingo Froböse sieht Fußball-Nationalspieler Jamal Musiala nach dessen neuerlichem Zusammenbruch auch psychologisch vor enormen Herausforderungen. "Seine mentale Stärke wird geschwächt werden durch viele extrinsische Faktoren, die auf ihn einprasseln werden, die er heute noch gar nicht kennt", sagte Froböse dem "Kölner Stadt-Anzeiger".
Demnach sieht der Wissenschaftler ohne bestmögliche psychologische Unterstützung sogar die weitere Laufbahn des Bayer-Profis in Gefahr. "Wenn das nicht gelingt, könnte seine Karriere beendet sein", sagte Froböse, der auch Einsätze in der DFB-Auswahl aktuell für nicht vertretbar hält: "Ich gehe davon aus, dass das Thema Nationalmannschaft für Musiala erst einmal erledigt ist."
"Man sollte ihn schützen"
Er finde "auch nicht, dass man ihn in der Nationalmannschaft behalten sollte - bei aller Wertschätzung seiner Spielfähigkeiten. Man sollte ihn schützen." Erst, wenn Musiala medikamentös richtig gut eingestellt sei, könne man das Thema DFB-Elf nach einiger Zeit noch einmal neu bewerten, sagte der 69-Jährige.
Nationalspieler Musiala war am Dienstagabend im Testspiel des FC Bayern beim 1. FC Heidenheim zusammengebrochen - ähnlich wie schon drei Tage zuvor im Freundschaftsspiel gegen RB Leipzig. Er wurde auf dem Platz kurz behandelt und konnte dann eigenständig vom Feld laufen. Daraufhin machte er öffentlich, dass er an Absencen leide, "welche auf eine neurologische Dysfunktion zurückzuführen" seien. Diese treten temporär kurz auf und seien gut behandelbar, schrieb der 23-Jährige in den sozialen Netzwerken.
Gegnerische Fans gehen "in jede Wunde rein"
Froböse erwartet nun auch, dass Gegner und gegnerische Fans nicht sensibel, sondern sogar mit Häme auf die Vorfälle reagieren könnten: "So schätze ich leider die Fußballfans ein. Die gehen in jede Wunde rein, so unschön das oft ist. Ich glaube nicht, dass es da einen Pakt der Solidarität geben wird."
Der emeritierte Professor für Prävention und Rehabilitation im Sport kritisierte den Profifußball zudem allgemein für seinen unzureichenden Umgang mit Schwächen. Zu groß sei die Angst, dass der Marktwert der Spieler leide. "Der Marktwert von Jamal Musiala wird hundertprozentig runtergehen", sagte Froböse.
Neurologe bewertet Situation anders
Der Neurologe Peter Berlit schätzte die Situation um Musiala im Gespräch der Deutschen Presse-Agentur zuvor optimistischer ein und sah nicht sofort einen Grund für Einschränkungen. "Man kann ganz allgemein sagen, dass etwa 80 bis 90 Prozent aller Betroffenen durch Medikamente heilbar sind", sagte Berlit. Dies treffe grundsätzlich auch auf Profifußballer zu. "Da man das in aller Regel medikamentös in den Griff bekommt, gilt das natürlich genauso für Sportler: Wenn keine Anfälle mehr auftreten, ist man voll einsetzbar."
Der Professor und Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN) erklärte: "Die Mehrzahl der Patienten muss allerdings über Jahre, manchmal sogar ein Leben lang, Medikamente einnehmen. Wenn diese Medikamente regelmäßig eingenommen werden und gut im Wirkspiegel sind, dann sind die Personen typischerweise auch vor diesen Anfällen geschützt."
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