Schweiz oder Frankreich? Uhrenland Bayern!

Eigentlich denkt man bei edlen Zeitmessern an die Schweiz und Frankreich - doch gerade im Freistaat hat das Handwerk, das jüngst ins immaterielle Kulturerbe aufgenommen wurde, uralte Wurzeln.
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Joachim Zorn braucht Fingerspitzengefühl bei der Arbeit - hier an einer mechanischen Armbanduhr.
Joachim Zorn braucht Fingerspitzengefühl bei der Arbeit - hier an einer mechanischen Armbanduhr. © Karl-Josef Hildenbrand/dpa

Nein, die berühmte Henlein-Uhr im Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg ist nicht die älteste Taschenuhr der Welt. Aber sie hätte es leicht sein können. Denn um das Jahr 1500, als die ersten Taschenuhren entstanden, war Nürnberg in Sachen Uhrmacherhandwerk die Nummer eins in Deutschland und auch europaweit eines der wichtigsten Zentren, wie Heike Zech vom Nationalmuseum erzählt.

Uhren haben eine lange Tradition in Bayern

Das Uhrmacherhandwerk hat in Bayern eine lange Tradition. Auch Augsburg entwickelte sich später zu einem führenden Zentrum. Seit März gehört das Handwerk zum immateriellen Kulturerbe Deutschlands. "Die Erfindung der Zugfeder um 1500 ermöglichte die Herstellung von kleinen tragbaren Uhren. Die grundlegenden handwerklichen Fertigkeiten haben sich seitdem kaum verändert", heißt es in der Würdigung der deutschen Unesco-Kommission. Und damit ist man zurück in Nürnberg und bei Henlein.

Wer die erste Taschenuhr der Welt gebaut habe, könne man heute nicht sicher sagen, sagt Zech. Die Erfindung habe damals "in der Luft gelegen". Es gebe ein paar Kandidaten, unter anderem aus Prag.

Ein Nürnberger gilt lange als Erfinder der Taschenuhr

Doch der Nürnberger Meister Peter Henlein habe sehr früh solche Uhren gebaut. Dass er lange als Erfinder galt, liegt auch an besagter Henlein-Uhr im Nationalmuseum.

Die ehemalige Ikone der Uhrmacherkunst ist inzwischen durch eigene Forschung des Museums als nachträgliche Montage erkannt.

Doch die Verdienste Henleins schmälert das nicht. Er habe die Uhrmachertechnik in Nürnberg um 1500 herum ganz nach vorne gebracht, sagt Zech. In der Folge entwickelte sich der Markt und mit ihm der Begriff des Nürnberger Eis - einer typischen frühen Form der Taschenuhr, die aus der Frankenmetropole kam. Ihre Besitzer seien stolz gewesen, sich eine solche Uhr leisten zu können, aber auch darauf, zu zeigen, dass sie technisch auf der Höhe der Zeit seien.

Eine Taschenuhr war damals Hightech

Auch der Würzburger Uhrmachermeister Joachim Zorn, der an der Eintragung des Handwerks in die Kulturerbeliste beteiligt war, betont das Prestige, das eine Taschenuhr zu dieser Zeit hatte. Das sei so gewesen wie reiche Menschen heutzutage teure Autos hätten.

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Als die ersten Taschenuhren entstanden, war Nürnberg eines der wichtigsten Zentren für Technik und höchste Handwerkskunst in Europa. "Die Stadt der Metallhandwerke", sagt Zech. Nürnberg profitierte dabei von der zentralen Lage und Größe, aber auch davon, freie Reichsstadt zu sein. Das habe ein großes Selbstbewusstsein der Handwerker und eine Konzentration auf Luxus und Qualität gefördert.

Es waren ähnliche Voraussetzungen, die es später Augsburg erlauben, Nürnberg beim Uhrmacherhandwerk den Rang abzulaufen.

Die Kaufmannsfamilie Fugger und die größere Nähe zur wichtiger werdenden Residenz in München bringen die Stadt nach vorne. Doch auf Dauer übernehmen London, Paris und die Schweiz die Führung bei den Uhren, wie Zech erzählt. Auch weil sie auf die Manufaktur als arbeitsteilige Produktionsweise setzen.

Ein Kulmbacher hat in der Schweiz einst Rolex gegründet

So kommt es, dass ein anderer Franke, der rund 400 Jahre später in die Uhrmachergeschichte eingehen sollte, dies nicht mehr in seiner Heimat tat. Hans Wilsdorf aus Kulmbach ging in die Schweiz, später nach London und am Ende erneut in die Schweiz, um dort die Marke Rolex zu gründen. "Die Uhr war immer ein Innovationstreiber", sagt Zorn. "Man hatte mal in den 70er Jahren ein bisschen Angst, dass die Uhr nur noch zum Zeitmesser wird." Doch so sei es nicht gekommen. Vielleicht habe das auch damit zu tun, einen wertvollen Gegenstand zu haben, den man immer eng bei sich führe und der vererbbar sei. "Die Taschenuhr vom Großvater - das hat auch etwas mit Persönlichkeit zu tun."

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Und: "Eine Uhr lässt sich immer wieder in einen gangbaren Zustand versetzen", sagt Zorn. Selbst ein Auto werde irgendwann verschrottet, aber eine Uhr könne von einem guten Uhrmacher immer wieder zum Leben erweckt werden. Dass das Uhrmacherhandwerk in die Kulturerbe-Liste aufgenommen wurde, sieht Zorn als Zeichen von Wertschätzung - und als "gewisse Adelung". Das Handwerk bringe eine sehr lange Geschichte mit sich. Und die beginnt auch in Bayern.

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