Schleife links, Schleife rechts - Der Dirndl-Code

Links Single, rechts vergeben? Mitte Jungfrau - oder geheimnisvoll? Jedes Jahr stellen sich vor allem auswärtige Oktoberfest-Besucher wieder die Frage: Wie war das noch mit der Schleife an der Dirndl-Schürze?
Denn wo die Schleife sitzt, könnte ein Flirt-Code sein - immer vorausgesetzt, die Dame im Dirndl weiß davon. Axel Munz, der Geschäftsführer des Trachtenherstellers Angermaier, beschreibt ihn so:
Der Dirndl-Code
Links: Die Trägerin ist offen für Kontakte (ledig oder Single).
Rechts: Die Trägerin ist vergeben, verlobt oder verheiratet.
Vorne (mittig): Stand früher traditionell für Jungfräulichkeit. Wird auch von einigen Damen so gebunden, die ihren Status nicht zeigen wollen.
Hinten gebunden: Die Trägerin ist Witwe, oft auch Bedienung.
Und die Männer?
Ein gleichsam verbreitetes Äquivalent bei den Männern gibt es laut Munz übrigens nicht. "Es gibt moderne Deutungen, die aber keine so eindeutige Aussagen zum Beziehungsstatus haben, regional sehr unterschiedlich und wenig bekannt sind", sagt er.
So sollen Edelweiss- oder Brezen-Anstecker am Revers etwas über den Beziehungsstatus aussagen: Das Edelweiss steht dabei für Treue, Liebe, Verbundenheit. Der Träger ist also vergeben. Der Brezn-Anstecker steht laut Munz für Offenheit, Lebensfreude. Der Beziehungsstatus des Trägers: Single.
Botschaft mit kleinem Detail
Doch zurück zum Dirndl: "Ich mag den Schleifen-Code. Als Bayerin bin ich mit der Wiesn und solchen Traditionen aufgewachsen. Für mich gehört das einfach dazu. Ich finde es charmant, dass man mit so einem kleinen Detail eine Botschaft senden kann", sagt Influencerin und Wiesn-Stammgast Cathy Hummels, die noch geheim halten will, wo ihre Schleife in diesem Jahr sitzen wird.
"Eine relativ neue Geschichte"
Dabei ist die vermeintliche Tradition gar keine - zumindest keine alte. "Das mit der Schleife ist offenbar eine relativ neue Geschichte. Erst in den 1980er Jahren ist dies offenbar entstanden, einen konkreten Grund gab und gibt es nicht", sagt Thomas Appl, Bezirksheimatpfleger in der Oberpfalz.
"Doch wie so oft bei diesem Thema geht es dann sehr schnell so, dass etwas zur Tradition wird, die "seit unvordenklichen Zeiten" besteht."
Wirklich historisch sei der Code mit der Schleifen-Bedeutung nicht belegt, betont auch Angermaier-Chef Munz. "Die Schleife diente ursprünglich nur dazu, die Schürze zu binden. Sie saß früher meist vorne oder hinten in der Mitte", sagt er.
"Der Flirt-Code ist also eher ein jüngerer Brauch, der sich im 20. Jahrhundert etabliert hat und durch Tourismus und Volksfeste populär wurde. Er kann regional und innerhalb verschiedener Trachtenvereine unterschiedlich sein."
Kritik am "Hype um den Schleiferl-Code"
Alexander Wandinger von der Trachtenfachberatung bei der Bezirksheimatpflege Oberbayern sieht das Ganze insgesamt kritisch und freut sich, dass sich der "Hype um den Schleiferl-Code Gott-sei-Dank wieder etwas gelegt" habe.
"Es war und ist meiner Meinung nach eigenartig rückwärtsgewandt, wenn sich Frauen in unserer Zeit selbst öffentlich in Kategorien von verheiratet, jungfräulich und was auch immer einteilen", sagt er. "Ein Äquivalent für die Herren gab und gibt es nicht; sie haben die moralische Einteilung in Jungfrauen und verheiratete Frauen halt nicht mitgemacht."