Prozess in München: Opfer von Auto-Anschlag zwischen Innehalten und Aufarbeiten

Es ist eine friedliche Demonstration der Gewerkschaft Verdi, Polizeiwagen begleiten die rund 1.400 Demonstranten. Plötzlich rast ein weißer Kleinwagen an einem Polizeiauto vorbei direkt in die Menge. Der Wagen erfasst als Erste die zwei Jahre alte Hafsa im Kinderwagen und ihre Mutter Amel. Die beiden werden durch die Luft geschleudert und so schwer verletzt, dass sie wenige Tage später sterben. 44 weitere Menschen werden verletzt, einige von ihnen lebensgefährlich.
Gedenken zum Jahrestag
Noch am Tatort wird der Fahrer des Wagens festgenommen, ein Afghane. Die Ermittler gehen bald von islamistischem Terrorismus aus. Die Tat vor einem Jahr mitten in München erschüttert ganz Deutschland.
Zum Jahrestag haben die Stadt München und die Gewerkschaft Verdi am Tatort zu einem Gedenken eingeladen. Dabei werden Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) und Gewerkschafterinnen und Gewerkschafter sprechen. Laut Verdi war es der schwerste Angriff auf eine gewerkschaftliche Veranstaltung in der Nachkriegsgeschichte. "Das Leid und die Folgen des Anschlags begleiten unsere Stadt bis heute – am Jahrestag werden Schmerz und Erinnerung besonders spürbar", sagte Reiter.
Prozess gegen mutmaßlichen Attentäter
Zu dem Gedenken werden auch Teilnehmer der Demo und Überlebende erwartet. Manche werden allerdings bewusst nicht dabei sein – die Belastung ist für sie bis heute zu hoch.

Keine 500 Meter vom Tatort entfernt wird seit Mitte Januar am Oberlandesgericht München gegen den 25-jährigen Afghanen verhandelt, der am Steuer des Kleinwagens saß und das Auto absichtlich in die Menschenmenge gesteuert haben soll. Die Bundesanwaltschaft geht von islamistischem Terrorismus als Motiv aus. Sie hat den Mann, der 2016 nach Deutschland gekommen war, unter anderem wegen zweifachen Mordes und versuchten Mordes in 44 Fällen angeklagt.
Überlebende leiden bis heute
Auch am Jahrestag will das Gericht verhandeln – allerdings ohne Betroffene als Zeugen zu laden, damit diese zumindest die Chance haben, an dem Gedenken teilzunehmen.

Viele der Überlebenden wie auch Angehörige der Getöteten sind in dem Prozess Nebenkläger. Doch oft bleiben ihre Bänke im Gerichtssaal leer.

Sie leiden teils körperlich und teils psychisch weiter an den Folgen der Tat. Einige seien bis heute nicht mehr fähig, ihre Arbeit zu verrichten, sagt der Berliner Nebenklageanwalt Onur Özata.
Sein Anwaltskollege David Mühlberger vertritt acht Menschen, die den Anschlag verletzt überlebten. "Denen geht es allesamt nicht gut", sagte auch Mühlberger. Nicht alle hätten wegen ihrer schweren Verletzungen von damals überhaupt Erinnerungen an die Tat, die meisten seien auch heute noch in psychologischer Behandlung.
Vor dem Prozessauftakt wollte von den damaligen Demonstrationsteilnehmern niemand über den schrecklichen Tag sprechen. Der Leiter des Verdi-Krisenstabs sagte im Januar, die Gewerkschaft selbst habe für eine interne Dokumentation des Geschehens am Stiglmaierplatz bei Kollegen nachgefragt, die damals dabei waren. "Niemand wollte vor der Kamera darüber sprechen", sagt er. "Womöglich ist es noch zu früh, und viele sind noch zu betroffen von den Geschehnissen."
Folgen für die Stadtgesellschaft
Abseits des Prozesses begleitet der Anschlag das gesellschaftliche Leben in München weiter. Die Stadt richtete kurz nach dem Anschlag einen mit 500.000 Euro ausgestatteten Hilfsfonds ein, um Opfer und Angehörige zu unterstützen.

Am Flaucher an der Isar erinnert seit November vergangenen Jahres eine Bank mit Gedenktafel an Amel und ihre zweijährige Tochter Hafsa. Vor einem Jahr waren unter dem Schock der Tat mehrere Faschingsveranstaltungen abgesagt worden.
Sicherheitsfragen nach dem Anschlag
Sicherheitspolitisch fachte die Tat Debatten über Prävention, Radikalisierung und Sicherheit im öffentlichen Raum an. Vor dem Hintergrund der Tat schärfte die Polizei unter anderem ihr Sicherheitskonzept für Demonstrationen, Straßenfestivals und andere Events. Für jede Veranstaltung werde das Konzept individuell geprüft, heißt es bei der Münchner Polizei. Man habe dabei auch die weltpolitische Lage sowie die politische Lage im Inland im Blick.
Schon nach anderen Attacken mit Autos und Lastwagen auf Menschenmengen wie am Breitscheidplatz in Berlin vor knapp zehn Jahren waren vielerorts Poller und andere Sperren errichtet worden. Man gehe weiter von einer hohen abstrakten Gefährdung durch den islamistischen Terrorismus aus, heißt es beim Innenministerium.
Täter soll "Allahu Akbar" gerufen haben
Der mutmaßliche Täter hatte zum Prozessauftakt geschwiegen. Er äußerte sich aber ohne Worte: Er hob für die Kameras den rechten Zeigefinger – eine Geste unter Muslimen, die den Glauben an den einen und einzigartigen Gott symbolisieren soll und die zuweilen auch als Erkennungszeichen unter Islamisten gilt.
Nach Ermittlerangaben hatte der Mann "Allahu Akbar" gerufen und nach der Tat gebetet. Hinweise darauf, dass der Mann in ein Netzwerk eingebunden gewesen sei, gab es aber nicht.
Am Jahrestag wird vor Gericht ein Verkehrsanalytiker sein Gutachten vorstellen. Bisherigen Ermittlungen zufolge soll der Mann noch mehr als 20 Meter weitergefahren sein. Nicht er selbst brachte den Ermittlern zufolge dann das Fahrzeug zum Stehen – er konnte wegen der Opfer unter seinem Auto nicht weiterfahren.
"Das zeigt den absoluten Vernichtungswillen des Täters, der versucht hat, so viele Menschen wie möglich zu treffen", schätzt der Nebenklageanwalt Özata ein. Bei den oft furchtbaren Schilderungen von Zeugen zeige der Angeklagte keine Reaktion. "Er sitzt teilnahmslos da."