München nach dem Super-GAU: Als Tschernobyl nach Bayern kam

Die Folgen der Reaktorexplosion am 26. April 1986 in der Ukraine sind heute noch im Freistaat messbar. AZ-Reporterlegende Karl Stankiewitz erinnert an die Monate in München nach dem Super-GAU.
| Karl Stankiewitz
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1986 - Dauerhafte Katastrophe: Die Nachrichtenlage war anfangs noch sehr unklar (wofür auch die Sowjets verantwortlich waren). Erst allmählich wurde deutlich, dass die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl jahrzehntelang und über viele Grenzen hinweg zu einer unvergleichlichen Umweltkatastrophe werden würde.
ho 1986 - Dauerhafte Katastrophe: Die Nachrichtenlage war anfangs noch sehr unklar (wofür auch die Sowjets verantwortlich waren). Erst allmählich wurde deutlich, dass die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl jahrzehntelang und über viele Grenzen hinweg zu einer unvergleichlichen Umweltkatastrophe werden würde.

München - An einem der letzten Apriltage des Jahres 1986 radelt der Zivildienstleistende Frank Winkler durch den Englischen Garten. Es regnet. Als er heimkommt, erfährt er, dass Physikstudenten im Englischen Garten eine 30 Mal höhere Radioaktivität als normal gemessen haben.

Vorsichtshalber duscht sich Winkler gründlich ab und legt seine Kleidung zur Dekontaminierung in die Waschmaschine. Er ist sensibilisiert, weil erst einige Tage zuvor beim Ostermarsch vor dem WAA-Rohbau von Wackersdorf den erstmaligen Einsatz von Reizgas am eigenen Leib erlebt hat, geschossen aus gepanzerten Wasserwerfern der Bereitschaftspolizei gegen eine größtenteils gewaltfrei demonstrierende Menschenmenge.

Die Reaktorexplosion räumt die Regierung erst zwei Tage später ein

Am nächsten Tag meldet der Rundfunk in Österreich – wo das einzige Kernkraftwerk stillgelegt ist und die Medien "anti-atomar" eingestellt sind – die Ankunft einer radioaktiven Wolke. Noch ist nicht bekannt, dass nahe der ukrainischen Stadt Tschernobyl einer der Reaktoren explodiert ist – das räumt die Sowjetregierung erst zwei Tage später ein.

Ereignet hat sich der Super-GAU allerdings schon am Morgen des 26. April. Inzwischen ist eine Wolke mit strahlenden Teilchen über das Baltikum nach Skandinavien gewandert. Eine zweite zieht nach Ungarn und Österreich. In Bayern trifft sie auf Teile einer dritten Wolke, die ihre Richtung von Norden her geändert hat. In den Morgenstunden des 30. April 1986 erreichen die Spaltprodukte der vereinigten Wolke den Großraum München.

An jenem Mittwoch fällt dem Strahlenbiologen Edmund Lengfelder beim routinemäßigen Ablesen der Messgeräte seines Instituts für Strahlenbiologie auf, dass sich die Gamma-Dosisleistung erheblich erhöht hat.

Die Messungen zeigen, dass die Strahlung rapide angestiegen ist

Am späten Vormittag nimmt der Himmel über München plötzlich eine grün-gelbe Farbe an, "wie bei einem Hagelschlag", hieß es. Tatsächlich folgt ein schweres Gewitter, wie es um diese Tageszeit ungewöhnlich ist. Lengfelder misst nun auch draußen im Regen und stellt fest: Die radioaktiven Werte liegen jetzt zehn bis 20 Mal über der natürlichen Strahlung.

Dass dies nur von dem Unfall in der Ukraine herkommen kann, steht für die Fachleute außer Zweifel. Lengfelder ruft die Kollegen im Institut für Strahlenhygiene in Neuherberg an. Dort, am Nordrand Münchens, hat man auch schon festgestellt, dass die Strahlenbelastung innerhalb weniger Stunden von sieben auf ganze 110 Mikroröntgen pro Stunde angestiegen ist.

Bundesinnenminister Friedrich Zimmermann (CSU) wiegelt aber noch am 29. April ab: Die Bundesrepublik sei nicht betroffen, es bestehe keine akute Gefährdung der Bevölkerung. Einige Bürgermeister im Raum München, etwa der von Oberhaching, sind vorsichtiger und empfehlen den Bürgern, Kinder nicht dem Regen auszusetzen.

1986 - Dauerhafte Katastrophe: Die Nachrichtenlage war anfangs noch sehr unklar (wofür auch die Sowjets verantwortlich waren). Erst allmählich wurde deutlich, dass die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl jahrzehntelang und über viele Grenzen hinweg zu einer unvergleichlichen Umweltkatastrophe werden würde.
1986 - Dauerhafte Katastrophe: Die Nachrichtenlage war anfangs noch sehr unklar (wofür auch die Sowjets verantwortlich waren). Erst allmählich wurde deutlich, dass die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl jahrzehntelang und über viele Grenzen hinweg zu einer unvergleichlichen Umweltkatastrophe werden würde. © ho

Mehrere Menschen erleiden in ihrer Angst einen "Strahlenkollaps". Insgeheim beginnt man, ein Auffanglager einzurichten für 6.000 Personen, die in einem Notfall zu evakuieren wären. Das Atomkraftwerk Ohu bei Landshut wird heruntergefahren.

Am Nachmittag des 30. April macht die fünfjährige Franziska Baumann einen Radlausflug und wird vom Regen völlig durchnässt. Ahnungslos wie Millionen andere Bundesbürger verzehrt Franzi mit ihren Eltern in jenen Tagen auch Milch, Salate und Blattgemüse.

Erst am 2. Mai werden die Strahlenwerte für den Raum München offiziell bekannt gegeben: 127 Bequerel pro Kubikmeter Luft. Am 3. Mai sieht sich dann auch die Bundesregierung genötigt, Empfehlungen an die Bevölkerung herauszugeben. Am 5. Mai schließt die Stadt München alle Bäder und Liegewiesen. Verängstigte Bürger fliehen panikartig irgendwohin, wo sie sich sicher wähnen.

Noch heute muss Wildfleisch auf Strahlenbelastung untersucht werden

Am 6. Mai bringen Franziskas Eltern ihr Kind nach Portugal und verklagen die Bundesrepublik Deutschland auf Ersatz der Schäden, die dem Kind "infolge unzureichender oder verspäteter Information" entstanden seien. Es kommt zu einem Prozess, aber im Jahr 1991 nehmen die Eltern ihre Klage zurück, nachdem die "Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges" erkannt hatten, zufällige Strahlenschäden seien methodisch schwer nachzuweisen.

Durch insgesamt 22.000 Messungen der Ortsdosisleistung ermittelt das Münchner Institut für Strahlenbiologie im Sommer 1987 die Verteilung der weiterhin erhöhten Belastung vor allem in der südlichen Hälfte Bayerns, mittendrin München samt der umliegenden Wälder.

Das Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) teilte erst wieder im Herbst 2019 mit, dass in Bayern etwa Semmelstoppelpilze, Schnecklinge, Maronenröhrlinge, Elfenbein- und Braunscheibige noch stark mit radioaktivem Cäsium belastet sind. Wildfleisch aus den Regionen muss vor Verkauf und Verzehr auf Strahlenbelastung untersucht werden. Noch heute entschädigen die betroffenen Bundesländer deshalb Jäger für verstrahltes und damit unverkäufliches Wild.

Für diesen Beitrag verwendete Quellen sind "Leben nach Tschernobyl" von Hans-Jörg Haury und Christian Ullmann sowie "Schwarze Tage" von Karl Stankiewitz.

Lesen Sie hier: Kohleausstieg bis 2022 - Neuer Plan liegt vor

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