Michael Adam nach seiner Therapie: "Ich bin froh, dass ich die Kurve gekriegt habe"
Zwölf Wochen war Michael Adam nicht im Dienst, befand sich wegen Depressionen und Angstzuständen in stationärer Behandlung. Nun startet der Bodenmaiser Bürgermeister (SPD) seit rund einem Monat wieder durch.
Die AZ hat sich mit ihm über seine Krankheit und darüber unterhalten, was sich in der Gesellschaft beim Umgang mit psychischen Erkrankungen ändern muss.
AZ: Herr Adam, willkommen zurück. Was waren Ihre ersten Eindrücke nach der Rückkehr?
MICHAEL ADAM: Die Reaktionen waren ausschließlich nett. Das liegt aber auch ein bisschen in der Natur der Sache, anderes behält man in der Regel für sich (lacht). Viele Menschen fragen nach der Krankheit. Man merkt: Es interessiert die Leute, viele wissen aber auch nicht, wie sie damit umgehen sollen.
"Es gibt keinen Grund für ein komisches Gefühl"
Wie sollte man denn am besten damit umgehen?
Wie mit jemandem, der aus dem Krankenhaus entlassen wird, der sich den Fuß gebrochen hat. Ein Gespräch schafft Klarheit. Man kann nachfragen, sich erkundigen, es gibt keinen Grund für ein komisches Gefühl. Es ist eine Erkrankung wie jede andere auch.

Gerade bei psychischen Erkrankungen schwingt aber doch für viele Menschen etwas mit.
Gerade unter mentalen Krankheiten ist ja vieles zu verstehen. Das geht von Depressionen und Angstzuständen bis hin zu Persönlichkeitsstörungen. Ich sag es mal so: Wenn man Statistiken glauben darf, erleben 60 Prozent der Bundesbürger im Leben eine depressive Phase, die mehr oder weniger ausgeprägt ist. Das ist kein Randthema, sondern etwas, auf das man als Gesellschaft den Blick hinwenden sollte. Natürlich ist das immer behaftet mit der Frage: Kann er denn noch arbeiten? Ist er wieder fit? Aber das ist beispielsweise bei jemandem, der einen schweren Herzinfarkt hatte, nicht anders. Das muss man immer individuell beantworten.
"Das ging los mit Schlafstörungen über einen langen Zeitraum"
Was war der Wendepunkt, an dem Sie sich entschieden haben, sich in Behandlung zu begeben?
Bei mir lagen die Gründe der Erkrankung ausschließlich im Privaten. Ein schwieriges Beziehungsumfeld über zwei Jahre hinweg. Das habe ich relativ lange gut gemeistert, habe bis zuletzt noch voll gearbeitet. Aber die Hintergrundgeschichte ist eine längere, das ging los mit Schlafstörungen über einen langen Zeitraum hinweg. Ich habe teils nur noch zwei Stunden pro Nacht geschlafen. Dann kamen Angstzustände hinzu. Ich hätte niemals gedacht, dass da eine Depression dahintersteckt. Ich hatte ja nicht die typische Ausprägung, diese Niedergeschlagenheit, Antriebslosigkeit, Hoffnungslosigkeit. Ich habe erst später erfahren: Es gibt eine sogenannte agitierte Form.

Das heißt?
Da ist man überdreht, findet keine Ruhe mehr, hat keine Möglichkeit mehr zur Freizeitgestaltung. So war es bei mir. Als ich dann wegen der Angstzustände morgens nicht mehr das Haus verlassen konnte, war ich an einem Punkt angekommen, an dem ich sagte: Das muss ich professionell behandeln lassen.
Traumatherapie: Das hat Michael Adam geholfen
Wie haben Ihnen die Ärzte in den Kliniken geholfen?
Es war geprägt von der Aufarbeitung privater Themen mittels Traumatherapie. Das war der Fokus. Über das Thema Arbeit mussten wir nicht reden, das war nicht das Problem, das mich in diese Klinik geführt hat. Die Arbeit war in den zwei schwierigen Jahren das, was mich noch stabil gehalten hat, wo ich Glücks- und Wohlfühlmomente hatte. Anfangs war es deshalb schon belastend. Wir haben ja einige laufende Projekte wie Bahnhofstraße und Bretterschachten, bei denen ich weiß, dass niemand so tief drinsteckt wie ich. Aber im Laufe der Wochen habe ich gemerkt, dass es nicht anders gegangen wäre, als einfach mal weg zu sein. Das kann man nicht mal eben nebenbei bei einem ambulanten Psychologen machen.

Sind Sie im Anschluss noch ambulant in Behandlung?
Ich habe noch Restbaustellen, die ich ambulant mache. Das funktioniert neben der Arbeit gut und ich habe es für mich als Möglichkeit entdeckt, über das eine oder andere intensiver nachzudenken, als man es im Alltag sonst täte.
Der nun gelöschte Facebook-Post, in dem Sie in der Sache mit Ihrem Ex-Partner Ihre Sicht der Dinge schildern, hat heftige Reaktionen ausgelöst. Würden Sie heute etwas anders machen?
Ich habe vor vielen Jahren in der Landratszeit schon die Erfahrung machen dürfen, dass es nicht klug ist, private Dinge an die Öffentlichkeit zu tragen und mich über Jahre konsequent daran gehalten. Das Problem hier bestand aus zwei Dingen: Zum einen war ich psychisch bereits in dem Zustand, in dem man glaubt, bestmöglich zu handeln – was aber objektiv betrachtet nicht so war. Ich versuche, nie mehr in so einen Zustand zu geraten. Das andere ist: In dem Fall war es so, dass ich de facto bereits mit öffentlichen Vorwürfen konfrontiert war. Da geht es um eine Gerichtsverhandlung, die ansteht. Ich hatte das Gefühl, dass da für mich – zu Unrecht – eine völlig belastende Situation entstand, bei der ich nun auch noch fürchten musste, dass nach der Trennung schlimmstenfalls nicht mehr wahrheitsgemäß über mich ausgesagt wird.
Nächste Herausforderung: Gerichtsprozess um Schlägerei
Bald steht die Gerichtsverhandlung an. Was erwarten Sie?
Hintergrund des Ganzen war, dass mein Ex-Partner in einem Café unfreiwillig in eine Schlägerei mit einem Dritten geriet und nun Aussage gegen Aussage steht. Mein Ex-Partner hat damals bei der Polizei angeblich etwas im Vagen gelassen, wer jetzt der Täter war. Zumindest sieht das die Staatsanwaltschaft so. Der Dritte und dessen Freunde beschuldigten mich, um den Täter zu entlasten. Jetzt wird spannend, zu sehen, wie sich die Beteiligten vor Gericht unter Eid äußern. Für mich ist das eine Black-Box. Man muss jetzt vor allem schauen, wie ein Richter das sieht. Hinzu kommt, dass unser Justizsystem so langsam ist, dass es für mich so war: Sie kommen für eine Tat – die Sie nicht begangen haben – erst mal öffentlich ans Kreuz, weil ja erst mal offiziell gegen Sie ermittelt wird. Dann bereits dürfen alle erst mal ein Foto von Ihnen am Kreuz machen. Irgendwann werden Sie angeklagt. Gleiches Spiel von vorne. Und erst eineinhalb Jahre später wird dann entschieden, ob Sie am Kreuz bleiben müssen oder endlich wieder herunter dürfen. Aber erst einmal hängen Sie dort. Das hat mich psychisch schon ein ganzes Stück weit zermürbt.

Was sagen Sie zu den aufgekommenen Alkoholismusvorwürfen?
Das Thema muss man grundsätzlich einmal von meiner Erkrankung trennen. Alkohol hat nichts mit deren Entstehung zu tun. Aber: Gar nicht so wenige Menschen mit Angstzuständen neigen laut meinen Ärzten irgendwann leider einmal dazu, sich mit Alkohol oder anderen Substanzen selbst zu therapieren. Das habe ich ganz zum Schluss hin aus der Not heraus probiert. Ich habe an bestimmten schlechten Tagen daheim versucht, die Angst abzupegeln, um weiter funktionieren zu können. Nicht durch Vollrausch, sondern durch ein Grundquantum. Das war medizinisch unklug, weil das relativ schnell in Suchterkrankungen führen kann. Ich bin froh, dass ich hier noch die Kurve bekommen habe. Ich bekomme jetzt antidepressive Medikamente, da ist Alkohol sowieso tabu. Ich war auch nie dieser Gesellschaftstrinker, der abends täglich im Wirtshaus sitzt und fünf Bier trinkt. Von daher kann ich damit gut umgehen.
Psychische Leiden: Das rät Michael Adam Betroffenen
Was wollen Sie Menschen, die mit psychischen Erkrankungen zu kämpfen haben, mitgeben?
Zunächst hat mir die Erkenntnis geholfen: Die Menschen kommen, wie ich in der Klinik mitbekommen habe, aus allen Schichten. Vom Manager über Prominente bis zur Hausfrau, Depressionen kommen überall vor. Was aber bei allen gleich war: die Scham. Was ebenfalls bei allen ähnlich war, ist, dass der Weg in die Klinik relativ lange gedauert hat. Man muss aus seinem Umfeld raus, man muss Fragen beantworten, sich erklären. Aber wenn man mit den Leuten redet, sagen alle: "Mensch, hätte ich mir früher helfen lassen, dann hätte ich mir viel Leid erspart". Zum Teil über Jahre. Das ist die Botschaft, wir müssen hier zu einem anderen Umgang kommen. Eine Depression muss nicht den Verlust der Leistungsfähigkeit bedeuten, sondern kann, wie die meisten anderen Krankheiten auch, geheilt oder therapiert werden. Menschen haben ein Recht auf Hilfe und sollten sich dieses zugestehen.
