Tod in Landshuter Seniorenheim: Eine Tochter klagt an

Christa Jones' (66) Vater ist Anfang Februar gestorben. Vorher hatte er sich mit Corona im Landshuter Senioren-Wohnpark infiziert.
| Claudia Hagn, Lisa Marie Wimmer
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Der Senioren-Wohnpark an der Prof.-Schmidtmüller-Straße 1: 22 Bewohner sind seit Dezember nachweislich an dem Coronavirus gestorben.
Der Senioren-Wohnpark an der Prof.-Schmidtmüller-Straße 1: 22 Bewohner sind seit Dezember nachweislich an dem Coronavirus gestorben. © Christine Vinçon

Landshut - Von den Senioren, die bei Heinz K. (88) am Tisch im Senioren-Wohnpark regelmäßig saßen, hat die vergangenen Monate keiner überlebt. Alle sind tot. Auch Heinz K. Er starb am 3. Februar um halb ein Uhr nachts in einem Krankenhaus in Landshut. Vorher war er positiv auf das Coronavirus getestet worden. Infiziert hatte K. sich im Senioren-Wohnpark, in dem er seit eineinhalb Jahren lebte. Das alles sagt seine Tochter, Christa Jones (66); und sie erhebt schwerste Vorwürfe gegen die Heimverantwortlichen.

Wie berichtet, waren in den Monaten Dezember und Januar 29 Heimbewohner verstorben, bei mindestens 22 von ihnen wurde das Coronavirus laut Gesundheitsamt sicher nachgewiesen. Mittlerweile sind dem Gesundheitsamt zwei weitere Coronatote aus dem Heim bekannt.

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Anfang Januar waren nach Angaben der Stadt Landshut mehr als die Hälfte der Bewohner im Heim positiv auf das Coronavirus getestet worden. Die Zahl stieg laut Gesundheitsamt im Verlauf des Ausbruchs im Winter zwischenzeitlich auf rund 90 Fälle an.

Christa Jones will nun Anzeige erstatten. Ihr Vorwurf: unterlassene Hilfeleistung. Ein Landshuter Rechtsanwalt will sie dabei unterstützen. Jones wünscht sich außerdem, dass sich weitere Angehörige von kürzlich verstorbenen Bewohnern melden, die ebenfalls gegen den Senioren-Wohnpark und die ihrer Aussage nach "unfassbaren Zustände" juristisch vorgehen wollen.

Christa Jones: "Und dann bin ich irgendwann nervös geworden"

Heinz K. war noch sehr rüstig, erzählt seine Tochter. Der ehemalige Maurer liebte Autos, die Natur, fuhr bis zuletzt mit dem Radl. Er lebte im Senioren-Wohnpark, weil er nicht mehr allein zu Hause leben wollte, sagt Jones. "Mein Vater brauchte Anschluss."

Christa Jones' Vater Heinz K. ist Anfang Februar im Alter von 88 Jahren gestorben. Vorher hatte er sich im Senioren-Wohnpark mit dem Coronavirus infiziert. "Die haben da alle versagt, die Zustände sind katastrophal", sagt Jones am Dienstag im AZ-Gespräch.
Christa Jones' Vater Heinz K. ist Anfang Februar im Alter von 88 Jahren gestorben. Vorher hatte er sich im Senioren-Wohnpark mit dem Coronavirus infiziert. "Die haben da alle versagt, die Zustände sind katastrophal", sagt Jones am Dienstag im AZ-Gespräch. © privat

Das ging gut, bis in den vergangenen Monaten das Coronavirus ins Heim gelangte - und sich zahlreiche Bewohner infizierten. Darunter auch Heinz K., wie Jones erzählt. "Mein Vater hatte eine Woche lang schlimmen Husten", erinnert sie sich. Als sie ihn dann nicht mehr telefonisch erreichen kann, hakt sie nach - erhält aber nur wenig Auskunft, sagt sie. Ihrem Vater gehe es gut, habe man ihr erzählt. Ihn zu besuchen sei nicht möglich gewesen - wegen Corona. Jones: "Und dann bin ich irgendwann nervös geworden."

Christa Jones: "Ich klage die Zustände in diesem Heim an"

Ein paar Tage später erhält sie um 22 Uhr den Anruf einer Nachtschwester, ihr Vater liege mit hohem Fieber im Bett und wolle nicht ins Krankenhaus. Schließlich wird er doch eingeliefert, kommt zuerst auf eine Normalstation, dann auf die Intensivstation, weil er beatmet werden soll. Doch sein Körper kann sich nicht erholen; er stirbt Anfang Februar, Jones durfte noch zu ihm - im Sterbefall erlaubt das Krankenhaus das.

Jones sagt nun, man hätte den schlechten Zustand ihres Vaters viel früher erkennen und ihn zum Beispiel zum Trinken animieren müssen. "Ich verstehe das alles nicht. Es ist unfassbar", sagt sie im Gespräch mit unserer Zeitung mehrmals. "Ich klage die Zustände in diesem Heim an, so viele Leute sind gestorben", ergänzt sie und erzählt die Geschichte, dass sie mehrfach Mitarbeiter ohne Maske ins Haus gehen sah.

"Ohne Corona in diesem Heim würde mein Vater wohl noch leben"

Eine Pflegerin, die in der Zwischenzeit als Querdenkerin auffiel und sich geweigert haben soll, eine Maske zu tragen, sitzt mittlerweile wegen einer anderen Strafsache in der JVA (die AZ berichtete).

Jones wird sehr deutlich, wenn sie über die letzten Monate spricht: "Die haben da alle versagt, die Zustände sind katastrophal", sagt sie. Die Missstände müssten auf juristischer Ebene aufgearbeitet und die Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen werden. Viel zu spät hätte sich das Heim Hilfe von außen geholt, viel früher hätte jemand einschreiten müssen, so Jones weiter. Diesen Vorfall stillschweigend hinzunehmen, sei keine Option. "Ohne Corona in diesem Heim würde mein Vater wohl noch leben."

Polizei bestätigt Ermittlungen gegen Heimverantwortliche

Am Aschermittwoch wird Heinz K. beerdigt. Christa Jones wäre nicht die erste Angehörige, die eine Anzeige bei der Kriminalpolizei erstattet. Wie die Pressestelle des Polizeipräsidiums Niederbayern am Dienstag bestätigt, wird seit Anfang Februar gegen die Heimverantwortlichen ermittelt. "Wir vernehmen derzeit Zeugen", bestätigt Polizeisprecher Günther Tomaschko.

Wie das Gesundheitsamt am Dienstag auf Anfrage bestätigte, haben auch Mitarbeiter der Behörde den Kontakt zur Polizei gesucht, um die Zustände im Senioren-Wohnpark zu schildern. Die Staatsanwaltschaft konnte sich hingegen noch nicht zum Sachverhalt äußern: "Uns liegt der Vorgang noch nicht vor", sagt Sprecher Thomas Steinkraus-Koch. Frühere Ermittlungsverfahren gegen das Heim gab es nach Angaben der Polizei bisher nicht.

Die Emvia Living Gruppe, der Träger des Altenheims, war trotz mehrfacher Kontaktaufnahme nicht für eine Stellungnahme zu erreichen.

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