Landshuter Ex-Stewardess und 9/11: "Dann saßen wir da und weinten"

20 Jahre nach dem 11. September 2001 erinnert sich die Lufthansa-Stewardess Edith Ludwig an die dramatischen Ereignisse dieses Tages.
| Ingmar Schweder
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Wie geht es weiter? Edith Ludwig spricht mit den Kapitänen des Flugzeugs.
Wie geht es weiter? Edith Ludwig spricht mit den Kapitänen des Flugzeugs. © Edith Ludwig

Landshut - Am heutigen Samstag werden sich acht ehemalige Kollegen nach 20 Jahren wiedersehen.

Es ist das erste Mal in dieser Besetzung. Während einer Gedenkminute am Samstag in der Kugelhalle von Fritz Koenig in Ganslberg, in der die Ausstellung "Die Kugelkaryatide New York - vom Kunstwerk zum Mahnmal" gerade eröffnet worden ist, will sich die Lufthansa-Crew des Flugs LH 408 von Düsseldorf nach New York und Teile der Besatzung eines weiteren Flugs nach Dallas an den Händen halten und der rund 3.000 Opfer des Terroranschlags gedenken.

Edith Ludwig.
Edith Ludwig. © Ingmar Schweder

Dass die Emotionen Edith Ludwig (66) in diesem Moment übermannen werden, ist gewiss. Denn auch für sie ist seit diesem Tag vieles anders. Die Erlebnisse haben sie bis heute nicht losgelassen.

Edith Ludwig: "Es war bis dahin ein ganz normaler Flug"

Die ehemalige Chef-Stewardess war am 11. September 2001 mit ihrer Maschine nur noch drei Stunden vom Zielflughafen New York entfernt. An Bord: zwei Piloten, insgesamt neun Crewmitglieder und 200 Passagiere.

"Es war bis dahin ein ganz normaler Flug. Ich hatte die zweite Wache und kam aus der Pause, als plötzlich die rote Signalleuchte anging und der Kapitän sich bei mir meldet. Da dachte ich mir: Was kommt denn jetzt? So ein Cockpitcall kommt äußerst selten vor."

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Meldet sich der Kapitän auf diese Weise, ist die Situation an Bord tatsächlich ernst. "Da klingelt jetzt keiner, um eine Tasse Kaffee zu bekommen. Wenn es klingelt, ist schon eher ein schlimmes Gewitter, das wir umfliegen müssen." Doch die Durchsage ist zunächst äußerst vage. "Frau Ludwig, wir müssen sofort landen und den nächstmöglichen Flughafen anfliegen. Ich weiß noch nicht, welcher das sein wird, aber wir müssen runter", gab ihr der Pilot zu verstehen. "Ich fragte: Um Gottes willen, ist etwas mit der Maschine? Doch er sagte Nein. Er wisse nur, dass alle Maschinen im Luftraum sofort landen müssen." Edith Ludwig sollte eine Durchsage für die Passagiere machen.

"Unsere Crew hat sehr gut gearbeitet und konnte die Passagiere beruhigen"

Ludwig sammelte sich kurz, weckte die Crewmitglieder auf, die sich gerade in der Pause befanden, holte noch einmal tief Luft und griff zum Mikrofon: "Ich habe den Passagieren die Lage mitgeteilt und dass die außerplanmäßige Landung alle Maschinen betrifft. Den Grund kannten wir zwar nicht. Unsere Crew hat aber sehr gut gearbeitet und konnte die Passagiere beruhigen."

Die Crew des Flugs LH 408.
Die Crew des Flugs LH 408. © Edith Ludwig

Dennoch prasselten 1.000 Fragen auf die Stewardessen ein, auch die unerfahreneren Crewmitglieder werden verständlicherweise nervös. "'So etwas hatten wir noch nie', hat eine Kollegin zu mir gesagt. 'So etwas hatten wir alle noch nie', habe ich dann gesagt. Das Wichtigste war, es war nichts mit der Maschine. 'Wir haben genug Treibstoff. Wenn wir landen, sehen wir weiter.'" Da ahnte Ludwig noch nicht, dass sie mehrere Tage stranden sollten.

Der Grund für das plötzliche Flugverbot bleibt unklar

Unterdessen waren die Piloten im Cockpit bereits im Stress. Die nächsten Flughäfen in Kanada, das zeigten die Karten, waren eine Militärbasis in Gander und ein kleiner Inlandsflughafen in Halifax in Nova Scotia, den Langstreckenmaschinen planmäßig nicht anfliegen. Doch die Lufthansamaschine ist mit dem Problem nicht allein. "Im Luftraum befanden sich zu diesem Zeitpunkt sehr viele Maschinen aus der ganzen Welt. Neben uns waren eine Air Swiss und eine Alitalia. Alle mussten nach Gander oder Halifax."

Die LH 408 und 42 weitere Langstreckenmaschinen steuern am 11. September 2001 schließlich Halifax an, 50 weitere weichen nach Gander aus. Der Grund für das plötzliche Flugverbot bleibt unklar. "Wir haben kurz gedacht, eventuell ist eine Präsidentenmaschine im Luftraum. Die Information, die wir bis dahin hatten, war, dass alle Flughäfen in New York gesperrt sind. Da dachten wir noch: Okay, fliegen wir dann eben nach Boston. Doch der Kapitän hat gesagt: Nein, wir müssen sofort runter."

Drei Tage dürfen die 43 Langstreckenflugzeuge nach dem Terrorangriff am 11. September vom Flughafen Halifax nicht starten. Der Flughafen ist ein Inlandsflughafen und nicht auf große Flugzeuge ausgelegt.
Drei Tage dürfen die 43 Langstreckenflugzeuge nach dem Terrorangriff am 11. September vom Flughafen Halifax nicht starten. Der Flughafen ist ein Inlandsflughafen und nicht auf große Flugzeuge ausgelegt. © Edith Ludwig

Plötzlich heißt es: Terroranschlag in New York

Auch nach der Landung bleibt die Lage lange unübersichtlich. Die spärlichen Informationen, die die Crew erhält, laufen über das Telex im Cockpit. Es habe einen Terroranschlag in New York gegeben, so plötzlich die Information. "Da hat man natürlich erstmal ein anderes Bild im Kopf", sagt Ludwig. "Man muss sich vorstellen. Damals gab es noch kaum Handys, das Mobilfunknetz war außerdem zusammengebrochen."

In der Hoffnung, dass das Flugzeug bald wieder starten darf, vertreibt die Crew den Passagieren die Zeit. "Nach dem Abendessen sagte ein Fluggast, ein Flugzeug sei ins World Trade Center geflogen. So recht konnte ich das nicht glauben. Ich dachte an eine kleine Maschine, die einen der Türme gestreift hatte, dass der Vorfall untersucht werden müsse." Nachdem aber klar wird, dass es nicht mehr weitergeht, erlebt Ludwig einen nie dagewesenen Zusammenhalt unter den verschiedenen Crews, dem Flughafenpersonal in Kanada und den internationalen Kollegen.

Edith Ludwig: "Viele von uns mussten weinen"

"Meine Hochachtung an die Kanadier, die alles in Bewegung gesetzt haben, wie sie es geschafft haben, die Passagiere und die Besatzung der 43 Flugzeuge in Turnhallen, Hotels und Schulen unterzubringen." Da es am Flughafen Halifax nur wenige Flugzeugtreppen gibt, dauerte es acht Stunden, bis die Passagiere des Flugs LH 408 aussteigen können. Ludwigs Crew bleibt die erste Nacht noch im Flugzeug. "Der Kapitän hatte das einzige Handy. Jeder konnte am Abend drei Minuten zu Hause anrufen", erinnert sie sich.

Was tatsächlich in New York am 11. September vorgefallen ist, realisiert die Crew am nächsten Morgen, als ihr neben Frühstückspäckchen eine Zeitung gebracht wird. Das Titelbild zeigte das brennende World Trade Center. "Viele von uns mussten weinen. Keiner von uns konnte sich vorstellen, dass unser Arbeitsplatz für so etwas Grauenhaftes missbraucht wird. Wir haben natürlich daran denken müssen, wie es sein muss, als Crew und als Passagier in so einer Lage gewesen zu sein."

Zwei kanadische Piloten nehmen Ludwig und ihre Crew schließlich für die nächsten zwei Nächte bei sich auf und organisieren ein gemeinsames Abendessen. "Als wir im Wohnzimmer saßen, wurden wir gefragt, ob wir den Fernseher einschalten möchten. Irgendwann musste dieser Zeitpunkt kommen. Dann saßen wir da und weinten. Wenn man so etwas Schlimmes sieht, das vergisst man nicht."

Zur Gastfamilie hält Edith Ludwig bis heute Kontakt

Erst am vierten Tag kann die LH 408 von Halifax ihren Heimweg nach Düsseldorf antreten. Die Maschinen werden vorher gründlich unter die Lupe genommen, jede Nagelschere an Bord wird beanstandet. Fliegen sollte nie wieder sein wie vorher.

Vergessen hat Ludwig den Tag bis heute nicht, auch, weil sie sich Zeit zur Aufarbeitung nimmt: "Immer wenn ich danach noch in New York war, war es immer etwas sehr Besonderes für mich."

Sie besucht dann Ground Zero oder den Liberty Park, an dem das Fritz-Koenig-Kunstwerk "Große Kugelkaryatide" seinen Platz gefunden hat. Oder das Museum, in dem der vielen Feuerwehrleute gedacht wird, die am 11. September und in den Tagen danach beim Einsatz ihr Leben verloren hatten. "Wenn man das alles sieht, ist es immer sehr emotional." Das wird auch Samstag in Ganslberg so sein.

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