Landshuter Einzelhandel stirbt aus: Die große Leere

Ein neues Gutachten und viele Ideen. Besseres Marketing und Innenstadt-Schutz: Wie soll es im Einzelhandel weitergehen!
| Emanuel Socher-Jukic
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Nach 85 Jahren war Schluss: Wäsche Distler ist in Landshut Geschichte.
AZ Nach 85 Jahren war Schluss: Wäsche Distler ist in Landshut Geschichte.

Landshut - Der Einzelhandel gehört zur DNA einer Stadt und trägt zur Belebung der Innenstädte bei – so auch in Landshut. Und obgleich nach aktuellen Zahlen der deutsche Einzelhandel in jüngster Zeit gewachsen ist, sehen Landshuter Händler sich schwierigeren Zeiten gegenüber.

Vor allem der Textilbereich hat zu kämpfen. Das bestätigt nicht nur der Manager des City Center Landshut (CCL) Matthias Grah. Ein besseres und verzahnteres Stadtmarketing wird immer wieder gefordert. Oberbürgermeister Alexander Putz (FDP) hatte in seinem Wahlkampf angekündigt, das Thema zur Chefsache zu machen. Erste Schritte lassen allerdings auf sich warten.

Innenstadt-Geschäfte sollen geschützt werden

Zeitnahere Unterstützung für die Händler in der Innenstadt könnte von der Gesellschaft für Markt- und Absatzforschung (GMA) aus Ludwigsburg kommen. Die wurde auf Beschluss des Bausenats hin von der Stadt beauftragt, ein Einzelhandelsgutachten zu erstellen. Am 22. Juni wird es vorgestellt. Der Tenor des Gutachtens lautet: Die Innenstadt mit ihren Geschäften soll vor zu starker Konkurrenz am Stadtrand geschützt werden. Konkret geht es um Sortimente wie Textil, Drogerie und Sport. "Die gehören in die Innenstadt", sagt Dr. Stefan Holl, Geschäftsführer der GMA.

An der Peripherie verortet Holl Baumärkte und Sortimente wie Möbel und Autozubehör. Über die Bauleitplanung habe die Stadt ein "gutes Instrument", um Rahmenbedingungen für den Handel zu schaffen. Gäbe es keine politischen Vorgaben, würden die meisten Geschäfte an die Peripherie gehen, da man dort die günstigsten Bedingungen vorfinde: unter anderem ausreichend Parkplätze, günstigere Mieten, zweckmäßige Bauten.

Holl warnt jedoch davor, sich nur auf die Bauleitplanung zu verlassen. Auch die Attraktivität der Innenstadt muss gefördert werden. "Etwa durch die Verzahnung von Gastronomie und Handel." So etwas könne nur ein Oberzentrum bieten.

Als "Problemkind" des Einzelhandels hat der GMA-Chef wie andere auch den stationären Textilhandel ausgemacht. Die Verbraucher hätten sich stattdessen Dingen wie Nahrung, Genuss, Gesundheit und Körperpflege zugewandt. "Das macht fast die Hälfte der Verbrauchsausgaben aus", so Holl. Gute und teure Kleidung spielten nicht mehr eine solch große Rolle. Städte mit intaktem Einzelhandel würden aber solche Veränderungen aushalten – sofern sie neben einem ordnungspolitischen Rahmen auch auf die Attraktivität achteten.


Matthias Grah: "Einkaufen muss ein Erlebnis sein"

Man kann Matthias Grah als alten Hasen im Einzelhandel bezeichnen. Bevor er vor zwölf Jahren das CCL als Manager übernahm, war er viele Jahre in verantwortlicher Position bei einer großen deutschen Bekleidungskette tätig. Die negative Dynamik im textilen Einzelhandel der vergangenen Jahre hat selbst ihn überrascht. "Es herrscht ein hohes Maß an Unsicherheit", sagt Grah. Selbst gut gehende Center wie das CCL müssten mit dauerhaften Leerständen rechnen. Derzeit stehen die ehemaligen Flächen von Jack Wolfskin und Weltbild leer. "Man wird wohl bei den Mietpreisen Zugeständnisse machen müssen", sagt Grah, der das CCL für die Aktiengesellschaft "Patrizia Immobilien" managt, wobei Grah derzeit eher von einer Form des Krisenmanagements spricht. Die Probleme lägen nur teilweise am Internet.

Hinzu komme, dass nicht mehr so viel für Mode ausgeben werde. "Für Smartphones und Reisen gibt man gerne viel Geld aus." Für das CCL sieht Grah einen Ausweg darin, Geschäfte ins Center zu holen, die ein Alleinstellungsmerkmal bieten. Zudem müsse man auf Dinge setzen, die das Internet nicht liefert: Service, Beratung und Erlebnis.

Ottmar Pfleger: "Es gibt wenige Kunden, die das wertschätzen"

Kunden, die im Laden einen Turnschuh anprobieren, um ihn dann im Internet zu kaufen, hat Ottmar Pfleger schon einige erlebt. "Die probieren den an, sagen, dass er perfekt passt und gehen dann wieder. Da weiß ich, dass die den danach im Internet bestellen", so Pfleger.

Manche fotografierten die Ware auch mit dem Handy ab, um im Internet danach zu suchen. Dabei macht der Geschäftsführer des "Lebowski" in direkter Nachbarschaft zum CCL eigentlich aus Marketing-Sicht alles richtig: Das "Lebowski" ist nicht nur ein Modegeschäft, das urbane Kleidung und Skate- und Snowboards anbietet, sondern hat auch Accessoires, Schallplatten und ein Café unter seinem Dach, regelmäßig legen DJs auf, kurz: Das "Lebowski" liefert auch ein gewisses Lebensgefühl mit, ein "urbanes Erlebnis", wie Pfleger sagt.

Man hat einen Onlineshop, verkauft über Amazon, bespielt Facebook und Instagram – für einen modernen Einzelhändler ist das alles lehrbuchmäßig. Dennoch: "Der Prozentsatz der Kunden, die das wertschätzen, ist so gering, dass es hart ist, einen Gewinn zu erwirtschaften", sagt Pfleger. Von 1993 bis 2016 betrieb er das Skate- und Modegeschäft "Cocaines", bevor er mit seinem Geschäftspartner Christian Becker das "Lebowski" eröffnete. "Im Vergleich zu 1993 arbeite ich heute das Vierfache für weniger Umsatz."

In den vergangenen Jahren beobachtet Pfleger auch einen Rückgang bei der Frequenz in der Innenstadt. "Das ist dieses Jahr sogar nochmal einen deutlichen Schub mehr zurückgegangen." Um Landshut als Einkaufsstadt weiterzubringen, müssten Landshut, Ergolding und Altdorf zusammenarbeiten. Schließlich hätten alle ein Interesse an einer lebendigen Innenstadt. Und jeder Einzelne müsse sich überlegen, ob er eine Stadt haben will, in der man sich seine Ware noch aussuchen kann.

Bernhard Bachem: "Die, die kommen, kaufen mehr"

Einen Rückgang bei der Frequenz in der Innenstadt stellt Hugendubel-Filialleiter Bernhard Bachem fest. "Das ist aber nicht nur ein Landshuter Problem – das ist in allen Städten so." Umso wichtiger findet es Bachem daher, dass man Landshut als Ganzes nach außen präsentiert und vermarktet. Aktuell gebe es zu viele unterschiedliche Gruppen wie die Interessengemeinschaft Landshut Innenstadt (ILI), den Verkehrsverein, das Amt für Marketing und Tourismus und den Marketingclub. "Die machen alle viel, aber jeder allein", so Bachem.

Neben einem gemeinsamen und guten Stadtmarketing müssen aber auch die Händler selbst für gute Beratung und ein schönes Ambiente sorgen. Zwar habe die Zahl der Kunden abgenommen, doch die, die kommen, kauften mehr ein. Und: Die Kunden seien auch offener und interessierter als früher, sagt Bachem. Um Erlebnisse zu schaffen, setzt man bei Hugendubel Landshut auf Länderabende. In Kooperation mit dem Neustadt Reisebüro, dem "Alpenstrand" und weiteren Händlern stelle man regelmäßig ein Reiseland vor, entsprechende Literatur und es gebe landestypisches Essen. Ein Konzept, das laut Bachem sehr gut angenommen werde.

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