Impfung: Über 1.000 Dosen bleiben liegen

Der Impfstoff ist da, doch Landshut wird immer Impfmüder. Dabei sei die Impfquote vor dem Herbst so wichtig, sagen Ärzte.
| Ingmar Schweder
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310 Landshuter nehmen am Wochenende das Angebot der Stadt Landshut im Impfzentrum wahr. Rund 2.000 hätten es werden können.
310 Landshuter nehmen am Wochenende das Angebot der Stadt Landshut im Impfzentrum wahr. Rund 2.000 hätten es werden können. © Christine Vinçon

Landshut: Ob Biontech oder Moderna: Die Kühlschränke des Impfzentrums Landshut sind am vergangenen Wochenende ausreichend gefüllt. 1.800 Erstimpfungen für Landshuter Stadtbewohner ab 16 Jahren stehen bei den "Offenen Impftagen" bereit. Impfen ohne Termin und rechtzeitig vor dem Urlaub, so lautet die Botschaft der Stadt Landshut. Die Zweitimpfung könne für die Kurzentschlossenen bereits nach vier anstelle der bisherigen sechs Wochen erfolgen. Die Sommerferien beginnen am 27. Juli.

Am Montag macht sich im Impfzentrum jedoch Ernüchterung und Enttäuschung breit - auch mit Blick auf den kommenden Herbst. Wie Thomas Schindler vom Impfzentrum Landshut berichtet, nehmen am Samstag 160 Landshuter und am Sonntag noch einmal 150 das spontane Angebot zur Immunisierung wahr. "Das ist schade", sagt der Leiter vom Amt für Katastrophenschutz. 1.500 bis 1.800 hätte er sich gewünscht.

Von 100 Impfterminen platzen zehn bis 20

Hinzu komme, dass die Landshuter von 100 bereits vereinbarten Impfterminen zehn bis 20 durchschnittlich platzen lassen. Manche sehen wegen der niedrigen Inzidenz keinen Sinn mehr in einer Impfung, manche wollen erstmal Urlaub machen: Gründe, warum Termine unbesetzt bleiben, so hört man es aus dem Impfzentrum, gebe es viele. "Unter den Kurzentschlossenen, die spontan vorbeigekommen sind, waren immerhin viele Jugendliche und junge Erwachsene bis 25 Jahre dabei", fasst Schindler das Positive vom Wochenende zusammen. 400 Erstimpfungstermine können nun wieder im Impfzentrum Landshut neu gebucht werden. Das Angebot richtet sich eben nach der Nachfrage.

Dass die Stadt Landshut vor den "Offenen Impftagen" die Urlaubskarte ausspielt, ist bezeichnend für das allgemeine Lagebild, das sich wie folgt zusammenfassen lässt: Die Stadt Landshut hat trotz aller Widrigkeiten - dazu zählen neben dem Impfstoffmangel auch die teils chaotischen Züge der Informationspolitik auf Bundesebene - eine beachtliche Erstimpfquote von mittlerweile über 60 Prozent erreicht. Nun ist ausreichend Impfstoff vorhanden und das Ziel einer angestrebten Impfquote von über 70 Prozent ist eigentlich nah, doch ein gewichtiger Teil der Landshuter zögert, was nicht nur Thomas Schindler vom Impfzentrum Kopfzerbrechen bereitet.

Uwe Schubart
Uwe Schubart © AZ-Archiv

"Mittlerweile ist es wissenschaftlich gut belegt, dass wir, um einen ausreichenden Schutz für die Bevölkerung zu erreichen, 70, eher 80 Prozent einer Durchimpfungsquote bräuchten. Nun stehen wir vor der Problematik, wie wir die restlichen zehn bis 15 Prozent erreichen können", sagt Dr. Uwe Schubart, Ärztlicher Leiter des Impfzentrums Landshut.

Impfkampagne in einer entscheidenden Phase

Schutz, den man spätestens im Herbst gut gebrauchen kann. Denn die Chancen, mit einer ausreichenden Impfquote geschützt in den Herbst zu starten, stehen gut, wie Schubart mit Blick auf das Infektionsgeschehen im Nachbarland England berichtet. Die Briten, die eine extrem hohe Erstimpfquote vorweisen können, hätten trotz hoher Inzidenzen (bis zu 200) nur wenige schwere Krankenhausfälle, was Mut machen könne. Dort sollen trotz steigender Zahlen alle Beschränkungen fallen. Schubart: "Es wäre deshalb ein grober Fehler, wenn wir in diesem Sommer nachlässig werden", sagt der Impfarzt. Man könnte es auch Lernen mit Corona zu leben nennen.

Doch wie holt man die Unentschlossenen bei einer Inzidenz, Stand Montag, von 6,8 in der Stadt (Landkreis Landshut 1,3) überhaupt ab ? Sollen Impfschwänzer Strafen zahlen, wie es der Präsident des Berliner Roten Kreuzes kürzlich vorgeschlagen hat? Eher durch politische Anreize wie den Wegfall von Einschränkungen für Zweifachgeimpfte, sagt Uwe Schubart - und ist damit nicht allein.

Stephan Holmer
Stephan Holmer © Klinikum Landshut

Prof. Dr. Stephan Holmer (60), Ärztlicher Direktor des Klinikums Landshut, sieht die Impfkampagne ebenfalls in einer entscheidenden Phase. Er könne sich nicht vorstellen, dass vor allem junge Menschen im Herbst nicht wieder zu Hause sitzen wollen; doch genau das könnte drohen, sollte die Impfkampagne weiter stottern. Holmer: "Es muss der Glaube überwunden werden, dass wegen des Sommers die Gefahr endgültig vorbei ist."

"Es geht um den Selbstschutz jedes einzelnen"

Dass eine vierte Welle kommen wird, ist laut Uwe Schubart sicher - und sie wird den Erfolg der Impfkampagne auf die Probe stellen. Schubart: "Es ist Tatsache, dass wir vor einem Jahr schon einmal soweit waren und damals im Herbst mit der britischen Variante eine Infektionsproblematik hatten. Damals hatten wir aber noch keinen Impfstoff." Holmer rät deshalb eindringlich, dass die Landshuter die zweite Dosis nicht einfach weggelassen.

Dass im Herbst die Krankenhäuser noch einmal ähnlich stark mit Covid-Patienten belegt werden wie bei der Coronawelle im vergangenen Jahr, daran glaubt Holmer wegen des bisherigen Erfolgs der Impfkampagne nicht. "Da die Hälfte der Menschen nicht mehr so krank werden kann, dass sie ins Krankenhaus muss, werden die Fälle auf den Intensivstationen sicher niedriger sein. Geht man aber von der Gefährdung des Gesundheitssystems weg und zur Gefahr für jedes Individuum, müssen wir es jedoch schaffen, noch möglichst viele für eine Impfung zu erreichen. Es geht um den Selbstschutz jedes einzelnen."

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Der Ärztliche Leiter des Klinikums würde beim Impfen künftig weiter auf niederschwellige Angebote setzen und Hürden vermeiden, um der Impfkampagne noch einmal einen Schub zu verleihen. Holmer: "Wir haben schon eine hohe Impfbereitschaft, wenn man sieht, dass viele auch lange Wartezeiten in Kauf genommen haben, um sich impfen zu lassen. Das zeigt, dass der Großteil der Bevölkerung das Vorgehen unterstützt."

Holmer ist zuversichtlich, dass auch die letzten Unentschlossenen noch überzeugt werden können. "Vielleicht nicht in den nächsten drei Wochen, aber danach."

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