Gebrauchtwarenkaufhaus: Nichts darf rein - nichts darf raus

Im Gebrauchtwarenkaufhaus stapeln sich die Waren.
| Claudia Hagn
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Porzellan gibt es momentan in Hülle und Fülle im "Hab und Gut". Nur hat das Kaufhaus gerade wegen Corona geschlossen.
Porzellan gibt es momentan in Hülle und Fülle im "Hab und Gut". Nur hat das Kaufhaus gerade wegen Corona geschlossen. © Vincon

Landshut - Eigentlich ist im "Hab und Gut" immer was los: Menschen stöbern in alten Schätzen, suchen sich günstige Möbel aus oder halten einfach einen kleinen Plausch. Doch gerade ist auch im "Hab und Gut" alles anders: Vor der Tür steht ein großes rotes Schild: "Lockdown. Kein Verkauf. Keine Annahme", steht darauf. Diese fünf Wörter bezeichnen sehr kurz, mit welchen Problemen das Gebrauchtwarenkaufhaus der Diakonie (inklusive der Standorte in Vilsbiburg und Rottenburg) gerade zu kämpfen hat.

Das Lager ist voll

"Wir holen nichts ab und können auch nichts annehmen", sagt Jan Ritzer, Leiter der Arbeitsprojekte bei "Hab und Gut". Die große Verkaufshalle ist nämlich seit 16. Dezember mit ein paar Tagen Ausnahme geschlossen, auch das Lager ist komplett voll. Dort stapeln sich noch die Geschirrberge aus dem Lockdown im Jahr 2020. Sie werden gerade von den wenigen Mitarbeitern sortiert, die nicht in Kurzarbeit sind. Fünf sind es von insgesamt rund 50 bis 60 - sie alle können gerade nicht arbeiten, weil das "Hab und Gut" wegen Corona zumachen musste. Für das Kaufhaus gelten die gleichen Regeln wie für den normalen Einzelhandel, sagt Ritzer.

Wegen des Lockdowns misten die Menschen ihre Wohnungen aus

Und das ist auf mehreren Ebenen ein Problem. Ritzer erwähnt zum Beispiel die Masse an Ware, die am Kaufhaus vorbeigeht; zum Beispiel gleich ins Wertstoffentsorgungszentrum eine Straße weiter. Denn die Leute hätten vergangenes Jahr ihre Wohnungen ausgeräumt - und sie machen es immer noch. 800 Tonnen Ware konnten laut Ritzer 2020 wieder in den Wirtschaftskreislauf gebracht werden; heuer fehlen so wahrscheinlich schon 100 Tonnen, die einfach weggeschmissen wurden, anstatt im "Hab und Gut" als günstige Schnäppchen angeboten zu werden. Die meisten nehmen ihre Ware wieder mit, wenn sie vor dem geschlossenen "Hab und Gut" in Altdorf stehen - manch einer lässt seinen Müll, und nichts anderes sei das meistens, einfach stehen. Ritzer: "Und dann müssen wir die Entsorgungskosten tragen und haben nichts damit verdient."

Jan Ritzer in der leeren Verkaufshalle.
Jan Ritzer in der leeren Verkaufshalle. © VIncon

Viele Mitarbeiter fallen in ein Loch

Ihm tut es sehr weh, dass so viele Dinge momentan nicht im Gebrauchtwarenkaufhaus abgegeben werden können; schließlich sei es genau dafür da, Menschen günstig Dinge anbieten zu können. Und da kommt die nächste Ebene ins Spiel: die soziale nämlich. Das "Hab und Gut" ist für die Mitarbeiter ein wichtiger Baustein in ihrem täglichen Leben. Sie kommen aus der Arbeitslosigkeit, haben entweder eine schwere Behinderung oder psychische Probleme und erleben im Gebrauchtwarenkaufhaus einen geregelten Tagesablauf sowie soziale Kontakte. Fällt das wegen Corona weg, fallen die Mitarbeiter auch in ein Loch. "Wir hätten sinnvolle Tätigkeiten, aber dürfen nicht öffnen. Noch geht es, aber wir rufen wöchentlich bei unseren Mitarbeitern an, um sie auf dem Laufenden zu halten", sagt der Sozialpädagoge Ritzer. Und auch den Kunden fehlt das Kaufhaus - viele brauchen vor allem Möbel, zum Beispiel Küchen. Da helfen die Mitarbeiter auch bei der Montage daheim; das falle momentan auch weg, so Ritzer.

Kleidung wird am meisten recycelt.
Kleidung wird am meisten recycelt. © Vincon

Die Klamotten-Qualität wird schlechter

Eine Ausnahme bei der Diakonie sind momentan die "Guten Dienste" mit ihrem Bücherverkauf und der Gärtnerei. Mit einer Sondergenehmigung darf dort gearbeitet werden; auch Kleidung wird dort sortiert, die in den lila Altkleidercontainern abgegeben wird. Sie kommt in den Wiederverkauf beim "Hab und Gut", der Rest kommt zu einer Verwertungsfirma in der Nähe von Ulm - mitunter ist die Kleidungssparte die Sparte beim Gebrauchtwarenkaufhaus, in der am meisten recycelt wird. Dennoch bemerken die Mitarbeiter, dass die Qualität der Ware kontinuierlich schlechter wird, Stichwort "Fast Fashion", also schnelle Mode, die immer billiger produziert wird. Vor allem Sportkleidung sei, wenn sie nicht mehr getragen werden kann, nur noch Müll - Recycling sei fast unmöglich, wegen der schwierigen Fasermischung.

"Click and Collect" ist nicht möglich

Nun warten Ritzer und seine Mitarbeiter darauf, dass der Inzidenzwert wieder für drei Tage unter 100 fällt. Dann darf auch das Gebrauchtwarenkaufhaus wieder aufsperren, mit Terminvergabe. Das habe sehr gut geklappt, "Click and Collect" sei nicht möglich wegen der Unmenge an einzelnen Artikeln. Wer aktuell etwas an Gebrauchtwaren nach dem Ausräumen loswerden will, muss sich also noch gedulden. Denn erst wenn wieder verkauft werden darf, nimmt das "Hab und Gut" wieder Dinge an. Manche Frühjahrsputzer oder Entrümpler daheim heben die Sachen laut Ritzer auch auf, bis der Lockdown zu Ende ist. "Die sind sehr geduldig und wollen die Ware einfach ned wegschmeißen." Andere spenden es anderweitig an soziale Zwecke, etwa an Flüchtlingsfamilien.

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Das 20-jährige Jubiläum muss ausfallen

Was Ritzer und seinem Team besonders wehtut: Sie können ihr 20-jähriges Jubiläum heuer nicht so feiern, wie gewünscht. "Wir hätten gern ein wenig gefeiert, aber das geht jetzt einfach nicht", sagt Ritzer. Finanziell ist die Situation übrigens auch eine schwierige. Denn schließlich sollte das "Hab und Gut" die Diakonie mittragen, doch Einnahmen gibt es grad nur wenige. Die schwarze Null ist also noch nicht wirklich greifbar. Weiterhin fährt das Gebrauchtwarenkaufhaus einfach auf Sicht. So wie viele andere momentan auch.

 

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