Die Eile mit dem Christbaum: Weihnachtlicher Traditionsbruch

Den Christbaum immer früher aufzustellen, ist ein Trend. Wo die Gründe dafür liegen: Eine Annäherung an die Tanne im frühen Advent.
| Claudia Hagn
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Maximilian Seefelder: "Mit der verfrühten Aufstellung des Christbaums nimmt die Gesellschaft den Höhepunkt des Weihnachtsfests, das Ereignis des Heiligen Abends, das der Christbaum und auch die Weihnachtskrippe mit der Geburtsszene versinnbildlichen, schon vorweg."
Maximilian Seefelder: "Mit der verfrühten Aufstellung des Christbaums nimmt die Gesellschaft den Höhepunkt des Weihnachtsfests, das Ereignis des Heiligen Abends, das der Christbaum und auch die Weihnachtskrippe mit der Geburtsszene versinnbildlichen, schon vorweg." © Seefelder

Landshut - Die Zeiten ändern sich. War es früher quasi unter Androhung drakonischer Geschenkeentziehung verboten, den Christbaum vor dem 24. Dezember geschmückt zu sehen, breitet sich immer stärker ein neuer Trend aus: Manch einer stellt sich bereits ab dem frühen Advent einen Tannenbaum mit Kugeln und Lichtern ins Wohnzimmer. Wieso das so ist, dazu gibt es mehrere Erklärungen.

Der Christbaum bringt Licht in dunkle Corona-Zeiten

Eine davon mag sein, dass sich ein solcher Weihnachtsbaum einfach gut fotografieren und präsentieren lässt - vor allem in den sozialen Medien. Und weil da viele, vor allem Jüngere, unterwegs sind, kommt der neue Baum natürlich auch in die sozialen Medien; so früh wie möglich, denn nach Weihnachten macht das Ganze ja auch wenig Sinn.

Corona hat die ganze Lage noch entscheidend mit verändert. Viele brauchten im vergangenen Jahr mit Lockdown, schlechten Nachrichten und Co. ein wenig Aufmunterung und vor allem: Licht vor Weihnachten. Daher kam der Baum schon früher in die Wohnung oder ins Haus.

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Der Trend kommt aus dem angelsächsischen Raum zu uns

Doch Corona ist laut Thomas Emslander senior, Vorsitzender des Vereins der Bayerischen Christbaumanbauer bei Weitem nicht der einzige Grund: Emslander bemerkt seit Jahren, dass die Bäume viel früher im Jahr aufgestellt werden - der Trend schwappe aus dem angelsächsischen Raum wie zum Beispiel die USA und England nach Deutschland.

Dort wird nämlich ganz früh im Advent geschmückt, der Baum bleibt vier Wochen mindestens vor dem Fest stehen. Vor Silvester kommt die Tanne dann wieder raus. "Das ist dann das nächste Fest, da hat der Baum nichts mehr im Haus zu suchen", erzählt Emslander. Auch erwähnt er das Phänomen des "Zweitbaums" auf der Terrasse oder im Kinderzimmer.

Jedoch bemerke die Branche auch, dass zum Beispiel Singles sich keinen Christbaum in die Wohnung stellen - und diese Gruppe wachse stetig, so Emslander.

Thomas Emslander senior ist Vorsitzender des Vereins der Bayerischen Christbaumanbauer.
Thomas Emslander senior ist Vorsitzender des Vereins der Bayerischen Christbaumanbauer. © Emslander

Was sich auch geändert hat im Laufe der Jahre, ist die Baumform: "Junge orientieren sich oft an Amerika, wollen einen sehr dichten Baum, an den man außen Girlanden hängen kann", sagt Emslander. Ältere favorisierten eine Tanne, die größere Abstände zwischen den Zweigen und mehrere Etagen habe - für echte Kerzen und mehr Platz für feingliedrigen Schmuck.

Maximilian Seefelder, Heimatpfleger beim Bezirk Niederbayern, steigt bei einer Erklärung für die wohl frühere Installation einer Tanne tiefer und sehr detailliert ein. Er gibt zuerst eine Erklärung, wieso wir überhaupt einen grünen Baum samt Lichtern aufstellen. Viele unserer Bräuche seien laut Seefelder auf religiöse Traditionen zurückzuführen. Die Brauchgegenstände oder Brauchrequisiten wie eben aktuell der Adventskranz oder der Christbaum, die hierzulande traditionsgemäß zum Einsatz kommen, seien Ausdruck christlicher Symbolik (siehe AZ-Info I).

In Deutschland wird der Countdown zum Weihnachtsfest meist durch einen Adventskranz dargestellt. "Der aus grünen Zweigen gebundene Kranz soll mit seinen vier Kerzen zeichenhaft, aber noch in eher bescheidener dramaturgischer Steigerung auf das Christfest hinführen", sagt Seefelder. Der grüne Tannen- oder Christbaum mit seinem Lichterglanz markiere schließlich den festlichen Höhepunkt, die Christgeburt, und stehe für die Ankunft des Erlösers, auf den die Menschheit gewartet hat.

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Seefelder vermutet nun auf die Frage, wieso sich viele früher den Christbaum ins Haus stellen, dass mit diesem "quasi symbolischen Warten auf die Christgeburt" die Hochgeschwindigkeitsgesellschaft ganz offensichtlich ihre Probleme habe. "Mit der verfrühten Aufstellung des Christbaums nimmt sie den Höhepunkt des Weihnachtsfests, das Ereignis des Heiligen Abends, das der Christbaum und auch die Weihnachtskrippe mit der Geburtsszene versinnbildlichen, schon vorweg."

Warum ist das so? "Wir leben in einer Zeit geistiger Säkularisation. Viele Menschen in unserer pluralistischen Gesellschaft verstehen die Zeichenhaftigkeit und die Bedeutung, die sich hinter all diesen Traditionen verbirgt, nicht mehr", erklärt Seefelder. Vielen sei das auch egal. Dies führe zu Beliebigkeit im Umgang mit Bräuchen und Brauchgegenständen. Denn: "Sie werden kaum mehr als Ausdruck von Religiosität und Volksfrömmigkeit erkannt, sondern eher als stimmungsvolle jahreszeitliche Dekoration verwendet. Deshalb werden die meisten Christbäume dann abermals verfrüht unmittelbar nach den Weihnachtstagen entsorgt", sagt der Bezirksheimatpfleger.

Dann nämlich sei man ihrer schon wieder überdrüssig geworden. Man könne sagen, hier sei die gesamte Dramaturgie des jahreszeitlichen Brauchgeschehens und seiner dazugehörigen Requisiten aus den Fugen geraten.

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Von Zeit zu Zeit ändern sich die kulturellen Verhaltensweisen

Ein gewichtiger Grund liege auch darin, dass die christlichen Kirchen, die über Jahrhunderte hinweg die wegweisenden Deutungsinstanzen waren und den Menschen Orientierung gaben, zunehmend an Bedeutung und Einfluss verlieren - warum auch immer. Seefelder: "Doch damit ändert sich ebenso der Umgang mit ursprünglich religiösen Ritualen. Sie mutieren zu weltlichen, nicht selten sentimentalen Bräuchen, deren einst klar vorgegebene Zeit der Ausübung und des Gebrauchs zunehmend verschwimmt."

Dennoch gibt Seefelder einen Ausblick, der durchaus versöhnlich zu sehen ist: Man müsse erkennen, dass sich kulturelle Verhaltensweisen, wie Bräuche und der Umgang damit, ändern. Jede Generation sei in ihrer Zeit den vielfältigsten Entwicklungen wirtschaftlicher, politischer, gesellschaftlicher und kultureller Art ausgesetzt und richte sein Leben danach aus. "So gilt es auch zu akzeptieren, dass von Zeit zu Zeit andere kulturelle Schwerpunkte gesetzt werden. Das mag man im einen oder anderen Fall bedauern, aber es ist die Realität."

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