Deplatziert?! Bierwerbung ausgerechnet über Suchtberatung angebracht

Das neue Brauhaus-Logo am Landshuter Netzwerk ist ein Hingucker - auch für Alkolholkranke, die dort therapiert werden.
| Ingmar Schweder
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Das Logo des Landshuter Netzwerks am Gebäude steht für Sozialberatung, auch für Suchtkranke. Rechts das Logo des Landshuter Brauhauses. In der Mitte befindet sich das Stockwerk mit der Suchtberatung.
Das Logo des Landshuter Netzwerks am Gebäude steht für Sozialberatung, auch für Suchtkranke. Rechts das Logo des Landshuter Brauhauses. In der Mitte befindet sich das Stockwerk mit der Suchtberatung. © Christine Vinçon

Landshut - Im Sortiment findet man Limonade, Fruchtsaftgetränke und Wasser. Dennoch wird die Marke Landshuter Brauhaus und insbesondere das Unternehmens-Logo zunächst einmal mit der Haupteinnahmequelle der Brauerei in Verbindung gebracht: dem Bierverkauf in Getränkemärkten, auf Volksfesten, in Gaststätten und bei anderen feuchtfröhlichen Festivitäten.

 

Eine neue Werbung des Landshuter Brauhauses, die seit rund zwei Wochen an der Fassade des Landshuter Netzwerks montiert ist, hat deshalb noch ein ganz anderes Gschmäckle: Im Gebäude betreibt das "Netzwerk" eine in Landshut bekannte Beratungs- und Therapiestelle für Alkoholkranke. Über die neue Fassadengestaltung ist man netzwerk-intern gelinde gesagt: irritiert.

Das Landshuter Netzwerk bieten im oberen Stockwerk Suchtberatungen und -therapien für Alkoholkranke an. Von der neuen Brauhaus-Werbung sind deshalb nicht nur die Mitarbeiter der Sozialberatung irritiert.
Das Landshuter Netzwerk bieten im oberen Stockwerk Suchtberatungen und -therapien für Alkoholkranke an. Von der neuen Brauhaus-Werbung sind deshalb nicht nur die Mitarbeiter der Sozialberatung irritiert. © Christine Vinçon

Optisch ansprechend, aber leider deplatziert

Dass nun eine Bierwerbung die Fassade des Landshuter Netzwerks "aufhübscht", hat bei Geschäftsführer Jürgen Handschuch zumindest keine Kronkorken knallen lassen - auch wenn er zugibt: "Ästhetisch und optisch ansprechend ist sie ja. Nur leider ziemlich deplatziert."


Gewusst von den Fassadenplänen des ehemaligen Eigentümers des Gebäudes habe der Geschäftsführer nichts. Der Verkauf des Hauses ist vergangene Woche abgeschlossen worden. Da waren die Arbeiten schon beendet. Handschuch: "Wir bekamen vor Kurzem die Info, dass Fassadenarbeiten stattfinden werden, doch das kann ja alles sein. Als ich dann den Schriftzug Landshuter Brauhaus direkt neben unserem Logo des Landshuter Netzwerks gesehen haben, ist mit erst mal die Kinnlade runtergeklappt."

Geschockt seien auch die Mitarbeiter im Haus gewesen, mit unterschiedlichen Reaktionen. "Manche glaubten zunächst an einen schlechten Witz. Einige sagten, sowas gehe gar nicht. Einig waren wir uns in den Punkt: Da fehlt jegliches Feingefühl für unsere Arbeit."

Rund 40 Alkoholkranke suchen das Landshuter Netzwerk pro Woche auf, um sich beraten oder therapieren zu lassen - und zwar im vierten Stock des Gebäudes. Handschuch: "Genau auf dieser Ebene ist die neue Bierwerbung abgebracht." Handschuch und Mitarbeiter des Landshuter Netzwerks befürchten nun negative Auswirkungen auf das Image des Vereins. Das Landshuter Netzwerk werde in der Öffentlichkeit als Gebäude wahrgenommen, das in Landshut als Sozialberatung einen gewissen Stellenwert besitze.

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Dass man nur Mieter des Gebäudes sei, sei kaum bekannt. Durch die Bierwerbung am Gebäude könne insbesondere die Suchtberatung an Glaubwürdigkeit verlieren. "Wir sind kein beliebiges Hochhaus in Landshut, sondern ein Haus, das gewisse Werte besitzt", sagt Handschuch. "Uns ist klar, dass Alkoholkranke in einer Gesellschaft lernen müssen, in der Alkohol akzeptiert und allgegenwärtig ist, mit solchen Situationen umzugehen. Dennoch ist es für uns besonders schwierig, eine Bierwerbung am Haus zu haben, da wir hier täglich mit den negativen Auswirkungen des Alkoholkonsums zu tun haben."

 

Hoffnung auf eine zeitnahe Änderung der Fassade macht sich der Netzwerk-Geschäftsführer jedoch nicht. "Darauf haben wir keinen Einfluss." Gespräche mit dem neuen Eigentümer des Netzwerk-Gebäudes seien zwar gut verlaufen. Wie Handschuch berichtet, sei man sich der Problematik zumindest bewusstgeworden. Eine Anfrage unserer Mediengruppe blieb hingegen unbeantwortet. Genauso wie beim ehemaligen Eigentümer des Gebäudes.

Brauerei hofft, dass sich Aufregung bald wieder legt

Vonseiten der Stadt heißt es dazu, dass man die Genehmigung der Werbefläche am Landshuter Netzwerk erteilt habe, da sich die Anlage baurechtlich in das dortige Mischgebiet einfüge. "Auch wenn man objektiv eine Bierwerbung an einem Haus mit einer Suchtberatungsstelle als deplatziert ansehen kann, lässt sich daraus keine baurechtliche Handhabe ableiten, die Genehmigung zu versagen", sagt Stefan Jahn, Leiter des Amts für Bauaufsicht.

Alexander Saponjic, Vorstand des Landshuter Brauhauses, sagte auf Anfrage: "Die Brauerei beliefert die Netzwerk-Kantine hauptsächlich mit alkoholfreien Getränken. Die Chance, die Fassade mit unserem Logo an dieser exponierten Stelle zu versehen, wollten wir nutzen. Wir wollen mit unserer Werbung natürlich niemanden vor den Kopf stoßen oder gar verletzen, das war keinesfalls unsere Absicht. Wir haben für die Genehmigung des Brauhaus-Logos den offiziellen Weg gewählt und eine Baugenehmigung bei der Stadt Landshut beantragt. Eingereicht hatten wir zwei Varianten. Nachdem wir die Baugenehmigung erhalten hatten, haben wir den Auftrag einer Werbefirma erteilt. Erst dann wurde das Logo angebracht." Die Brauerei hoffe sehr, dass sich die Aufregung bald wieder legt.

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