Interview

"In Flammen": Warum Bayerns Sudetendeutscher Tag heuer für massive Proteste sorgt

Zum ersten Mal wird das Treffen zum Sudetendeutschen Tag auf tschechischem Boden stattfinden. Das sorgt für heftige Proteste. Bayerns Ministerpräsident Markus Söder hat sich dennoch angekündigt. Wie Bernd Posselt, Sprecher der Sudetendeutschen Volksgruppe, die aufgeheizte Lage beurteilt und was er zur Kritik der AfD an seinem Versöhnungskurs sagt.
Ralf Müller |
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Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) steht 2025 vor Beginn der Hauptkundgebung des Sudetendeutschen Tages zwischen Mitgliedern der Wischauer Trachtengruppe.
Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) steht 2025 vor Beginn der Hauptkundgebung des Sudetendeutschen Tages zwischen Mitgliedern der Wischauer Trachtengruppe. © Ute Wessels/dpa

Der Sudetendeutsche Tag erzürnt heuer die Gemüter und hat in der Politik einen heftigen Streit ausgelöst. Erstmals soll das Treffen auf tschechischem Boden stattfinden. Das tschechische Abgeordnetenhaus hatte sich vergangene Woche entschieden gegen das Vorhaben gestellt. Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) wird dennoch dort hinreisen. Sein Parteikollege Bernd Posselt ist Sprecher der Sudetendeutschen Volksgruppe und seit 2014 Bundesvorsitzender der Sudetendeutschen Landsmannschaft. Was er von dem Streit um das Treffen hält, erzählt er im AZ-Interview.

AZ: Herr Posselt, das Tschechische Parlament hat eine Resolution gegen den Sudetendeutschen Tag, der an Pfingsten erstmals in Tschechien stattfindet, verabschiedet, und der tschechische Außenminister Macinka spricht sogar davon, dass Brünn "in Flammen" stehen werde. Hat Sie nach Jahren der Bemühungen um Verständigung diese Reaktion überrascht?
BERND POSSELT: Diese Resolution ist völlig unverbindlich. Nur zwei Drittel der Regierungsfraktionen haben an der Abstimmung teilgenommen. Alle Oppositionsfraktionen haben sich dagegen gewandt. Sogar in der Regierung hat sich ein Minister für den Sudetendeutschen Tag ausgesprochen, ein anderer hat sich enthalten. Die Abstimmung war eine Farce und ein Desaster für die nationalistischen Regierungsparteien. Noch dazu hat sie keinen Rechtscharakter. Der Chef der größten Oppositionsfraktion, Marek Benda, hat die Resolution als einen Angriff auf das Grundrecht von Meinungs- und Versammlungsfreiheit zurückgewiesen.

Sie haben also mit der Aufregung gerechnet?
Ich habe nicht gerechnet mit der Welle der Solidarisierung mit uns. Auch Leute, die bisher zurückhaltend waren, haben sich auf unsere Seite gestellt. Es gibt in der tschechischen Gesellschaft niemanden mehr, der neutral ist. Jeder hat sich positioniert. Damit hat der Sudetendeutsche Tag schon jetzt einen Rieseneffekt gehabt. Er hat die Spreu vom Weizen getrennt. Am meisten bin ich beeindruckt, dass der höchste Mann im Staat, nämlich Staatspräsident Petr Pavel, demonstrativ die Schirmherrschaft über unsere Veranstaltung übernommen hat. Er empfängt ja auch den bayerischen Ministerpräsidenten Söder am Pfingstwochenende in Prag. Der zweithöchste Mann im Staat Tschechien, der Senatspräsident (Miloš Vystrčil, d. Red.), nimmt sogar teil.

Bernd Posselt, Sprecher der Sudetendeutschen Volksgruppe, hier mit Bayerns Sozialministerin Ulrike Scharf.
Bernd Posselt, Sprecher der Sudetendeutschen Volksgruppe, hier mit Bayerns Sozialministerin Ulrike Scharf. © Karl-Josef Hildenbrand/dpa

Dennoch ist in Brünn wohl mit massiven Protesten zu rechnen?

Ob die so massiv werden, weiß ich nicht. Seit zehn Jahren wird der Brünner Versöhnungsmarsch veranstaltet. Dazu kommen immer ein paar alte Kommunisten und Nationalisten. Diesmal werden es mehr sein. In der Demokratie gibt es Meinungsfreiheit. Solange sich diese angeblichen tschechischen Patrioten an die tschechischen Gesetze halten, habe ich kein Problem damit.

"Breite Front gegen Nationalismus und Populismus"

Wie hoch ist die Bedeutung des ersten Sudetendeutschen Tages in Tschechien einzustufen?

Wir Sudetendeutsche halten jedes Jahr mehrere große Veranstaltungen in der Tschechischen Republik ab. Der Sudetendeutsche Tag in Brünn hat aber noch einmal eine höhere Bedeutung. Übrigens hat schon in den 90er-Jahren ein tschechischer Diplomat als Erster einen Sudetendeutschen Tag in der Tschechischen Republik gefordert. Der hat vom damaligen nationalistischen Ministerpräsidenten Václav Klaus eine heftige Rüge erhalten. Wir wollten warten, ob uns jemand einlädt. Uneingeladen kommen wir nicht. Im vergangenen Jahr haben uns zwei Bürgerinitiativen – eine um den früheren Parlamentspräsidenten und Schriftsteller Milan Uhde – sowie "Meeting Brno" eingeladen. Das Festival ist eine Initiative von Studenten, die vor zehn Jahren begonnen hat, Akzente zum Brünner Todesmarsch von 1945 zu setzen und einen "Versöhnungsmarsch" in umgekehrter Richtung von Österreich nach Brünn zu starten.

Der Schriftsteller Milan Uhde spricht bei einem Treffen von "Meeting Brno".
Der Schriftsteller Milan Uhde spricht bei einem Treffen von "Meeting Brno". © IMAGO/Vaclav Salek

Bayerns Ministerpräsident Söder, der qua Amt Schirmherr der Sudetendeutschen ist, hat bedauert, dass es im Nachbarland immer noch "radikale Stimmungen" gibt. Finden Sie das auch?

Diese Stimmungen gibt es leider in ganz Europa, genauso in Deutschland und Österreich mit AfD und FPÖ. Die gegenwärtige Debatte hat zwei große Effekte: Erstens wird das Thema Vertreibung in der Tschechischen Republik seit Wochen so befreit diskutiert wie eigentlich noch nie. Zweitens wurde enthüllt, wie die zwei rechts außen angesiedelten Parteien AfD und FPÖ, die beim Sudetendeutschen Tag von mir seit langem Hausverbot haben, eng mit den tschechischen Nationalisten aus der Regierungskoalition zusammenarbeiten. Die AfD erklärt meinen Versöhnungskurs als zu weich und Verrat. Die mit ihnen befreundeten tschechischen Nationalisten sagen, der Posselt ist ein Hardliner. Die greifen von zwei gegensätzlichen Seiten an, sind aber im Hintergrund eng verbündet. Wir bilden eine breite Front über Grenzen hinweg gegen Nationalismus und Populismus.

Wie werden Sie in Brünn auf diese innertschechischen Aufregungen reagieren?

Ich werde wie immer eine maßvolle Rede halten, den Versöhnungscharakter des Sudetendeutschen Tages herausstellen und unseren vielen tschechischen Unterstützern danken. Es hat ja fast eine Zeitenwende stattgefunden hin zu mehr Verständigung und Versöhnung. Und ich werde auch auf die Gegner eingehen, die Nationalisten auf allen Seiten. Ich werde sagen, das Problem sind nicht "die" Tschechen und "die" Sudetendeutschen, sondern die Nationalisten.

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