Immer mehr Privatpleiten in Bayern

Die Anträge auf Privatinsolvenz sind in Deutschland sprunghaft gestiegen - in Bayern um 69 Prozent. Das ist allerdings nur eine Momentaufnahme, der eigentliche Höhepunkt steht nämlich noch bevor.
| Thomas Stöppler
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Insolvenz ist immer der letzte Ausweg, sagt der Leiter der Schuldnerberatung.
Insolvenz ist immer der letzte Ausweg, sagt der Leiter der Schuldnerberatung. © Jens Büttner/dpa-Zentralbild/dpa

München - Ein Anstieg von 69 Prozent klingt erschreckend und für die insgesamt 3.462 Betroffenen stehen drei harte Jahre an: Diese Menschen haben nun offiziell erklärt, ihre Schulden nicht bezahlen zu können und eine Privatinsolvenz angemeldet.

Bundesweit haben sich im ersten Quartal 2021 laut der Wirtschaftsauskunftei Crif Bürgel 31.821 Menschen insolvent erklären lassen. 2020 waren es 56.000 - bundesweit und im Gesamtjahr. In Bayern waren 5.769 Menschen betroffen. Das entsprach 44 Insolvenzen auf 100.000 Einwohner. Nun sind es im ersten Quartal bereits 26.

Gesetz zur Verkürzung der Restschuldenbefreiung

Den Anstieg erklärt Michael Weinhold, Leiter der Schuldnerberatung des Instituts für Soziale und Kulturelle Arbeit (ISKA) vor allem mit dem Gesetz zur Verkürzung der Restschuldenbefreiung. Mit diesem folgte die Regierung einer EU-Richtlinie von 2019. Ursprünglich sollte das Gesetz erst ab kommendem Sommer gelten, nun wurde es allerdings als Reaktion auf die wirtschaftlichen Folgen der Pandemie zum 30.12.2020 erlassen - rückwirkend zum Oktober 2020.

Konkret besagt es, dass die "Wohlverhaltensphase" der Schuldner nur noch drei statt sechs Jahre dauert und ihnen danach die verbliebenen Schulden erlassen werden. "Alle die auf Halde gewesen sind, haben dann natürlich ihren Antrag gestellt", sagt Weinhold. Insofern sei der Sprung nicht überraschend und die Zahlen "schief".

Privatinsolvenz bringt folgenschweren Eintrag mit sich

Dabei, sagt er, ist die Insolvenz immer der letzte Ausweg. Von den 4,6 Millionen überschuldeten Menschen in Deutschland, beantragen nur etwa fünf Prozent Insolvenz.

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Nicht ohne Grund: Neben der allgemein schwierigen Wohlverhaltensphase, in der der Schuldner über den Pfändungsfreibetrag sein Einkommen an seine Gläubiger abtreten muss, folgt auch noch nach Ablauf der Phase ein Eintrag bei Wirtschaftsauskunftsteien auf "Restschuldbefreiung". "Das klingt erstmal positiv, aber versuchen Sie mal, mit diesem Eintrag eine Wohnung zu suchen", erklärt Weinhold.

Die Wohnungssituation ist in München generell ein enormes Problem für die Schuldner - denn wer in eine prekäre Lage gerät, kann beim meist großen Kostenpunkt Miete nicht sparen. Die Folgen der Corona-Krise sind allerdings noch wenig zu spüren: "Überschuldung entwickelt sich über längere Zeiträume", sagt Weinhold. Noch haben viele Menschen Erspartes oder können Familie und Freunde um Kredite bitte. Aber monatelange Kurzarbeit und der Wegfall von vielen 450-Euro-Jobs gehen nicht spurlos an den Menschen vorbei.

Hier finden Schuldner Hilfe

Dass Banken und Vermieter kulanter agierten, löst auch kein Problem, sondern verschiebt es nur nach hinten. "Wir gehen davon aus, dass die verstärkte Nachfrage erst 2022 kommen wird." Wenn die Wirtschaft wieder angelaufen sei, sehe man, "wer auf der Strecke geblieben ist".

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In München waren 2020 mehr als 100.000 Menschen von Überschuldung betroffen. Wer professionelle Unterstützung sucht, um mit den eigenen Schulden umzugehen, findet bei der Caritas (Tel.: 089 / 231149 0) Berater. Weiterhin haben die Arbeiterwohlfahrt (Tel.: 089 / 5155 645 0) sowie die Verbraucherzentrale (Tel.: 089 / 539870) eigene Beratungsstellen. Außerdem bieten die Sozialbürgerhäuser Hilfe an. Insbesondere bei Mietschulden und drohendem Wohnungsverlust finden Sie dort Unterstützung.

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