Hitlers Lieblings-Oper? So sicher nicht!
Zum großen Jubiläum eine Oper, die noch nie im Festspielhaus aufgeführt wurde - und dann auch noch eine, die für Adolf Hitler eine besondere Rolle spielte: Die Bayreuther Festspiele sind mit ihrer Premiere von Richard Wagners Frühwerk "Rienzi" durchaus ein Wagnis eingegangen - und werden dafür belohnt.
Das liegt vor allem daran, dass die Regisseurinnen Alexandra Szemerédy und Magdolna Parditka ihre Ankündigung einlösen und die Geschichte so erzählen, wie man sie erzählen muss an einem Wochenende, an dem vom Grünen Hügel das "Nie wieder" und das "Nein" zum Erstarken autoritärer Bewegungen so laut zu vernehmen ist, wie wohl noch nie. Und an dem Michel Friedman Festspiel-Chefin Katharina Wagner bescheinigt, sie habe "gerade die Erinnerungskultur von Bayreuth verändert".
Die ersten Regisseurinnen ohne den Nachnamen Wagner in der Geschichte der Festspiele ("Cosima Wagner, dann Katharina Wagner - und jetzt wir") machen aus der Erzählung über Aufstieg und Fall eines römischen Volkstribunen tatsächlich ein Mahnmal gegen das Vergessen und dagegen, die Demokratie für etwas Selbstverständliches zu halten.
Standing Ovations für Stutzmann
Tosenden Applaus - mit wenigen obligatorischen Buh-Rufen - gibt es nach der Festspielpremiere für die Regisseurinnen, für die Musiker und vor allem für Dirigentin Nathalie Stutzmann, die etwas reinfinden muss in die spezielle Oper, die im Festspielhaus mit seiner speziellen Akustik vorher noch nie aufgeführt worden ist, dann aber mit dem Orchester zu großer Form aufläuft. Einige Standing Ovations gibt es dafür.
Die neue Produktion der Oper, die Wagner selbst "Schreihals" und "Ungethüm" nannte, nie auf dem Grünen Hügel hören wollte und aus dem Festspiel-Repertoire verbannte, verlegt die Handlung in eine dystopische Zukunft (oder Gegenwart?), in der Social Media dem Diktator Rienzi (Andreas Schager) dabei hilft, den etablierten Kräften die Macht zu entreißen, selbst die Herrschaft zu übernehmen und das Volk (im Stück sind es eigentlich die Römer des Mittelalters) und auch sich selbst ins Verderben zu stürzen. Der anfänglichen Begeisterung für den Mann, der Freiheit und das Ende elitärer Macht verspricht, folgen Krieg, Tod und Zerstörung.
Das zeigen die Regisseurinnen in handwerklich makellosen und hervorragend choreografierten Szenen. Ein Höhepunkt: Die Ballett-Episode im zweiten Akt zeigt das Bayreuther Festspielhaus und einen Schnelldurchlauf durch Wagners große Opern. Im Publikum sitzt der Diktator. Ob die Wagnerianer von heute denn wüssten, ob nicht vielleicht Bayreuth-Fan Hitler damals auf ihrem Platz gesessen habe, fragte Friedman in seiner viel beachteten Festrede bei einem Gedenkakt für verfolgte und ermordete jüdische Musiker.
Rienzi passt zu Schager
Schager, dem ein kämpferischer Rienzi deutlich mehr zu liegen scheint als ein verliebter Tristan oder ein romantischer Lohengrin, wütet über die Bühne, übertönt in den zahlreichen Massenszenen sogar den stimmgewaltigen Chor und wird dafür vom Publikum gefeiert. Ebenso Jennifer Holloway in einer ganz starken Hosenrollen-Darstellung des Adriano und Gabriela Scherer als Irene.
"Dann setzt man ein Zeichen"
"Uns war von Anfang an klar, dass dies eine sehr besondere Aufgabe ist, der wir uns mit großer Verantwortung stellen", hatte Regisseurin Szemerédy vor der Premiere im Interview der Deutschen Presse-Agentur gesagt.
"Ich denke, wenn man "Rienzi" ins Programm nimmt - insbesondere zum 150. Jubiläum und noch dazu zum ersten Mal überhaupt -, dann setzt man ein Zeichen", sagte sie. "Das bedeutet, dass man sich mit der Vergangenheit auseinandersetzt. Es ist sehr wichtig, dass man diese Stücke nicht vergisst oder verdrängt. "Rienzi" ist Wagners politischstes Werk und genau das Werk, das Hitler so stark inspiriert hat."
Sie nennt "Rienzi" ein "toxisches Stück, vielleicht sogar ein gefährliches Stück - jedenfalls dann, wenn man sich bewusst macht, wen man damit verbindet. Die interessante Aufgabe für uns war, uns noch einmal der historischen Figur anzunähern und zu analysieren, wie viel Hitler tatsächlich in "Rienzi" steckt - und umgekehrt".
Doch es geht nicht nur um Vergangenheitsbetrachtung: Die Themen der Oper seien "politisch sehr relevant", betont sie. "Gerade jetzt, da rechtspopulistische und faschistische Tendenzen wieder stärker wahrnehmbar werden, hat dieses Stück eine unheimliche Aktualität gewonnen. Es ist gewissermaßen ein Mahnmal. Die entscheidende Frage ist: Wo kippt eine Demokratie? Ab wann gleitet sie fast unmerklich in andere Mechanismen ab?"
Als Rienzi in der Inszenierung zum Machthaber gewählt wird, bekommt er 41 Prozent der Stimmen. Das kann als Fingerzeig verstanden werden: So viel Zustimmung hat laut einer aktuellen Meinungsumfrage die AfD sechs Wochen vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt.
Hitlers Lieblingsoper?
"Rienzi" ist Wagners dritte Oper und war einst sein größter Erfolg. Sie erzählt von Aufstieg und Fall des römischen Volkstribuns Cola di Rienzo, der die Macht der herrschenden Klasse brechen will - und dann am eigenen Größenwahn zugrunde geht.
Das Werk wird oft als Hitlers Lieblingsoper bezeichnet. Das liegt vor allem daran, dass sein Jugendfreund August Kubizek Wagners Frühwerk als wichtige Inspirationsquelle für den späteren Diktator beschrieben hat. "In jener Stunde begann es...", soll Hitler, der später als enger Freund der Familie Wagner in Bayreuth ein und aus ging, gesagt haben, nachdem er als Teenager in Linz Wagners Oper "Rienzi" gesehen hatte. Außerdem eröffnete die Ouvertüre die Reichsparteitage der NSDAP.
Auch darum hatte es kritische Stimmen gegeben, weil das Werk ausgerechnet im Jubiläumsjahr - und nur dann - aufgeführt werden soll. Dafür war sogar eine Sondergenehmigung im Stiftungsrat der Festspiele nötig. Nach der Premiere ist klar: Aus Publikumssicht könnten es auch ruhig noch ein, zwei Jahre mehr werden.
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