Gratis-Eis für Sechser im Zeugnis: Strandbad-Chef feiert schlechte Noten
Es hängt seit Freitag am Kiosk im Strandbad Utting - und sorgt seither deutschlandweit für Diskussionen: "Den Strebern wird eh immer alles hinterhergeworfen, wir feiern die Nieten!" Für jeden Sechser im Zeugnis gebe es pünktlich zum Ferienbeginn ein Gratis-Eis und eine Packung Salzstangen, verspricht Martin "Miene" Gruber (56) auf einem handgeschriebenen Schild.
Inzwischen berichten große Nachrichtenportale über den Bademeister und Geschäftsführer vom Strandbad Utting am Ammersee. Mit so viel Wirbel habe er nie gerechnet, sagt Gruber der AZ. "Ich wusste, dass das bestimmt meine Crew feiert und meine Stammgäste." Dass es solch hohe Wellen schlägt, habe er jedoch nicht erwartet. "Offenbar habe ich mit der Aktion einen Nerv getroffen."
Durchgefallen? Ein Eis zur Aufmunterung
Neu ist die Idee mit dem Schild nicht. Schon in seiner alten Strandbar, der Bayerischen Brandung in Herrsching, hing ein ähnlicher Schriftzug. Für Furore hat er damals nicht gesorgt. Es sei ihm "auf den Keks gegangen", dass am Zeugnistag nur die Einser "so wahnsinnig abgefeiert" würden – obwohl denen die Sonne ohnehin schon aus allen Knopflöchern scheine.
Und tatsächlich: Wer eine Eins hat, fährt in den Ferien gratis mit der Bayerischen Seenschifffahrt, dazu am ersten Ferientag frei im Regionalzug. Viele Eisdielen legen eine Kugel obendrauf. Für Sechser gibt es keine Aufmunterung.
Genau da setzt Gruber an. Wer durchfalle, brauche eine Belohnung dringender. "Den anderen fällt es in der Schule nicht so schwer, sie können gut Sachen auswendig lernen." Wer jedoch beispielsweise mit einer "Rechenschwäche" um jeden Punkt vor dem Abitur kämpfe, fände oft keine Anerkennung: "Auch das ist eine Wahnsinnsleistung, weil zwischen null Punkten und einem Punkt viele richtig gelöste Aufgaben liegen."
Strandbad-Chef einst selbst "aussortiert"
Der Ton ist durchaus frech, der Hintergrund allerdings ernst: Gruber spricht von einer "darwinistischen" Aussortierung in der Schule – wie in der Natur überlebe am Ende nur der Angepassteste. Auch er sei "grandios aussortiert" worden, bis zur achten Klasse hätten ihm Lehrer die Sonderschule nahegelegt.
Und wer in den 70ern und 80ern kein Freund von Franz Josef Strauß gewesen sei, habe "ohnehin schon eine Note schlechter bekommen", sagt er. Das staatliche System habe es so "innerhalb weniger Wochen geschafft, aus mir einen Punker zu machen", sagt er und lacht. Dabei habe er als Kind "riesigen Bock" auf Schule gehabt.

Vor allem den seiner Ansicht nach steigenden Leistungsdruck unter jungen Menschen sieht er kritisch. Im Münchner Speckgürtel trauten sich manche Eltern kaum noch zu sagen, wenn ihr Kind nicht auf ein Gymnasium gehe – Gruber spielt damit auf sogenannte Helikopter-Eltern an, die ständig um ihren Nachwuchs kreisen.
Auf Sozialen Medien streiten sich die Nutzer
Seine Aktion im Strandbad erfährt bereits reichlich Resonanz. Viele Schüler seien vorbeigekommen – manche sogar mit Papier-Zeugnis in der Hand. "Latein führt gerade im Sechser-Ranking." Grubers Ziel: "Wir geben den Leuten ihren Stolz zurück." Wer sitzenbleibe, werde eben hier "ein bisschen" gefeiert und aufgemuntert.
Nicht alle finden das witzig. Empörte Eltern und "Bundesbedenkenträger" – sein Wort für notorische Miesmacher – hätten sich gemeldet. Man dürfe doch nicht von "Strebern" und "Nieten" reden, schrieben sie unter anderem auf Instagram. Er kontert trocken, offenbar sei es zu viel verlangt, "eine Prise Humor" mitzubringen.
Auch für ältere Zeugnisse gibt es eine Belohnung
Und die Kritiker, die kommentierten, daran gehe "Deutschland zugrunde"? "An Humorlosigkeit geht das Land zugrunde, an der AfD geht Deutschland zugrunde, aber doch nicht an solchen Posts."
Angst, dass ihm nun scharenweise Sechser-Kandidaten aus dem Umland das Eis weggegessen, hat er nicht. "Die können gerne kommen, ihr Eis und die Salzstangen abholen."
Mittlerweile melden sich auch Erwachsene: "Wir haben gesagt, dass wir auch ältere Zeugnisse nehmen." Im Netz fragte danach bereits jemand: "Muss das Zeugnis aktuell sein? Habe 30 Jahre darauf gewartet."

