"Für jeden Gast fünf Sekunden Zeit": 1000 Radler sorgen für Ausnahmezustand am Tegernsee
Sie gehört zum Sommer in Bayern wie die Wiesn zum Herbst: die BR-Radltour. Vor 35 Jahren strampelten erstmals 800 Hörer des BR eine Woche lang von Ort zu Ort. Heuer findet der längst zum Kult gewordene Freizeitspaß zwischen Nördlingen und Bad Füssing statt – inklusive kurzer Mittagspause am Tegernsee.
1000 Radlerinnen und Radler innerhalb von 90 Minuten zu bewirten – das ist eine echte Herausforderung. Auch für die Gastro-Profis vom Gut Kaltenbrunn. Philipp Klein hat es ausgerechnet: "Wir haben für jeden Gast theoretisch genau fünf Sekunden Zeit!", scherzt der Chefkoch des beliebten Münchner Ausflugsziels, das an diesem Tag zur "regeneration area" für die sonnendurchglühten Helden der Landstraße wird.
1800 Portionen für alle Teilnehmer
Klein und sein Kollege Toni Fröschl reichen am extra aufgestellten Food-Truck Obatzten, Quinoa-Salat und Bratwurstsemmeln über den Tresen. "Wir haben 1800 Portionen vorbereitet", berichtet Gut-Geschäftsführer Moritz Hardieck, "alles in nachhaltigen Palmblattgefäßen und -tellern!"

Das kommt gut an bei den Radlern, die aus ganz Bayern stammen. Mit rot verschwitzten Gesichtern stellen sie sich an, um Labsal für ihre ausgetrockneten Leiber zu bekommen, einer hat einen Reisesonnenschirm aufgespannt, andere verhüllen den Kopf nach Art der Tuaregs mit großen Tüchern.
Erik und Ottmar haben einen Schattenplatz im Biergarten ergattert, das Postkartenpanorama auf den See verflimmert in der Hitze des Mittags. "Es ist eine große Ehre für uns, dass der BR uns ausgesucht hat“, sagt Hardieck und ist sichtlich stolz. Er weiß aber auch: "Das ist eine große Herausforderung!"
Mehr als 80 Mitarbeiter geben Vollgas
Also sind alle verfügbaren Kräfte mobilisiert worden für diesen Tag, man hat Speisen hergerichtet, die Getränkevorräte aufgestockt und so viel wie möglich Sonnenschirme herbeigeschafft. Der Punkt ist, dass alle auf einmal kommen. Und etwas zu essen und zu trinken haben möchten, alle punktgenau. Da müssen die Abläufe auf die Sekunde klappen, jeder weiß, was zu tun ist.
Während Chefkoch Philipp und seine fast 80 Kolleginnen und Kollegen also buchstäblich im Schweiße ihres Angesichts an der Fütterung ihrer Gäste arbeiten, drängeln sich einige von ihnen im Schatten einer großen Linde. "Die Hitze ist brutal", sagt einer, "und es geht immer aufi-obi, aufi-obi."
Rauf und runter, 115 Kilometer sind an diesem Tag zu strampeln. Das schafft nicht jeder, im Besenwagen wird es eng. Volker springt vor der Weiterfahrt erst noch in den See: "Ich bin das erste Mal dabei, die Radltour, die ist schon was Besonderes!" Er darf mit dem Motorrad mitfahren, als einer aus der begleitenden Staffel der bayerischen Polizei: "Ich hab zehn Jahre darauf gewartet, endlich darf ich mit", freut sich der Hauptkommissar aus dem Allgäu.
Radler sind erschöpft, aber in guter Stimmung
Derweil werden die Schlangen am "vieradrigen Zapfbalken" kürzer, Bier und Alkoholfreies sprudeln ohne Unterlass aus dem Balken in die Gläser. Der Durst ist riesig, die Depots in den ausgelaugten Körpern müssen aufgefüllt werden, bis zum Ziel in Rosenheim warten noch mehr als 40 Kilometer und die Glut Oberbayerns auf die Reisenden.

Vorher wünscht der Gmunder Bürgermeister stilecht in der Hirschledernen und , ja, mit dem Radl da, noch "Gute Fahrt!", tanzen die Trachtenkinder und werden die Trinkflaschen gefüllt.
Sepp aus Rosenheim ist zum 18. Mal dabei, kein Problem, das Sahara-Feeling, Lichtschutzfaktor 50 hat er schon aufgetragen. "Wenn du einmal die Radltour erlebt hast, dann willst du sie immer wieder erleben."
So geht es den meisten in dieser bunten Radlschlange, die sich derzeit durch Oberbayern schlängelt. Am Straßenrand jubelt das Volk, der Stolz auf die vollbrachte Leistung, die Stimmung – all das lässt Adrenalin ins Blut schießen und die Temperaturen von bis zu 38 Grad im (nicht immer vorhandenen) Schatten zumindest für einen Augenblick vergessen.
So erging es den Gastro-Profis
Und plötzlich sind sie weg, die Eintausend im Sattel und ihr Tross. Der gerade noch wie ein Bienenstock summende Biergarten hoch über dem See ist fast leer und still. Das Personal: erschöpft, aber glücklich.
"Wahnsinn!", sagt eine Zuschauerin im Schatten der Linde, "so was hab ich noch nie erlebt." Moritz, der Geschäftsführer, sagt: "Dieser Tross, das ist schon eine Erscheinung, unglaublich! Salate gingen weg wie warme Semmeln, es war alles sehr ambitioniert, wir sind happy, dass wir dabei sein durften!"
Irgendwie war diese Mittagspause der BR-Radltour so, als ob 1000 heiße Heuschrecken eingefallen wären, schnell Hunger und Durst gestillt hätten und dann auch schon wieder auf das Radl aufgesprungen wären, um möglichst schnell weiterzukommen.
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