Interview

Flüchtlingsrats-Sprecher Alexander Thal: "Die bayerische Humanität fehlt"

Der Bayerische Flüchtlingsrat kritisiert: Seit 2015 gibt es keine strukturelle Verbesserung im Freistaat - im Gegenteil.
| Leonie Fuchs
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Alexander Thal vom Bayerischen Flüchtlingsrat.
Alexander Thal vom Bayerischen Flüchtlingsrat. © ho

AZ-Interview mit Alexander Thal: Der 47-Jährige ist seit 16 Jahren als Sprecher des Bayerischen Flüchtlingsrates tätig.

AZ: Herr Thal, im Jahr 2020 waren weltweit 82,4 Millionen Menschen auf der Flucht - mehr denn je.
ALEXANDER THAL: Ja genau, die Pandemie schert sich nicht um Kriege.

Der Flüchtlingsrat setzt sich für strukturelle Veränderungen für Geflüchtete ein - gab es seit 2015 Verbesserungen?
Nein, es gab massive Verschlechterungen, weil die CSU in Bayern Angst vor der AfD bekommen hat und eine Verschärfung nach der anderen durchgesetzt hat.

Wie meinen Sie das?
Es ist erklärte Linie der CSU, dass es rechts von ihr keine gewählte Partei geben darf. Um das zu erreichen, hat die CSU gnadenlos die Forderungen der AfD übernommen und versucht, damit verlorene Wähler zurückzuholen. Söder hat das mit populistischer Hetze à la Asyltourismus versucht - die bürokratischen Ausformungen erleben wir bis heute.

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Welche sind das?
Es gibt mehr Arbeitsverbote und Ankerzentren mit Aufenthaltsdauern von bis zu 24 Monaten. Das ist ein Programm der Desintegration. Man hält Flüchtlinge von der Gesellschaft fern. Nur wer die offizielle Anerkennung bekommt, darf sich integrieren. Alle anderen hängen in der Warteschleife Ankerzentrum.

Wie war das im Corona-Jahr?
2020 wurden weiter Abschiebungen durchgeführt, als wäre nichts gewesen - mit Sammelchartern in alle Krisengebiete der Welt, nach Afghanistan, mit alleinstehenden Frauen und Kindern nach Nigeria. Man nimmt keine Rücksicht. Es gilt die Prämisse: Wer abgelehnt wird, muss raus, für die Akzeptanz des Asylrechts - bayerische Humanität kennen wir nicht mehr, für die ist in der CSU kein Platz.

"Wo ein politischer Wille ist, gibt es auch einen Weg"

Was fordern Sie?
Die Abschaffung der Ankerzentren. Natürlich muss es Aufnahmezentren geben, aber Flüchtlinge per Gesetz zu verpflichten, 24 Monate oder länger in Großlagern zu bleiben - mit Mehrbettunterbringung, einem Arbeits- und Beschäftigungsverbot, ohne Perspektive, ohne Schutz vor Infektion - das geht nicht. Wo ein politischer Wille ist, gibt es auch einen Weg, nur der fehlt in Bayern. Man nimmt in Kauf, dass Menschen erkranken und sterben.

Was ist gut gelungen?
Ich bin noch immer begeistert von den Ehrenamtlichen, die Flüchtlinge aufgenommen haben und auch jetzt mit großem Engagement helfen. Durch sie haben wir das Merkelsche "Wir schaffen das" auch wirklich geschafft.

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