Interview

Flüchtlingshelferin Rita Selvi: "Wir brauchen mehr Menschlichkeit"

Im AZ-Interview spricht Rita Selvi über ihre Wünsche an eine neue Regierung.
| Rosemarie Vielreicher
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Eine Unterkunft für Flüchtlinge in Erding. (Archivbild)
Eine Unterkunft für Flüchtlinge in Erding. (Archivbild) © imago images/IMAGE BROKER

AZ-Interview mit Rita Selvi: Die 65-Jährige engagiert sich seit sieben Jahren in der Flüchtlingshilfe und gehört dem Helferkreis Vilgertshofen im Landkreis Landsberg am Lech an.

Rita Selvi: "Das ist alles so überbürokratisiert"

AZ: Frau Selvi, Sie helfen Flüchtlingen bei der Integration. Welche Baustellen gibt es hier, die von der neuen Regierung angegangen werden sollten?
RITA SELVI: Viele Flüchtlinge sitzen jahrelang in ihrer Unterkunft, das ganze Verfahren zieht sich ewig in die Länge, sie dürfen aber nicht arbeiten. Vier, fünf Jahre der Integration werden dabei versäumt. Mir ist es besonders wichtig, dass die Menschen in Ausbildung und in Arbeit kommen. Das wird erschwert bis zum Geht-nicht-mehr. Diese Menschen wollen ihr Geld selbst verdienen, aber man lässt sie nicht. Es ist äußerst schwierig.

"Das ganze Verfahren zieht sich ewig in die Länge": Rita Selvi engagiert sich in der Flüchtlingshilfe.
"Das ganze Verfahren zieht sich ewig in die Länge": Rita Selvi engagiert sich in der Flüchtlingshilfe. © privat

Sie wünschen sich also von der neuen Regierung, dass Geflüchtete schneller in den Arbeitsprozess gebracht werden. Was erwarten Sie noch?
Stichwort Bürokratie. Die Flüchtlinge bekommen zum Beispiel immer wieder Briefe in einem für sie unverständlichen Deutsch und die Ehrenamtlichen müssen es ihnen erst einmal ausdeutschen. Das ist alles so überbürokratisiert.

"Ich wundere mich selbst oft, dass ich noch die Kraft dafür habe"

Verlässt sich der Staat zu sehr auf die Freiwilligen?
Wir tun es für die Menschen. Wenn wir ihnen nicht helfen, sind sie ganz verloren. Wer keinen ehrenamtlichen Helfer an der Seite hat, hat bedeutend schlechtere Chancen.

Wie ist die Situation mit afghanischen Flüchtlingen, die die neue Regierung sicherlich besonders beschäftigen wird?
Bis vor Kurzem wurde dorthin noch abgeschoben, da es angeblich sichere Orte fern der Familien gab. Nur konnte niemand sagen, wo die gerade sind. Die Afghanen kommen jetzt viel zu uns und bitten: "Bitte helft uns, meine Frau ist noch in Afghanistan, sie weint jedes Mal, wenn ich sie anrufe." Da sind wir natürlich auch hilflos. Ich wundere mich selbst oft, dass ich noch die Kraft dafür habe.

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Was gibt Ihnen die Kraft?
Wir haben schon die erste Generation, die Syrer, mitbetreut. Die haben jetzt alle schon toll Fuß gefasst. Das baut mich auf und gibt mir Kraft weiterzumachen. Sie sind 2015 gekommen und davon haben jetzt viele Berufsabschlüsse. Genau das möchte ich gerne in der Zeitung berichten, was hier geschafft worden ist. Es gibt viele, die wahnsinnig motiviert sind.

"Wie man mit den Menschen umgeht, das ist sehr unmenschlich"

Hetze und Hass gegen Ausländer sind in den vergangenen Jahren immer mehr geworden. Was sollte die Regierung dagegen tun?
Weil immer nur das Negative gesagt wird, aber zu wenig, dass so und so viele Leute arbeiten, auch in Berufen, in denen wir sie dringend brauchen.

Ihr Fazit der Asylpolitik unter Bundeskanzlerin Angela Merkel?
Wie soll ich es sagen - das betrifft vor allem Herrn Seehofer, und ich bin wirklich kein Freund von ihm. Man schaue sich nur die Ankerzentren an, in denen die Menschen monatelang verwahrt werden. Dann kommen sie zu uns aufs Land und von einem weiß ich, der aber einen Job in Ingolstadt gehabt hätte. Da kam dann ein Brief: Ein Asylbewerber kann sich nicht aussuchen, wo er wohnt. Wie man mit den Menschen umgeht, das ist sehr unmenschlich.

Was braucht es also in den nächsten vier Jahren?
Mehr Menschlichkeit und mehr Prüfungen des Einzelfalles, und dass man mehr schaut, was ist möglich und nicht immer alles sofort ablehnt.

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