Flüchtlinge in Serbien: "Sie sind die Vergessenen"

Hans-Ulrich Pfaffmann hat die Menschen in Belgrad besucht. Sie hungern, sie frieren. Keiner hilft ihnen – das will er nun ändern.
| Ruth Schormann
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An improvisierten Feuern und in der „total verfallenen“ Halle suchen die Flüchtlinge etwas Schutz vor der Kälte.
Jovan Zivanovic 3 An improvisierten Feuern und in der „total verfallenen“ Halle suchen die Flüchtlinge etwas Schutz vor der Kälte.
An improvisierten Feuern und in der „total verfallenen“ Halle suchen die Flüchtlinge etwas Schutz vor der Kälte.
Jovan Zivanovic 3 An improvisierten Feuern und in der „total verfallenen“ Halle suchen die Flüchtlinge etwas Schutz vor der Kälte.
An improvisierten Feuern und in der „total verfallenen“ Halle suchen die Flüchtlinge etwas Schutz vor der Kälte.
Jovan Zivanovic 3 An improvisierten Feuern und in der „total verfallenen“ Halle suchen die Flüchtlinge etwas Schutz vor der Kälte.

Belgrad - Bei weit unter zehn Grad Minus kauern sich die Männer in dünnen Jacken und Jeans um das Lagerfeuer. Die Glut nährt sich von Plastikflaschen, Altkleidern und Klaubholz, der beißende Rauch steigt in die Augen – gesund ist das sicher nicht.

Ein wenig Wärme gibt das Feuer ab, aber nicht genug, um gegen die eisigen Temperaturen zu schützen oder die entkräfteten Männer gar zu stärken. Sie harren aus in brachliegenden Magazinhallen hinter dem Belgrader Busbahnhof – und warten auf Hilfe. Es sind über tausend Menschen. „Die Eindrücke sind dramatisch“, schilder Hans-Ulrich Pfaffmann (61) der AZ. Er hat sich vor Ort ein Bild der Lage gemacht, war letzte Woche erst in Serbien.

Angst vor Behörden

Der Münchner SPD-Landtagsabgeordnete ist mit dem Arbeiter-Samariterbund in das derzeit größte provisorische Flüchtlingslager Europas gereist. "Es sind überwiegend Männer in Belgrad. Sie kommen von der Türkei, wo sie ihre Frauen und Kinder zurücklassen, über Bulgarien nach Serbien. Manche haben erzählt, sie hingen stundenlang unten an Güterzügen, um nach Serbien zu kommen", schildert Pfaffmann den Wahnsinn der Flucht.

Dann stecken sie in Belgrad fest – und sie wollen sich nicht registrieren. Denn die Angst ist größer als das Vertrauen in die serbischen Behörden. Die versprechen, dass sie warme Räume und etwas zu essen bereitstellen – wenn sich die Afghanen, Pakistani und Iraker registrieren lassen. Das möchten sie nicht. Aus Angst, wieder rückgeführt oder abgeschoben zu werden. "Einer hat erzählt, wie er in Afghanistan von den Taliban verfolgt wird", berichtet Pfaffmann und merkt bitter an: „Von wegen sicheres Herkunftsland“.

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Die Männer haben Ziele: England, Italien, auch Deutschland nennen manche. Doch ihnen fehlt das Geld, um Schleuser zu bezahlen, zurückkönnen sie nicht, die Grenzen sind zu. Jetzt, wo Pfaffmann wieder zurück ist, hat er viele Gespräche und Organisationstreffen, um strukturierte Hilfe aufzubauen. „Was genau wir brauchen, kann ich noch nicht sagen. Es fehlt an medizinischer Versorgung, aber auch an Gütern“, berichtet er.

"Genauso katastrophal"

Nicht nur in der serbischen Hauptstadt warten Tausende auf ihr Weiterkommen. "Wir waren auch noch in Sid an der kroatischen Grenze. Dort ist ein zweiter Hotspot, wo überwiegend Frauen und Kinder sind. Da gibt es zwar ein kleines medizinisches Kämmerchen, aber dort ist es genauso katastrophal", beschreibt Pfaffmann.

Die Menschen kämpfen mit Lungenerkrankungen, haben Läuse. Besonders schockiert hat den gelernten Krankenpfleger der Anblick eines etwa einjährigen Kindes, das „völlig abgemagert“ war und offensichtlich schwer krank. Doch man könne in den Lagern aktuell nur Erste Hilfe, keine umfassende Behandlung leisten.

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Weiter kommen die Familien nicht, denn an der Grenze, an der man eine Nummer ziehen kann, werden pro Tag fünf Menschen durchgelassen – bei 1000, die warten, wirkt das fast zynisch. Pfaffmann hofft, dass sich die großen Hilfsorganisationen wie Rotes Kreuz und Malteser zusammentun mit der Stadtverwaltung der serbischen Hauptstadt, um ein Hilfsnetz aufzubauen. „Das wäre sinnvoll“, sagt er. „Alle kommen, bitten um Hilfe. Aber man ist da so klein vor der ganzen Lage“, sagt Pfaffmann und erzählt von einer weiteren auffälligen Begegnung mit einem jungen Mann in Belgrad, der schon in München war, dort Familie hat und wieder abgeschoben wurde.

Er hat sich ein zweites Mal auf die lebensgefährliche Route begeben, um zu ihnen zu kommen. „So viel zu den Abschiebungen“, sagt der 61-Jährige resigniert. Wichtig ist ihm, dass die Zustände in den provisorischen Lagern bekannter werden, ins Bewusstsein dringen. „Sie sind einfach die Vergessenen“, fasst er traurig zusammen. Das soll sich ändern. Er wird sich bald wieder nach Serbien aufmachen.

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