Ex-Mönch Anselm Bilgri: "Ich möchte reinen Tisch machen"

Missbrauchsfälle und Austrittswelle: Die katholische Kirche steckt tief in einer Krise. Darüber spricht der Ex-Mönch Anselm Bilgri im Presseclub. Und wartet mit Liebes-Neuigkeiten auf.
| Leonie Meltzer
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Anselm Bilgri will seinen Freund Markus (40) heiraten.
Anselm Bilgri will seinen Freund Markus (40) heiraten. © Lino Mirgeler/dpa

Der ehemalige Prior des Klosters Andechs, Anselm Bilgri, will seinen langjährigen Freund Markus (40) heiraten. Der 67-Jährige habe schon als Mönch auf Männer gestanden, sagte Bilgri der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift "Bunte" (10/21).

Am 12. März werde Münchens Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) sie beide trauen, sagte er am Mittwoch zudem im Münchner Presseclub, der unter dem Motto "Missbrauchsskandale und Austrittswelle - Katholische Kirche in der Krise" stand. Außerdem auf dem Podium: Katrin Richthofer, eine der Gründerinnen der Reformgruppe "Maria 2.0".

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Anselm Bilgri macht Homosexualität öffentlich: "Ich möchte katholischer Priester bleiben"

"Ich möchte jetzt reinen Tisch machen - und möchte aber katholischer Priester bleiben", sagt Bilgri beim Presseclubgespräch, der seine Homosexualität bislang nicht öffentlich gemacht hatte. "Ich hab einfach gedacht: Wir sind alle sterblich, und ich will ja nicht immer mein Leben lang heimlich leben, sondern es offiziell machen".

Von seinem Verlobten schwärmt er in der "Bunten": "Wir ergänzen uns. Er ist ein kluger Kopf, Manager bei der Deutschen Bahn. Zuständig für Veränderung und Transformation - ein gutes Omen". Im Dezember 2020 hatte Bilgri bekanntgegeben, aus der römisch-katholischen Kirche zu den Alt-Katholiken übergetreten zu sein. "In dieser Kirche ist all das verwirklicht, was auch meine Vision von Katholizismus in der modernen Welt ist. Ich glaube nicht mehr an den aufrichtigen Reformwillen in der römisch-katholischen Kirche", begründet er seinen Austritt am Mittwoch.

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Gleichberechtigung und eine offenere Sexualmoral

Es gebe eine synodale Struktur und keinen Pflichtzölibat für Priester. Außerdem traue die altkatholische Kirche gleichgeschlechtliche Paare und lasse Frauen zu allen Weihe-Ämtern zu.

Etwas, wofür auch Katrin Richthofer mit der Initiative Maria 2.0 kämpft. "Wir lassen uns nicht mehr vertrösten, wir wollen echte Teilhabe, das bedeutet natürlich auch weibliche Priester", hieß es. Die Bewegung setzt sich für die Gleichberechtigung von Frauen und Männern in der Kirche ein. Sie kämpft außerdem gegen sexuellen Missbrauch, Machtmissbrauch, den Pflichtzölibat und für eine offenere Sexualmoral. Die Grundlage sei dabei die Regel "Liebe deinen Nächsten wie dich selbst".

Die offizielle Sexualmoral der katholischen Kirche sei lebensfremd und diskriminierend. Sie müsse offener werden, fordert Richthofer: "Was ist das für eine Welt, in der sich Menschen Christen schimpfen, die dann auf der anderen Seite Menschen diskreditieren und ausschließen?"

Die Gesellschaft habe sich verändert und die katholische Kirche müsse nachziehen. "Wir müssen als Christen die Toleranz lernen", findet auch Bilgri. Sex gebe es in der katholischen Kirche bisher nur in der Ehe zwischen Mann und Frau - alles andere sei eine "schwere Sünde", so der ehemalige Prior.

Bilgri: "Ich glaube, viele Priester leiden unter Einsamkeit"

Die Maxime müsse sein, dass Liebe immer dann gut ist, wenn sie freiwillig geschehe. "Gott ist die Liebe - Deus caritas est", habe Papst Benedikt XVI. in seiner Enzyklika gepredigt. "Wenn wir das verkünden, müssen wir es auch leben", so Bilgri.

Die Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche stünden seiner Meinung nach im Zusammenhang mit dem Pflichtzölibat: "Ich bin überzeugt davon, dass die wenigsten Missbrauchstäter wirklich pädophil sind, also dazu veranlagt sind", sagt Bilgri. Um Missbrauch zu beenden, müsse man den Pflichtzölibat abschaffen. "Ich glaube auch, dass sehr viele Priester unter Einsamkeit leiden". Man traue sich nicht, Zweisamkeit zu zeigen.

"Ich kenne etliche Pfarrer, die Alkoholiker sind", so Bilgri. Eine gesundes Familienleben würde das seelische Gleichgewicht fördern.

Das System des Zölibats aufrechtzuerhalten habe zudem etwas mit der Ausübung von Macht zu tun, so Bilgri. Auch Richthofer sagt: "Das klerikale Machtsystem funktioniert am Ende über Angst". Das Wissen um Homosexualität in der Kirche sei oft ein "grausiges Machtmittel", mit dem Druck ausgeübt werde. Es gebe eine große Diskrepanz zwischen dem normalen, selbstbestimmten Leben und einer Organisation, die in alle Lebensbereiche eingreife - "bis ins Schlafzimmer", so Bilgri. Diese Macht müsse beschränkt werden - "uns laufen die Gläubigen davon. 300.000 Kirchenaustritte schaffen wir auf jeden Fall noch dieses Jahr", so auch Richthofer.

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