„Es sind Bilder, die man sein Leben lang nicht mehr vergisst“

Das Retten der Verletzten und das Bergen der Toten sind für die Einsatzkräfte eine enorme Belastung. Ein Video zeigt nun Szenen aus dem Unfallzug – und ein Feuerwehrler schildert seine Erlebnisse.
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„Da funktionierst du einfach nur noch mechanisch“: Rettungskräfte tragen eines der Opfer nach der Bergung von der Unfallstelle.
dpa „Da funktionierst du einfach nur noch mechanisch“: Rettungskräfte tragen eines der Opfer nach der Bergung von der Unfallstelle.

Bad Aibling/München - Trümmer und Splitter, von Blut überströmte Gesichter, eingeklemmte Menschen, hier verzweifeltes Wimmern, dort Schreie aus Schmerz und Angst – es sind Szenen des Horrors, die ein Mann mit seinem Handyvideo festgehalten hat. Gedreht in einem der beiden Züge, die am Dienstagmorgen in der Nähe von Bad Aibling kollidiert sind. Was man in dem Video sieht und hört, macht das Grauen in den beiden Zügen nach dem Zusammenprall deutlich.

Bei der Zugkatastrophe sind zehn Menschen gestorben. Die Polizei hat bisher neun davon identifiziert. Es handelt sich um Männer zwischen 24 und 59 Jahren, die allesamt aus den Landkreisen Rosenheim und Traunstein stammen. Die Identität der zehnten getöteten Person steht noch nicht ganz sicher fest. Offenbar handelt es sich dabei aber um ein jugendliches Mädchen. Weitere 80 Menschen wurden verletzt, 17 von ihnen schwer.

Auch das sechs Minuten lange Video des Fahrgasts, das im Internet hochgeladen wurde, zeigt schwerverletzte Personen, blutend, eingeklemmt. „Vorsicht, da liegt einer“, hört man jemanden sagen. Kurz darauf wieder ein schmerzerfüllter Schrei. „War das der Gegenzug?“, fragt jemand. „Normalerweise wartet der doch so lange.“ Eine Frau antwortet, ja, der Zug warte doch normalerweise in Kolbermoor. Auch über eine Ampel wird gesprochen, die wohl umgeschaltet gewesen sei – möglicherweise ein Signal. Geschockte Erklärungsversuche, die untergehen im grauenvollen Leid im Zug. Die Passagiere helfen einander, wo es geht.

 

Video aus Bad Aibling: Verstörende Szenen nach dem Zugunglück

 

Doch nicht immer geht es. Das vermitteln auch Berichte der Helfer. „Es ist ein Horror, der dich erst daheim bei der Familie trifft“, sagt Wolfram Höfler, Kommandant der Freiwilligen Feuerwehr Bad Aibling. „In dem Moment funktionierst du einfach nur mechanisch und machst, was du gelernt hast.“

Denn was Opfer und Helfer in den Zügen erleben, ist schrecklich. Ein Helfer berichtet von einem Menschen, der im Zugwrack eingeklemmt war, schwer verletzt. Es dauerte sehr lange, ihn zu bergen, denn: Über ihm war ein weiterer Mensch eingeklemmt. Dieser war bereits nicht mehr am Leben. Die Bergung der Leiche und des Schwerverletzten war kompliziert, der Anblick, der sich den Rettern dabei bot, schlicht unvorstellbar.

 

Ein Feuerwehrler hätte beinahe zwei tote Kollegen geborgen

 

Eine weitere Schilderung der Hilfskräfte beschreibt, wie eine schwerverletzte Person geborgen wird – während von weiter oben im Wrack das Blut einer Leiche auf die Helfer herabtropft. Ein Feuerwehrler sagt dazu: „Das sind Bilder, die man sein Leben lang nicht mehr vergisst.“

Was die Arbeit für die Einsatzkräfte noch belastender macht: Die Opfer stammen aus der Region, die meisten Helfer – ein Großteil davon waren Ehrenamtliche – ebenso.

Der Feuerwehrkommandant Wolfram Höfler erzählt: „Einer meiner Kameraden war eher im hinteren Bereich des Zuges eingesetzt.“ Zum Glück, meint er und erklärt, weshalb: „Wäre er einige Meter weiter vorne im Einsatz gewesen, hätte er zwei seiner Arbeitskollegen geborgen – tot.“ Der Kollege sei mittlerweile von dem Einsatz abgezogen worden – zu tief sitzt bei ihm der Schock.

Vom Zugunglück berichten Ralph Hub, Natalie Kettinger und Christian Pfaffinger

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