Erst Koma, dann Long Covid: Dieser Bayer hadert nicht, er kämpft

Ralf Mehrl infiziert sich mit dem Coronavirus und liegt acht Wochen lang im Koma. Monate später leidet er noch an Spätfolgen. Doch er hat ein Ziel: Der Bankkaufmann will zurück in seinen Beruf.
| Elisabeth Geiling-Plötz
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Ralf und Angela Mehrl ist das Lachen nicht vergangen. Doch das Ehepaar hat ein furchtbares Jahr hinter sich: Beide infizierten sich im Frühjahr mit dem Coronavirus, der 55-Jährige aus Roding lag acht Wochen im Koma und kämpft sich jetzt mühsam ins Leben zurück.
Ralf und Angela Mehrl ist das Lachen nicht vergangen. Doch das Ehepaar hat ein furchtbares Jahr hinter sich: Beide infizierten sich im Frühjahr mit dem Coronavirus, der 55-Jährige aus Roding lag acht Wochen im Koma und kämpft sich jetzt mühsam ins Leben zurück. © Elisabeth Geiling-Plötz

Bayern - Acht Wochen seines Lebens sind gelöscht. "Von April und Mai weiß ich gar nichts", sagt Ralf Mehrl. Das Coronavirus ist schuld. Der 55-Jährige aus Roding (Landkreis Cham) liegt im Koma, muss künstlich beatmet werden, seine Lungen sind verklebt, Niere und Leber versagen. Ehefrau Angela darf den lebensgefährlich Erkrankten besuchen, steht an seinem Bett, hält die Hand und bangt. "Die Ärzte sagten mir über Wochen, dass sein Zustand kritisch sei und niemand vorhersagen könnte, ob mein Mann überlebt", erzählt sie.

"Ich war klar im Kopf, konnte meine Beine aber nicht bewegen"

Dann, am 2. Juni, endlich die erlösende Nachricht aus der Klinik: Ihr Mann hat erstmals wieder die Augen aufgeschlagen. An den Moment, als er auf der Intensivstation des Universitätsklinikums Regensburg wach wird, erinnert sich Mehrl gut. "Ich war ganz klar im Kopf und wollte meine Beine bewegen. Aber es ging einfach nicht." Ein Pfleger eilt zu ihm, erzählt ihm, dass er schwer an Covid-19 erkrankt sei und jetzt viel Geduld bei der Genesung brauchen würde. "Ich war wie erschlagen", erzählt der Rodinger. Die Prognose der Ärzte: Nach acht Wochen Koma braucht es mindestens acht Monate Reha. "Und auch jetzt kann mir keiner sagen, ob es irgendwann wieder so wird wie zuvor", fügt er nachdenklich hinzu.

Heute, ein Dreivierteljahr nach seiner Infektion, ist er von einer Normalität noch weit entfernt. "Ich kann nicht Autofahren, weil meine Kraft dafür nicht reicht. Ich kann nicht längere Strecken bergauf gehen oder das Laub in meinem Garten zusammenrechen."

Es strengt ihn selbst an, wenn er mit den Nachbarn oder der Familie beisammensitzt und sich unterhalten soll. "Da werde ich schnell müde", gibt er zu. Seine Frau erzählt vom ersten Grillabend im Spätsommer, den sie als Willkommensfeier für ihn organisiert hatte. Nach kurzer Zeit muss Ralf Mehrl aufstehen und sich hinlegen. "Ich bin sofort auf dem Sofa eingeschlafen. Es kostet mich wahnsinnig viel Kraft, wenn mehr Menschen um mich sind, durcheinanderreden und eine Antwort von mir erwarten."

Alles hat sich geändert seit jenem schicksalsträchtigen 23. März 2021, als er sein positives Corona-Testergebnis erhält. Die Ehefrau hatte sich Tage zuvor vermutlich an der Arbeitsstelle angesteckt, hatte hohes Fieber und Schmerzen.

Das Paar versucht, sich zu schützen. "Wir waren nur mit Masken unterwegs und haben uns im Haus separiert. Aber es hat nicht geholfen", sagt Mehrl.

An jenem Tag wollte er sich aus der Quarantäne freitesten und bekam stattdessen den positiven Befund. "Da habe ich noch geglaubt, das wird nicht so dramatisch", sagt er. Wie so viele hatte Mehrl das Virus unterschätzt.

Schon zwei Tage später bekommt er kaum mehr Luft. Angela Mehrl ruft den Notarzt. Ihr Mann kommt ins Krankenhaus. "Sie wollten mir Sauerstoff geben, aber meine Lunge war so verklebt, dass das nicht funktioniert hat." Mehrl wird intubiert. 14 Tage versuchen die Ärzte in Roding, dem Patienten zu helfen. Als sich die Lage nicht verbessert, bringt ihn der Hubschrauber zur Uniklinik nach Regensburg.

Seine Kraftquelle - Hardrock: "Die Musik hat so viel Energie"

Eine lange Zeit des Bangens und Hoffens beginnt für Angela Mehrl. Bei jedem Anruf zuckt sie zusammen. Am 30. April meldet sich ein Arzt bei ihr: Der Zustand hat sich weiter verschlechtert, Ralf Mehrl muss an die Ecmo angeschlossen werden, eine Maschine, die teilweise oder vollständig Atemfunktionsleistungen für den Patienten übernimmt. Sein Blut wird außerhalb des Körpers mit Sauerstoff angereichert.

Fast täglich fährt Angela Mehrl in die Klinik. Mit dabei hat sie eine kleine Musikbox mit AC/DC-Liedern. Seine Lieblingsband. "Die Musik hat so viel Energie", begründet Mehrl lachend seine Vorliebe. Die Metalmusik hat ihm schon einmal Kraft gegeben. Vor 35 Jahren. Damals wird bei dem 19-Jährigen ein Tumor diagnostiziert. Mehrl muss eine Operation und eine Chemotherapie überstehen. Alles geht gut, sein Körper besiegt den Krebs.

Drei Jahrzehnte später steht er vor einer neuen Herausforderung. "Ich weiß nicht, was schlimmer war, Corona oder Krebs", sagt er. Doch er will sich nicht unterkriegen lassen. Mehrl hadert nicht mit dem Schicksal. "Warum auch? Solche Gedanken lass ich nicht aufkommen. Die machen nur unglücklich."

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Stattdessen kämpft er. Quält sich bei der Reha, übt noch abends oder dreht bei Regenwetter seine Runden im Haus. "Ich hatte 25 Kilo abgenommen und kaum mehr Muskeln." Langsam erholt er sich. Ein leichter Spaziergang mit der Ehefrau ist mittlerweile drin. Nur der linke Fuß will noch nicht. "Da fehlt noch jedes Gefühl." Auch mit der Konzentration hat er Probleme. "Gehen und sich nebenbei auf Schaufenster konzentrieren, das kann ich nicht. Es klappt nur eines."

Mehrl will unbedingt zurück in seinen Beruf als Bankkaufmann, wieder an seinen Schreibtisch in der Kreditabteilung. Im neuen Jahr tritt er daher eine Arbeitstherapie in einer Rehaklinik an. Den ersten Versuch im Sommer musste er abbrechen - "nach einer halben Stunde Texte tippen und rechnen war ich fix und fertig".

Die Bilder im Fernsehen von den Demos der Querdenker in Sachsen machen ihn wütend. "Die haben nichts verstanden", sagt er. Er kann nicht nachvollziehen, dass sich immer noch Menschen nicht impfen lassen wollen. "Mit Gleichgültigkeit und Egoismus werden wir die Pandemie nicht beenden."

Die Mehrls haben sich mittlerweile beide als Genesene ihre Boosterspritze geholt. Sie haben Angst, sich noch einmal anzustecken. "Mit einer Impfung habe ich zumindest die Aussicht, nicht wieder auf der Intensivstation zu landen", sagt Mehrl. Das will er kein zweites Mal erleben.

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