Kommentar

Ein Lobbyist im Rausch? Bayerns Brauer-Präsident beklagt sinkenden Bierdurst junger Männer

Der Präsident des Bayerischen Brauerbundes bedauert, dass junge Leute heute weniger Bier trinken als früher. Der Gesundheitsministerin wirft er gar einen "Boykott-Aufruf" vor. AZ-Landtags-Korrespondent Ralf Müller fragt sich, ob hier einer zu tief ins Glas geschaut hat. 
von  Ralf Müller
Prost! Zwei Männer lassen sich ihre Wiesn-Maß schmecken.
Prost! Zwei Männer lassen sich ihre Wiesn-Maß schmecken. © IMAGO/Brigitte Saar

Ein Glas Rotwein oder ein Bierchen am Abend steigerten Schlafqualität und Wohlbefinden und sei sogar gesund - diese Botschaft wurde seit vielen Jahren verbreitet. Viele halten sich auch heute noch gern daran, nicht wenige übertreiben es auch.

Judith Gerlach und der "trockene Monat"

Das Dumme ist nur: Es gibt keine gesundheitsfördernde Dosis Alkohol. Schlimmer noch: Wissenschaftlern zufolge kann auch keine risikofreie Menge an Alkohol definiert werden. Widerspruch dagegen erhebt sich in Fachkreisen nicht mehr. Daran hält sich auch die bayerische Gesundheitsministerin Judith Gerlach (CSU). Sie rief im Januar im Gefolge einer europaweiten Kampagne einen "trockenen Monat", den sogenannten "Dry January" aus.

Sorgt aktuell für Irritationen: Georg Schneider, Präsident des Bayerischen Brauerbundes.
Sorgt aktuell für Irritationen: Georg Schneider, Präsident des Bayerischen Brauerbundes. © IMAGO/B. Lindenthaler

Sehr zum Unwillen der Brauereiwirtschaft. Deren bayerischer Präsident Georg Schneider warf der Ministerin vor, einen "Boykottaufruf" gestartet zu haben. Die Nerven der Brauer liegen blank: Der Absatz von (alkoholischem) Bier geht seit Jahren zurück, so auch wieder 2025 im Bierland Bayern.

Die Absatzmisere im Kopf bedauerte der Brauer-Präsident unter anderem den geringeren Bierdurst junger Männer, die durch Alkoholfahrten und alkoholbedingte Exzesse in der Kriminalstatistik seit eh und je prominent vertreten sind. Angeblich hat sich der Anteil der jungen Männer, die zu den regelmäßigen Alkoholkonsumenten zählen, seit den 70er mehr als Jahren halbiert.

Eine gute Nachricht? Nicht für Bayerns Brauer-Präsidenten

Eine gute Nachricht? Nicht für Bayerns Brauer-Präsidenten. Bier bringe Menschen zusammen und sei ein sozialer Kitt, sagte er dem Bayerischen Rundfunk. Das muss man sich erst einmal auf der Zunge zergehen lassen, oder besser: runterschlucken: Ohne Alkohol geht beim Bayern keine Geselligkeit.

Das hat man außerhalb des Freistaats schon immer irgendwie geahnt. Man muss aber schon Cheflobbyist sein, um einen positiven Trend auf diese Weise schlecht zu reden. Oder sollte man besser sagen: Schlecht zu saufen?

Der Absatz von Alkoholfreiem zeigt, wohin die Reise geht

Anstatt mit schrägen Argumenten gegen Fakten und Trends anzukämpfen, sollte die Brauereiwirtschaft nach intelligenten Alternativen suchen. Dass der Absatz von alkoholfreiem Bier seit Jahren ansteigt, zeigt, wohin die Reise gehen könnte.

In dieser Hinsicht sind innovative Brauereien im Freistaat weiter als ihr Präsident Schneider. Derselbe Präsident, der auch mit der Schnapsidee eines kostenpflichtigen Eintritts auf das Oktoberfest von sich reden machte. Die Sendung "quer" des Bayerischen Rundfunks brachte es auf den Punkt: entweder mehr saufen oder Eintritt zahlen. Ansonsten kann man den Oktoberfestwirten nur raten, der Wiesn fernzubleiben, wenn sie eh nur draufzahlen.

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