Ein Jahr nach dem Zugunglück in Bad Aibling: Und die Bahn tut – nichts

Heute jährt sich das dramatische Zugunglück. Die Technik könnte verbessert, der Notruf vereinfacht werden, legen Experten nahe. Doch die Verantwortlichen sehen das anders.
| P. Winterer, R. Schormann
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Rettungskräfte stehen am 9. Februar 2016 an der Unfallstelle zwischen Holzkirchen und Rosenheim.
Peter Kneffel/dpa Rettungskräfte stehen am 9. Februar 2016 an der Unfallstelle zwischen Holzkirchen und Rosenheim.

Am Donnerstag jährt sich das dramatische Zugunglück. Die Technik könnte verbessert, der Notruf vereinfacht werden, legen Experten nahe. Doch die Verantwortlichen sehen das anders.

Bad Aibling - Das Zugunglück von Bad Aibling hat Spuren hinterlassen. Der Jahrestag am Donnerstag ruft die schrecklichen Bilder vom Unfallort wieder wach. Beim Zusammenstoß zweier Züge starben zwölf Menschen, 89 Insassen wurden teils lebensgefährlich verletzt.

Das Landgericht Traunstein verurteilte den Fahrdienstleiter wegen fahrlässiger Tötung zu dreieinhalb Jahren Haft. Der Mann hatte – vom Handyspielen abgelenkt – Signale falsch gestellt.

Lesen Sie hier: Fahrdienstleiter - „Habe große Schuld auf mich geladen“

Opfer-Anwalt Friedrich Schweikert stört, dass im Strafprozess allein das schuldhafte Verhalten des Fahrdienstleiters eine Rolle gespielt habe. Schweikert, der 19 Hinterbliebene und Verletzte vertritt, beißt mit seinen Anfragen zu einem Schuldeingeständnis bei der Bahn auf Granit. "Das stört die Opfer ungemein."

Hätte Technik die Katastrophe verhindern können?

Dabei hätte mit besserer Technik nach Überzeugung von Schweikert der Zusammenstoß wahrscheinlich verhindert werden können.

Doch die Bahn sieht auch jetzt keine Notwendigkeit für technische Veränderungen. "Laut Urteilsbegründung waren sowohl Technik als auch Regelwerk nicht ursächlich für das Zugunglück", begründete ein Bahnsprecher.

Eigentlich hätte die Bahn die Signaltechnik aufgrund einer Vorschrift aus dem Jahr 1984 nachrüsten müssen. Es gibt jedoch die Einschränkung, dass sie dies nur im Rahmen ihrer finanziellen Möglichkeiten tun musste. Es ist bis heute nicht geschehen. Schweikert monierte, dass der Bahn auf eingleisigen Strecken moderne Signaltechnik offenbar nichts wert sei.

Das Gericht stellte aber fest, dass die Technik auf der Strecke von Holzkirchen nach Rosenheim und in den Zügen fehlerfrei funktioniert habe.

BOB: Kein Bedarf für Nachbesserung

Auch bei der Bayerischen Oberlandbahn (BOB), die die sogenannte Mangfalltallinie betreibt, sehen die Verantwortlichen keinen Bedarf für Nachbesserungen. Die Untersuchungen hätten bestätigt, dass seitens der BOB keine Versäumnisse vorlagen, sagte ein Sprecher. Demnächst will das Eisenbahn-Bundesamt einen Zwischenbericht seiner Untersuchungen zu dem Unglück veröffentlichen. Wie es hieß, wird darin der Bahn nahegelegt, ihr Notrufsystem zu vereinfachen.

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Die Befragung des Bruckmühler Fahrdienstleiters im Prozess hatte gezeigt, dass das Notrufsystem der DB beim Personal als nicht optimal gilt. Der Zeuge sagte: "Es sollte eine einfachere Lösung geben." Denn es bestehe Verwechslungsgefahr beim Bedienen der Tasten.

Der Angeklagte hatte beim Abschicken des Notrufes, nachdem er seinen Fehler bemerkt hatte, versehentlich die Fahrdienstleiter informiert und nicht die Lokführer.


Fahrgastverband Pro Bahn: "Der Bund als Eigentümer kümmert sich zu wenig"

Winfried Karg, bayerischer Vorsitzender vom Fahrgastverband Pro Bahn erklärt, was bei der Bahn falsch läuft.

AZ: Verstehen Sie die Enttäuschung der Angehörigen und Opfer von Bad Aibling, weil die Bahn seit 30 Jahren nicht in die Sicherheit auf der Strecke investiert hat?
WINFRIED KARG: Natürlich, ich würde mich auch ärgern, das ist auch richtig. Als Vertreter einer Fahrgast-Organisation muss ich sagen, wir kritisieren genau das seit Jahren.

Was meinen Sie damit konkret?
Das System Eisenbahn krankt seit Jahrzehnten daran, dass sich der Bund als Eigentümer zu wenig bis gar nicht kümmert. Das Geld ist nicht da, um Sicherheitsstandards durchzuziehen. Man steckt das Geld doch lieber in prestigeträchtige Großprojekte oder eine zweite Münchner Stammstrecke, statt in alltägliche Dinge wie barrierefreie Bahnsteige, die auch flächendeckend fehlen.

Und wie könnte man da Ihrer Meinung nach endlich gegensteuern?
Schon bei der Bahnreform ’94 hat die Regierungskommission vorgeschlagen, Grund und Boden und rollendes Rad muss getrennt werden. Mercedes betreibt ja auch keine Autobahnen. Das sind unterschiedliche Organisationsformen. Die Politik wollte es zusammen und hat aber nie die nötige Finanzierung dafür bereitgestellt. Und jetzt erleben wir wieder, dass das Geld gefehlt hat und fehlt.

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