Das Ende der Impf-Priorisierung: Ist das gerecht?

Ab Donnerstag sollen Haus- und Fachärzte im Freistaat selbst entscheiden, welche Patienten sie wann gegen Covid-19 impfen. Die Reaktionen sind gemischt.
| Natalie Kettinger
X
Sie haben den Artikel der Merkliste hinzugefügt.
zur Merkliste
Merken
7  Kommentare Artikel empfehlen
Eine Hausärztin impft ihren Patienten. Bis Sonntag wurden im Freistaat laut Gesundheitsministerium - in Praxen und Impfzentren - insgesamt 6375.380 Spritzen gegen das Coronavirus gesetzt.
Eine Hausärztin impft ihren Patienten. Bis Sonntag wurden im Freistaat laut Gesundheitsministerium - in Praxen und Impfzentren - insgesamt 6375.380 Spritzen gegen das Coronavirus gesetzt. © imago images/Westend61

Bayern - In den ersten Bundesländern ist die Priorisierung bei Corona-Impfungen in Arztpraxen Geschichte: Baden-Württemberg stellt den Medizinern bereits seit gestern frei, welchen Patienten sie wann piksen - und zwar unabhängig vom verabreichten Vakzin.

In Berlin dürfen Haus- und Fachärzte von der vorgeschriebenen Reihenfolge abweichen, wenn sie ihre Impfdosen nicht für priorisierte Gruppen verbrauchen können.

Am Donnerstag endet die Priorisierung in Bayern

In Bayern endet die bisherige Vorgehensweise an diesem Donnerstag, wie ein Sprecher des Gesundheitsministeriums der AZ bestätigte. Die Kassenärztliche Vereinigung (KVB) teilte dazu mit: "Die bayerische Staatsregierung hat entschieden, alle Covid-19-Impfstoffe, und somit auch die mRNA-Impfstoffe, bereits ab kommendem Donnerstag, 20. Mai 2021, unabhängig von der Priorisierungsgruppe der zu impfenden Person freizugeben."

Ärzte sollen die Reihenfolge nun selbst bestimmen

Bayerns Gesundheitsminister Klaus Holetschek (CSU) sagte dazu: "Die Ärzte kennen ihre Patienten und können am besten einschätzen, wer die Corona-Schutzimpfung am dringendsten braucht. Diese Entscheidung sorgt für eine noch flexiblere und raschere Verimpfung der vorhandenen Impfstoffe." Nach Bayern folgt am 24. Mai Sachsen.

Zuerst kommt noch die dritte Prioritätsgruppe zum Zuge

Deutschlandweit soll die Priorisierung nach Plänen von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) am 7. Juni fallen - sowohl in Arztpraxen als auch in den regionalen Impfzentren.

Zuerst solle aber noch die dritte Prioritätsgruppe zum Zuge kommen, sagte er. Dazu gehören neben über 60-Jährigen etwa Supermarktverkäufer, Busfahrer, Justizbeamte und Lehrkräfte in weiterführenden Schulen.

Gemischte Reaktionen

Ein Problem bleibt so oder so bestehen: Es gibt weiterhin nicht genügend Impfstoff für alle Impfwilligen. Die Reaktionen auf das Vorpreschen der ersten Bundesländer fallen gemischt aus.

Grundsätzlich sei diese Entscheidung zu begrüßen, um eine effiziente Planung in den Praxen und die Verimpfung aller verfügbarer Impfstoffdosen sicherzustellen, schreibt etwa die KVB an ihre Mitglieder.

Die Freigabe ist nicht mit Erhöhung von Impfdosen verbunden

"Mit der Freigabe ist jedoch keine Erhöhung an verfügbaren Impfdosen verbunden, so dass wir Sie bitten, weiterhin diejenigen Patienten zu impfen, die den Impfschutz auf Grund der bekannten Risikofaktoren für einen schweren Verlauf am dringendsten benötigen."

Und auch wenn laut Bund ab Juni steigende Impfstoff-Mengen verfügbar sein sollen, würden diese vorrangig für die Zweitimpfungen ausgeliefert, um den Impfschutz zu vervollständigen.

Kommen Drängler nun früher dran?

Die Chefin des Ärzteverbandes Marburger Bund, Susanne Johna, warnte vor der Aufhebung der Impfpriorisierung in Arztpraxen. Diese führe dazu, dass "noch mehr Menschen um ein knappes Gut konkurrieren", sagte sie gestern im Deutschlandfunk.

Wer besonders drängele, komme dadurch vielleicht früher zum Zug, als Menschen, die besonders geschützt werden müssen. Schon jetzt fühlten sich viele niedergelassene Ärzte "wie die letzte Mauer" bei der Impfstoffvergabe.

Falsche Vorstellungen können zu Frustration führen

Die Impfpriorisierung habe nicht nur die Menschen vorgezogen, die ein Risiko hatten schwer zu erkranken - sondern habe auch Menschen mit einem geringeren Risiko eine Vorstellung davon gegeben, wann sie drankommen, sagte Johna.

"Wenn ich jetzt gleichzeitig allen Menschen die Vorstellung gebe, sie könnten drankommen, gleichzeitig aber das Gut so knapp ist, dass das gar nicht möglich ist, führt das doch zu Frustration."

Mit Blick auf möglicherweise verkürzte Impfabstände, um etwa früher in den Urlaub zu kommen, sagte Johna: "Das ist einfach medizinisch nicht sinnvoll und so dürfen wir mit dem knappen Gut nicht umgehen."

Kritik kommt auch von der Deutschen Stiftung Patientenschutz

Scharfe Kritik kam auch von der Deutschen Stiftung Patientenschutz. Solange es nicht genügend Impfstoff gebe, setze die Politik mit einer solchen Entscheidung einen "Spaltpilz" in die Gesellschaft, sagte Vorstand Eugen Brysch. "Nicht die Priorisierung ist der Hemmschuh beim Impffortschritt, sondern einzig der Mangel an Impfstoff."

Die Entscheidungen in Baden-Württemberg, Berlin und Bayern, dass Hausärzte ungeachtet der staatlichen Prioritäten Menschen impfen dürfen, sei ein Beispiel dafür, "wie man sowohl den Impfdruck auf Ärzte erhöhen kann und Frust in der Gesellschaft schafft".

Das werde die Aggressionen nicht nur zwischen Arzt und Patient, sondern auch Konflikte zwischen den Generationen steigern, prophezeite Brysch. "Aber damit hat dann ein Minister oder eine Ministerin nichts mehr zu tun." Die Politiker seien weit weg von den Arztpraxen.

Doppelter Nachteil für Nicht-Geimpfte

Für Ethikratsmitglied Andreas Lob-Hüdepohl verstößt die Aufhebung der Priorisierung gegen das Prinzip der Gerechtigkeit, "die noch nicht durchgeimpften Personen mit höherer Dringlichkeit dem Windhund- und Ellenbogenprinzip auszusetzen", so der Berliner Theologe im Interview mit der "Welt".

Dabei sei den Nicht-Geimpften schon jetzt ein doppelter Nachteil entstanden: Sie müssen länger Einschränkungen ihres Gesundheitsschutzes und ihrer Grundrechte hinnehmen.

Andere fordern schnelle Impfung von Jugendlichen

"Impfpriorisierung sofort und für alle Impfstoffe aufheben und Jugendliche in die Impfstrategie schnellstmöglich miteinbeziehen", hatte hingegen Gerald Quitterer, Präsident der Bayerischen Landesärztekammer (BLÄK), schon vergangene Woche gefordert.

Was für einen Impfstoff gelte, müsse auch für alle anderen angewendet werden, sagte er mit Blick auf die Vakzine von Astrazeneca sowie Johnson & Johnson, für die es im Freistaat bereits keine Priorisierung mehr gilt.

Lesen Sie auch

Gleichwohl bat auch Quitterer die Patienten weiter um Geduld, da die Aufhebung der Impfpriorisierung nicht dazu führe, "dass jetzt alle sofort und kurzfristig geimpft werden können.

Dadurch stehen nicht mehr Impfstoff und auch nicht mehr Termine zur Verfügung." Quitterer forderte die Politik generell auf, mehr Impfdosen zur Verfügung zu stellen.

In den Impfzentren bleibt das bisherige Verfahren bestehen

Ministerpräsident Markus Söder (CSU) hatte am Mittwoch angekündigt, die Verimpfung aller Vakzine in den Hausarztpraxen freizugeben. Die Ärzte hätten aber noch etwas Zeit gebraucht, um sich vorzubereiten - deshalb soll die Freigabe erst übermorgen erfolgen.

Das Vorgehen sei durch die Impf-Verordnung des Bundes gedeckt. In den Impfzentren soll es laut Söder bei dem bisherigen Verfahren mit Priorisierungen anhand von Vorerkrankungen und Berufsgruppen bleiben.

Lädt
Anmelden oder registrieren

Zum Login
Zu meinen Themen hinzufügen

Hinzufügen
Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten
Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen
Um "Meine AZ" nutzen zu können, müssen Sie der Datenspeicherung zustimmen.

Zustimmen
Teilen 7  Kommentare – mitdiskutieren Artikel empfehlen
7 Kommentare
Artikel kommentieren