Corona-Testpanne: Opposition und Rotes Kreuz kritisieren Söder-Regierung

| Interview: Natalie Kettinger
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Florian von Brunn ist Münchner Sprecher für Umwelt- und Verbraucherschutz der SPD-Fraktion im Landtag.
dpa/Sven Hoppe Florian von Brunn ist Münchner Sprecher für Umwelt- und Verbraucherschutz der SPD-Fraktion im Landtag.

AZ: Herr von Brunn, überrascht Sie das bayerische Test-Debakel?
FLORIAN VON BRUNN: Söders Test-Versagen überrascht mich nicht, sondern es entsetzt mich. Fast 1000 Corona-Infizierte wurde nicht gesagt, dass sie sich angesteckt haben. Sie wurden nicht in Quarantäne genommen. Das ist eine enorme Gefahr für sie und zugleich für alle, mit denen sie in Kontakt gekommen sind. Und es ist nicht der erste Fehler der Staatsregierung: Da gab es mit den Starkbierfesten richtige Infektions-Hotspots, die Ausbrüche mit Ansage am Schlachthof in Bogen und unter den Erntehelfer in Mamming. Aber das jetzt ist bisher der schlimmste Fehler!

Betroffenen müssen auf Coronatest-Ergebnis warten

Wer trägt die Verantwortung für diese Misere? Der Ministerpräsident? Die Gesundheitsministerin? Das Landesamt für Gesundheit?
Markus Söder hat seit Beginn der Krise die Corona-Politik zur Chefsache gemacht. Er ist immer wieder vorgeprescht. Er hat alle anderen belehrt, wie man das richtig macht. Diesmal hatte er als Erster Tests für alle Urlaubsrückkehrer versprochen. Und das mit tönenden Worten: Bayern werde Deutschland einen Dienst erweisen. Jetzt stellt sich heraus, dass es ein Bärendienst war. Ich kenne Markus Söder zwar schon lange als PR-orientiert und sehr ehrgeizig. Aber ich hätte nie gedacht, dass seine Reden und das, was er dann wirklich tut, so weit auseinanderklaffen. Wer alles zur Chefsache macht und große Töne spuckt, der trägt auch die Verantwortung.

Das Rote Kreuz wehrt sich heftig gegen den unterschwelligen Vorwurf, seine freiwilligen Helfer hätten die Datenübermittlung verbockt. Zu Recht?
Es ist wirklich schäbig, den Ehrenamtlichen vom Roten Kreuz jetzt eine Mitverantwortung zuschieben zu wollen. Sie waren da, als sie gebraucht wurden. Sie haben nicht nur ihre Freizeit geopfert, sondern auch das Infektionsrisiko auf sich genommen. Statt ihnen zu danken, wollte man ihnen den Schwarzen Peter zuschieben. Und die eigentlich Verantwortlichen ducken sich weg.

Wer muss die Verantwortung tragen?

Wie realistisch ist eine Doppel-Testung von Reiserückkehrern unter diesen Voraussetzungen?
Wir werden jetzt sehr genau hinschauen, wie das weitergeht. Ich erwarte aber von Söder, dass ab jetzt alles klappt. Ein zweites solches Versagen können wir uns angesichts der Corona-Gefahren nicht leisten. Was wir jetzt aber vor allem brauchen, ist eine solide und wirksame Umsetzung, nicht PR-Aktionen und markige Sprüche!

Einerseits feierte der Ministerpräsident bisher bei jeder Gelegenheit die bayerische Testoffensive. Andererseits wird oft erst gehandelt, wenn Missstände unübersehbar geworden sind – so war es bei den Reihenuntersuchungen in Fleischfabriken und jetzt bei der Testpflicht für Erntehelfer. Wie passt das zusammen?
Bei Schlachthöfen und Erntehelfern in der Landwirtschaft geht es um handfeste wirtschaftliche Interessen und um heilige Kühe der CSU. Schon Franz Josef Strauß hatte beste Beziehungen zur Fleischmafia. Deswegen hat Söder die auch nur mit Samthandschuhen angefasst: bis das Kind in den Brunnen gefallen ist! Wir als SPD haben schon im Mai darauf hingewiesen, dass man Schlachthof-Mitarbeiter und Saisonkräfte testen muss. Außerdem haben wir gefordert, die Bedingungen am Arbeitsplatz und die Wohnverhältnisse endlich zu verbessern. Söder hat aber nicht auf uns gehört. Zudem will er unbedingt Kanzlerkandidat werden. Das ist unverkennbar, egal wie oft er es dementiert. In seinem Ehrgeiz ist er dabei über das Ziel hinausgeschossen. Er hat immer mehr angekündigt, um Klassenbester zu sein. Aber ohne ordentlich zu prüfen, wie schnell und zuverlässig das umgesetzt werden kann. Wenn ich das mit Olaf Scholz vergleiche, muss ich feststellen: Scholz macht ruhig und solide seine Arbeit und steuert uns sicher durch die Wirtschaftskrise.

"Bayern steht da unter Söder also ohne Laptop und Lederhosen da."

Welche Konsequenzen sollten aus all dem gezogen werden?
Besonders grotesk ist, dass an den Autobahn-Teststationen von Hand erfasst werden musste! Bayern steht da unter Söder also ohne Laptop und Lederhosen da. Das darf nicht mehr passieren. Es muss aber auch genug Stellen an den Gesundheitsämtern geben, um alle Kontakte von Infizierten so zügig wie möglich zu ermitteln.

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