Interview

Bayerns Brau-Chef fordert: Tragl Bier soll 25 Euro kosten

Georg Schneider (60) von Schneider Weisse ist zehn Jahre lang der Chef der bayerischen Brauer gewesen. Zum Abschied spricht er über Themen wie der Dry January, der Bierpreis und warum er künftig im Allgäu anzutreffen ist.
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Georg Schneider hört im Mai als Präsident des Bayerischen Brauerbundes auf. Zehn Jahre hat er das Ehrenamt ausgeführt, länger als gedacht  – wegen eines Todesfalls.
Georg Schneider hört im Mai als Präsident des Bayerischen Brauerbundes auf. Zehn Jahre hat er das Ehrenamt ausgeführt, länger als gedacht – wegen eines Todesfalls. © Norbert Güntner

Zehn Jahre lang ist Georg Schneider (60) von Schneider Weisse aus Kelheim der Chef des Bayerischen Brauerbunds gewesen. Aufgefallen ist er dabei zuletzt mit streitbaren Vorschlägen und Aussagen etwa zum Dry January oder zu einem Eintrittspreis für die Wiesn. Im Mai hört er als Brauerbund-Präsident auf. Die AZ hat sich mit ihm getroffen – auf ein alkoholfreies Bier.

AZ: Herr Schneider, 2025 haben Sie Ihr Familienunternehmen Schneider Weisse an Ihren Sohn übergeben, jetzt hören Sie auch als Brauerbund-Präsident auf. Ist das ein schleichender Ruhestand?
GEORG SCHNEIDER: Bei Ehrenämtern braucht es aus meiner Sicht immer wieder einen Wechsel an der Spitze. Normalerweise wird im Turnus von drei Jahren das Präsidium gewählt. Regulär wäre das schon letztes Jahr gewesen, aber mein designierter Nachfolger Christoph Kämpf aus Straubing ist verstorben. Das war sehr dramatisch. Deswegen habe ich mein Ehrenamt um ein Jahr verlängert. Nun findet eine Zäsur in meinem Brauer-Leben statt, etwas Neues beginnt.

Georg Schneider VI. (l.) mit seinem Sohn Georg Schneider VII. Der Name hat in der bayerischen Familie Tradition.
Georg Schneider VI. (l.) mit seinem Sohn Georg Schneider VII. Der Name hat in der bayerischen Familie Tradition. © Norbert Güntner

Was denn?
Ich werde mit meiner Frau das Hotel Post in Nesselwang im Allgäu führen. Sie hat es von ihrer Familie bekommen, es ist ein kleines Hotel mit 20 Zimmern. Darum werden wir uns künftig intensiv kümmern.

Zukunft im Familienhotel: "Ich bin der Hausl"

Sind Sie also ab sofort Hotelmanager?
Ich bin der "Hausl" (lacht). Ich mache also alles und gehe generell gern mit Menschen um.

Sie legen das Amt beim Brauerbund in einer Zeit nieder, in der es in der Branche nicht rosig ausschaut. War auch das ein Grund für Ihren Rückzug?
Das hat damit nichts zu tun. Wenn ich auf die vergangenen zehn Jahre meiner Amtszeit zurückschaue, war es immer schwierig. Das fing schon mit der Feier zu 500 Jahre Reinheitsgebot am 22. Juli 2016 an, die jäh wegen des Attentats am Olympia-Einkaufszentrum abgebrochen wurde. Später kamen Corona, der Ukraine-Krieg mit der Energiekrise und dem Wegbruch des Russlands-Geschäfts – also eigentlich kam ich als Brauerbund-Präsident nicht aus dem Krisenmodus heraus. Dass es jetzt die finale Krise der Brauwirtschaft ist, glaube ich nicht.

Neue Aufgabe für Georg Schneider und eine "Zäsur in seinem Brauer-Leben": Er wird künftig mit seiner Frau das Hotel Post in Nesselwang im Allgäu führen.
Neue Aufgabe für Georg Schneider und eine "Zäsur in seinem Brauer-Leben": Er wird künftig mit seiner Frau das Hotel Post in Nesselwang im Allgäu führen. © Georg Schneider

Wie schauen Sie auf Ihre Amtszeit zurück? Was ist Ihnen in besonders in Erinnerung geblieben?
Es war eine emotionale Achterbahnfahrt. Noch vor meinem offiziellen Amtsantritt habe ich genau am 23. April 2016 beim Empfang des Brauerbundes zu 500 Jahre Reinheitsgebot meine Frau kennengelernt. Die Branche ist dafür bekannt, männerdominiert zu sein. An dem Abend in Ingolstadt waren gefühlt zwei Frauen da: Frau Merkel und meine jetzige Frau (lacht). An das genannte Attentat in München erinnere ich mich zudem noch wie heute: Ich stand auf dem Wittelsbacherplatz, als mich die Nachricht erreicht hat. Die Lage war völlig undurchsichtig. Ich habe als Präsident noch die Kasse an mich genommen, mit meiner Frau blieb ich im Weissen Bräuhaus im Tal. Die Leute sind zum Schutz unter den Tischen gesessen. 2020 begann dann die Pandemie. Keiner hat sich vorstellen können, was auf die Branche zukommt. Als ich damals in der Brauerei das Licht ausgemacht habe, dachte ich: Geht es irgendwann wieder weiter? Das war völlig gespenstisch.

"Bier ist ein fröhliches Produkt"

Was haben Sie Ihren Brauerei-Kollegen damals gesagt?
Durchhalten! Ich glaube, Bier wird nie so wenig Bedeutung haben, dass die Menschen gar nichts mehr trinken. Bier ist ein fröhliches Produkt, das die Menschen zusammenbringt. Der Mensch kann seine Zeit nicht auf Dauer im Griesgram und in der Isolation verbringen. Auf der anderen Seite haben wir die Corona-Krise im Verband dafür genutzt, radikal zu digitalisieren. Bis dahin wussten wir nicht, was Teams ist. Das haben wir ganz schnell gelernt.

Das Weisse Bräuhaus im Tal in München gehört zu Schneider Weisse.
Das Weisse Bräuhaus im Tal in München gehört zu Schneider Weisse. © Rosemarie Vielreicher

Jetzt ist es allerdings so, dass die Bierabsätze noch schlechter sind als während Corona.
Das hat unterschiedliche Ursachen. Das Konsumverhalten der Menschen hat sich geändert, sicherlich auch beschleunigt durch Corona. Soziale Kontakte verlagern sich zunehmend in Soziale Netzwerke. Auch herrscht ein anderes Körper- und Gesundheitsbewusstsein. Den demografischen Wandel darf man ebenfalls nicht außer Acht lassen. Menschen in meinem Alter werden mehr.

Früher war man nach drei, vier Maß Bier auf dem Volksfest am nächsten Tag einigermaßen fit. Heute wird es nach der zweiten Maß schwierig.

Trinken Sie denn weniger?
Ja! Früher war man nach drei, vier Maß Bier auf dem Volksfest am nächsten Tag einigermaßen fit. Heute wird es nach der zweiten Maß schwierig.

Georg Schneider mit Landwirtschaftsministerin Michaela Kaniber und der aktuellen Bierkönigin Anna Winkler zum Tag des Bieres 2026.
Georg Schneider mit Landwirtschaftsministerin Michaela Kaniber und der aktuellen Bierkönigin Anna Winkler zum Tag des Bieres 2026. © imago/B. Lindenthaler

Im Nahen Osten ist die nächste Krise entstanden. Wirkt sich auch diese auf die Branche aus?
Grundsätzlich ja, weil wir sehr energieintensiv sind. Neben dem Sudhaus ist die Flaschenfüllerei der zweite Energiefresser in einer Brauerei. Und egal mit welchem Rohstoff man heizt: Die Energiepreise gleichen sich an, sobald ein Energieträger teurer wird. Die Bierherstellung wird also insgesamt teurer. Was ich in den letzten zehn Jahren gelernt habe: Wenn man als bayerischer Brauerbund-Präsident Gehör bekommen will, muss man sagen: Das Bier muss teurer werden!

Steigende Kosten: So viel müsste Bier wirklich kosten

Wie viel teurer müsste Bier denn sein? 
Bei einem mittelständischen Unternehmen müsste die Kiste Bier mindestens 25 Euro kosten.

Warum lässt sich Ihre Forderung nicht durchsetzen? 
Weil wir einen sehr großen Wettbewerb unter den Brauereien haben. Allein in Bayern gibt es knapp 600 Brauereien mit unterschiedlichen Größenordnungen und Konzepten. Es gibt teure Biere, aber auch Anbieter mit einer Kiste Bier für fünf Euro. Das geht unter anderem über die Menge und über billig eingekaufte Rohstoffe. Der Bierpreis ist vergleichbar mit dem Schweinsbraten-Preis in der Gastronomie: Es ist ein imaginärer Preis, der das Wert-Kosten-Verhältnis nicht wirklich abbildet.

Prognose für 2036: Die Zahl der Braustätten wird schrumpfen

Wie schauen Sie in die Zukunft? Wie werden Bayerns Brauer in zehn Jahren dastehen?
Ich müsste Ihnen darauf 598 Antworten geben, weil jeder Unternehmer für sich betrachtet werden müsste. Aber ich denke, dass Zusammenarbeit ein großes Thema in der Zukunft wird. Wenn man lokale Bierkultur erhalten will, ergibt es keinen Sinn, dass sich jeder eine Abfüllanlage oder einen eigenen Fuhrpark leistet.

Ein klassischer Anblick in Bayern: Mehrere Maß Bier stehen bei einem Volksfest bereit.
Ein klassischer Anblick in Bayern: Mehrere Maß Bier stehen bei einem Volksfest bereit. © imago/Ardan Fuessmann

Werden es in zehn Jahren weniger als aktuell 598 Brauereien sein?
Braustätten mit Sicherheit, ja.

Bei der letzten Pressekonferenz des Brauerbundes meinten Sie, Sie könnten jetzt am Ende Ihrer Amtszeit offener reden. Haben Sie noch etwas, was Sie ansprechen möchten?
Ich habe auch während meiner Amtszeit schon Klartext gesprochen. Ich bin der felsenfesten Überzeugung, dass Bier so etwas Fantastisches ist, dass wir damit auch in die Zukunft gehen. Auch wenn es Wellenbewegungen in der Wahrnehmung gibt.

Anzeige für den Anbieter Facebook Beitrag über den Consent-Anbieter verweigert

Stichwort: Dry January, den etwa die bayerische Gesundheitsministerin Judith Gerlach im Januar beworben hat. Das hat Ihnen nicht geschmeckt.
Dazu stehe ich immer noch. Wir haben in Bayern eine Fastenzeit. Wir brauchen keinen amerikanischen Begriff für etwas, was es schon lange gibt. Der Dry January fällt in die Faschingszeit, aus unserer Sicht sollte man da Gas geben und dann aber auch die anschließende Fastenzeit ernst nehmen.

Bierleichen am Kotzhügel: "Mir tun sie leid"

Der WHO zufolge gibt es keinen unbedenklichen Alkoholkonsum. 
Die WHO hat schon viel gesagt. Ich glaube solche Pauschalaussagen nicht. Es gibt Menschen, die auch genetisch bedingt sehr empfindlich auf Alkohol reagieren, und es gibt Menschen, die besser mit Alkohol umgehen können.

Was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie die Bierleichen am Kotzhügel auf der Wiesn sehen?
Mir tun sie leid, weil sie am nächsten Tag fürchterlich leiden. Das rechte Maß ist entscheidend.

Das Oktoberfest im vergangenen Jahr 2025.
Das Oktoberfest im vergangenen Jahr 2025. © imago/Wolfgang Maria Weber

Sie haben zuletzt Eintritt fürs Oktoberfest gefordert. Der Gegenwind kam prompt. Hat Sie das geärgert? 
Überhaupt nicht, das war super! Zwei Wochen lang bin ich brutal oft zitiert worden. Viele Kosten bei Festen werden übers Bier kalkuliert. Wenn das Bier zurückgeht, muss man überlegen, wie man steigende Kosten finanziert, etwa für das Sicherheitskonzept. Denn es ist doch Blödsinn, wenn die Maß Bier auf dem Volksfest irgendwann so viel kostet wie eine ganze Kiste im Getränkemarkt. Was teils schon der Fall ist. Deswegen muss man überlegen, wie man die Kosten anders verteilt.

Das Kloster Weltenburg hat die älteste Klosterbrauerei der Welt. Ab 1. Januar 2027 übernimmt Schneider Weisse aus Kelheim die Markenrechte von Weltenburger und auch der Brauerei Bischofshof aus Regensburg. Letztere schließt den Standort.
Das Kloster Weltenburg hat die älteste Klosterbrauerei der Welt. Ab 1. Januar 2027 übernimmt Schneider Weisse aus Kelheim die Markenrechte von Weltenburger und auch der Brauerei Bischofshof aus Regensburg. Letztere schließt den Standort. © imago/Manfred Segerer

Noch zur Entwicklung bei Schneider Weisse: Ihr Unternehmen hat die Weltenburger Brauerei in Kelheim übernommen, ebenso die Marke Bischofshof in Regensburg. Ihr Sohn ist auch Geschäftsführer bei Karmeliten in Straubing. Haben Sie weitere Expansionspläne?
Wir hatten das ehrlich gesagt nicht vor. Wir hatten zuvor mit Bischofshof im untergärigen Bereich zusammengearbeitet. Als deren Schließung im Raum stand, haben wir uns dazu entschlossen. Wir wollen nicht, dass ein ausländischer Großkonzern einsteigt, wir wollen eine bayerische lokale Lösung.

Was wird sich ändern?
Bei Weltenburger wird überhaupt nichts groß verändert. Sie füllen jetzt eben bei uns ab und nicht mehr bei Bischofshof. Das Weltenburger Bier ist so einzigartig, der Braumeister wird übernommen. Wir wollen Weltenburger mehr in unseren internationalen Export-Strukturen integrieren. Bischofshof dagegen sehen wir als lokale Marke für Regensburg.

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