"Auf der Intensivstation": Aiwangers düstere Tourismusbilanz

So fasst Bayerns Wirtschaftsminister die Lage für Hotellerie und Gastronomie mit Blick auf den drastischen Einbruch 2020 zusammen.
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Bayerns Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger (Freie Wähler). (Archivbild)
Bayerns Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger (Freie Wähler). (Archivbild) © Armin Weigel/dpa

München - Die Lage tue weh, sagte Bayerns Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger (Freie Wähler) am Mittwoch bei der Vorstellung der Tourismusbilanz 2020. Wo in den vergangenen Jahren stets Übernachtungsrekorde verkündet wurden, kann nun wegen der Corona-Pandemie nur von drastischen Einbrüchen berichtet werden. "Die bisher vor Kraft strotzende Tourismuswirtschaft Bayerns humpelt auf einem Bein und liegt momentan auf der Intensivstation", meinte Aiwanger.

Er berichtete, dass vor allem die Städte unter den dramatisch gesunkenen Übernachtungszahlen zu leiden hatten. Klar, es gab keine Messen, keine Events und viel weniger Geschäftsreisen.

Für München bedeutet das in Zahlen einen Rückgang der Übernachtungen von 61,5 Prozent auf etwas mehr als sieben Millionen. Oberbayern musste einen Rückgang um 44,7 Prozent auf nur noch knapp 24,6 Millionen Übernachtungen hinnehmen.

Aber: In Alpen-Regionen wie Reit im Winkl, Ruhpolding, Pfronten, Schwangau und Grainau bewegte sich der Rückgang unter 20 Prozent. "Ein kleiner Lichtblick" laut Aiwanger: Camping und Urlaub auf dem Bauernhof habe teilweise Zugewinne verzeichnet, auch unbekanntere Regionen in Bayern profitierten im vergangenen Sommer vom Trend zum Urlaub dahoam.

Und die Gastronomie? "Der Druck nach mehreren Monaten Lockdown steigt", sagte Aiwanger, der sich wiederholt für Öffnungen ausgesprochen hat und das auch gestern wieder tat: "In einer ordentlich geführten Gastronomie mit Abstand und Hygienekonzepten passiert weniger, als wenn Menschen privat heimlich im Schrebergarten zusammen Brotzeit machen. Ich bitte, die Gastro- und Tourismusbranche als Teil der Lösung zu sehen", appellierte der Wirtschaftsminister.

"Lasse das nicht mit dem Wort Ischgl gleich vom Tisch wischen"

"Wir müssen die Perspektive aufrechterhalten und diese fordere ich dringendst vom Bund ein. Wenn tüchtige Menschen monatelang zu Hause bleiben sollen, suchen die sich andere Arbeit. Dann gibt es bei der Öffnung den Koch, das Küchenpersonal und die Bedienung nicht mehr", warnte Bayerns Vize-Ministerpräsident.

Kurzarbeit sei keine Dauerlösung, auch die gesenkte Mehrwertsteuer müsse dauerhaft gelten, nicht nur bis Ende 2022.
Ab März sollte wenigstens die Außengastronomie wieder öffnen können, "Richtung Ostern" das ganze Gastronomie- und Beherbergungsgewerbe, natürlich mit Hygieneauflagen, sagte Aiwanger.

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Er sei nicht bereit, dieses Thema stets "mit dem Wort Ischgl sofort vom Tisch wischen zu lassen". Auch für die Skifahrer machte sich Aiwanger stark: Es sollte möglich sein, in den nächsten Wochen mit einer Online-Buchung und Maskenbenutzung die Skigebiete zu öffnen.

Bayerns Präsidentin des Hotel- und Gaststättenverbands Dehoga, Angela Inselkammer, plädierte ebenfalls leidenschaftlich, die Gastronomie als Teil der Lösung einzubeziehen. "Es war noch nie der Fall, dass wir so abstürzen, das hat niemand geglaubt. Unsere Branche ist in der allerschlimmsten Krise seit dem Zweiten Weltkrieg", sagte sie. Seit Beginn der Pandemie seien etwa Clubs und Diskotheken seit über zehn Monaten geschlossen. Der Lockdown treffe in rund 40.000 Betrieben rund 445.000 Mitarbeiter.

"Wir haben viel getan, tolle Hygienekonzepte erarbeitet und es hat geholfen und funktioniert. Die Infektionen sind nicht in unseren Betrieben passiert", ist sich Inselkammer sicher.

Zwar lobte sie die Politik für die Hilfen: "Ich glaube nicht, dass in anderen Ländern so viel für die betroffenen Betriebe getan wird", sagte aber auch: "Wir beklagen, dass die Novemberhilfe jetzt im Februar erst ausbezahlt worden ist."

Die Verzweiflung ist omnipräsent

Sie versuche, Zuversicht auszustrahlen, doch "angesichts der permanenten Verlängerung des Lockdowns ist die Verzweiflung omnipräsent". Die Verlängerungen müssten finanziell ausgeglichen werden, forderte Inselkammer. Und: "Wir brauchen ein verlässliches Öffnungskonzept, um Planungssicherheit für unsere Mitarbeiter zu schaffen."

Gemeinsam mit der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft (vbw) hat der Dehoga nun ein "Paket für den Tourismus" mit konkreten Forderungen vorgelegt. Der Vorsitzende des Bayerischen Heilbäderverbandes, Alois Brundobler, sagte mit Blick auf die mit Langzeitfolgen kämpfenden Corona-Patienten: "Wir müssen jetzt alles tun, um den Gesundheitstourismus anzukurbeln, um die Prävention zu stärken und den Corona-Patienten maßgeschneiderte Rehabilitationsprogramme anzubieten."

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Ändert die Corona-Pandemie auf Dauer das Reisen? Grundlegend werde sich das Reiseverhalten nicht ändern, sagte Tourismusforscher Jürgen Schmude von der LMU: "In zehn Jahren wird das Reisevolumen genauso sein wie vor Corona, aber wir werden sicherlich nachhaltiger reisen als heute." Kurzfristig profitiere nun der Binnentourismus, von den deutschen Regionen an der Spitze: Bayern. Immerhin.

Was Wirtschaft und Wirte jetzt fordern

Unter dem Titel "Paket für den Tourismus" fordern vbw und Dehoga mit Unterstützung von Hubert Aiwanger (FW) von Freistaat und Bund: l Wirtschaftshilfen und Förderprogramme "kraftvoll" fortzusetzen; l ein transparentes Öffnungskonzept zu erarbeiten und "langfristige Strategien" für künftige Pandemien; l ein Investitionsprogramm für Belüftungs- und Luftreinigungssysteme; Konkret möchten bayerische Wirtschaft und die Gastwirte außerdem, dass die tägliche Höchstarbeitszeit von zehn Stunden zugunsten einer wochenbezogenen Betrachtung erneuert wird - und den gesenkten Mehrwertsteuersatz beibehalten sowie auf Getränke ausweiten. Auch die Verkehrsinfrastruktur müsse für Gäste zügig weiter ausgebaut werden.

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