Die Renten sind sicher!

Jegliche Aufbruchstimmung beim FCN wurde bereits nach den ersten beiden Spieltagen 2008 durch das 0:2 beim KSC und das 1:1 gegen Rostock vom Samstag vernichtet. Warum der Club kein Bein mehr auf den Boden bringt.
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Wenigstens einer, der sich noch ärgert: Javier Pinola (rechts) regt sich nach dem Gegentreffer der Rostocker auf, Jaromir Blazek (Mitte) und Michael Beauchamp sind konsterniert – die Macht der Gewohnheit?
Bayernpress Wenigstens einer, der sich noch ärgert: Javier Pinola (rechts) regt sich nach dem Gegentreffer der Rostocker auf, Jaromir Blazek (Mitte) und Michael Beauchamp sind konsterniert – die Macht der Gewohnheit?

Jegliche Aufbruchstimmung beim FCN wurde bereits nach den ersten beiden Spieltagen 2008 durch das 0:2 beim KSC und das 1:1 gegen Rostock vom Samstag vernichtet. Warum der Club kein Bein mehr auf den Boden bringt.

Irgendwie typisch: Jetzt hat sich auch noch der Club-Reporter der AZ verletzt – Muskelfaserriss beim Pressefußball. Nur gut, dass der Mann in erster Linie Kopf und Hände zum Arbeiten braucht. Im Gegensatz zu den von ihm beobachteten Profis, die in erster Linie auf ihre Beine und Füße angewiesen sind. In zweiter Linie allerdings auch auf den Kopf. Dort scheint es aktuell besonders zu hapern.

Die durchgängig optimistischen Parolen während der Vorbereitung waren am Ende jedes Gesprächs mit Spielern und Funktionären zu hören. Nur Manager Martin Bader und Trainer Hans Meyer bildeten die Ausnahme, prognostizierten für die Rückrunde „eine knallharte Gratwanderung“ (Bader) und „ein ganz kompliziertes Frühjahr“ (Meyer). Wie wahr: Jegliche Aufbruchstimmung wurde bereits nach den ersten beiden Spieltagen 2008 durch das 0:2 beim KSC und das 1:1 gegen Rostock vom Samstag vernichtet. Der Club präsentierte sich in Karlsruhe und teilweise gegen Rostock so, wie er 2007, von zwei Pokalspielen und dem Rückrundenstart gegen Stuttgart (4:1) und dem 3:0 gegen die Bayern abgesehen, flächendeckend aufgetreten war.

Nichts gravierendes hat sich geändert

Kein Wunder, denn beim FCN hat sich nichts gravierendes geändert. Die Chance, Schwachstellen im Kader während der Transferperiode im Winter auszumerzen, wurde vertan. Die Brennpunkte sind lange bekannt. Angefangen bei Torwart Jaromir Blazek, der zwar auf der Linie glänzen kann, aber in seinem Strafraum und bei der Spieleröffnung von Panik bis Pannen alles verbreitet – nur keine Ruhe.

Über die Position des zweiten Innenverteidigers, wo der seit seiner Adduktorenverletzung vor einem Jahr durchhängende Glauber das kleinste Übel, aber wahrlich keine Lösung darstellt.

Über die Position des rechten Verteidigers, wo Dominik Reinhardt schon ewig seiner Form hinterherläuft, aber mangels Alternativen einen Freifahrtschein hat. Die geplante Alternative, der dänische Patient Lars Jacobsen, befindet sich seit einem halben Jahr im Krankenstand und kennt mittlerweile Arzt-Praxen vonKopenhagen bis Augsburg. Was Jacobsen fehlt, weiß indes so richtig niemand.

Ordnung in der Schaltzentrale stimmt nicht mehr

Über die Position des Helfers von Kapitän Tomas Galasek, der, mittlerweile 35 Jahre alt, auch nicht mehr alles allein leisten kann, wie vielleicht noch vor zwei Jahren. Seit Joe Mnari, im Abschiedsspiel seiner Tunesier vom Afrika-Cup (2:3 n. V. gegen Kamerun) bester Mann seines Teams, beim Club unten durch ist, stimmt die Ordnung in der Schaltzentrale nicht mehr.

Über die Position des offensiven Mittelspielers. Dort mühte sich Zvjezdan Misimovic redlich, aber mit Schmerzen in der Leistengegend durch die komplette Vorrunde. Unüblich, normal wird ein Profi mit derartigen Beschwerden für drei Wochen aus dem Spielbetrieb genommen, um sich auszukurieren. Misimovic aber verabschiedete sich anfangs der Vorbereitung endgültig in den Krankenstand und pendelte tapfer zwischen Donaustauf (Physiotherapeut Klaus Eder) und München (Bayern-Arzt Wilhelm Müller-Wohlfahrt) um endlich geheilt zu werden.

Über die Positionen auf den Außenbahnen. Seit sich Robert Vittek einen Knorpelschaden im vorgeschädigten Knie zuzog und Ivan Saenko, formschwach oder verletzt, bei der sportlichen Leitung in Ungnade gefallen ist, herrscht Flaute im Sturm. Marek Mintal kann am besten mit Vittek und leidet noch unter den Nachwehen seiner 20-monatigen Zwangspause wegen diverser Unfälle am Mittelfußknochens. Angelos Charisteas, klassischer Center, wartet seit Amtsantritt verzweifelt auf brauchbare Flanken. Aber ohne Vittek und den mittlerweile auch immer häufiger irgendwie angeschlagenen, auf jeden Fall aber nicht voll einsatzfähigen Saenko kann Charisteas lange warten.

Rentenvertrag für Koller

Aber, anstatt mit Transfers für frischen Wind auf den Flügeln zu sorgen, kam mit Jan Koller, der im März 35 Jahre alt wird, ein weiterer Mittelstürmer, der ebenfalls gerne Flanken verwertet. Koller bekam einen Rentenvertrag (bis 2010), Charisteas soll es nun auf der Außenbahn richten, was bei der eher langen Übersetzung des 1,91 Meter großen Griechen ein gewagtes Experiment darstellt.

Innenverteidiger Jacques Abardonado, für 200000 Euro aus Nizza geholt, wurde vom Frankreich-Korrespondenten des Fachblattes „kicker“ als technisch limitiert, etwas langsam, aber mit großem Kämpfer-Herz angekündigt. Nun, da im Schlüsselspiel gegen Rostock Schlüsselspieler Andreas Wolf wegen einer Gelb-Rot-Sperre ausfiel, war Abardonado keine Lösung. Dafür bekam der Franzose, der die Bundesliga nicht kennt und kein Deutsch spricht, einen Vertrag bis 2010. Präventiv für künftige Zweitliga-Zeiten?

Drei Millionen lagen laut FCN-Manager Bader in der „Kriegskasse“. Ungeachtet dessen wurde Personal wie der in Wolfsburg abservierte Keeper Simon Jentzsch, Innenverteidiger Thomas Kleine oder der Frankfurter Michael Thurk verschmäht. Kleine wechselte, weil Bayerns Ismael kam, für 750000 Euro von Hannover zu Zweitligist Mönchengladbach. Thurk, der für den Club „mangels Spielpraxis“ kein Thema war, ging für 250000 Euro ins Unterhaus nach Augsburg und erlegte bei seinem ersten Auftritt die Münchner Löwen mittels Doppelpack.

Kleine, 1,91 Meter groß, kopfballstark, torgefährlich und aus Fürther Zeiten, wo er als Kapitän trotz diverser Nasenbeinbrüche durchspielte, für vorbildliche Einstellung bekannt, hätte dem Club bzw. Trainer Hans Meyer sofort helfen können. Abardonado scheinbar nicht.

Koller kann helfen. Aber als alleiniger Rettungsschwimmer wird er das sinkende Boot nicht über Wasser halten können. Auch, weil die Stimmung auf dem Schiff bei weitem nicht so gut ist, wie kolportiert wird. Von Grüppchenbildung aufgrund der unterschiedlichen Nationalitäten und unwilligen Profis, die sich mit dem Führungsstil von Meyer nicht anfreunden können, wird berichtet.

Fünf Angestellte zogen Konsequenz

Fünf Angestellte zogen die Konsequenz und gingen: Vratislav Gresko, variabler Linksfuß und bei Bayer Leverkusen in 14 von 19 Spielen eingesetzt. Jan Polak, tschechischer Nationalspieler und dem RSC Anderlecht vier Millionen Euro wert. Joshua Kennedy, Torschütze und Vorbereiter für den KSC gegen den Club und am Samstag gegen Hannover erneut erfolgreich. Chhunly Pagenburg, den der Club im Abstiegsfall von den Münchner Löwen wieder haben will, ein 21-jähriger Außenstürmer, dem Experten eine gute Technik und flinke Beine bescheinigen. Marek Nikl, robuster Haudegen im Abwehrzentrum, als einer der wenigen in den FCN-Reihen mit einem guten Kopfballspiel gesegnet und im Pokalfinale, als Glauber verletzt passen musste, für Meyer noch gut genug, um erste Wahl zu sein.

Zwei Abwehrspieler (Gresko, Nikl) , ein offensiver Bahnspieler (Pagenburg), ein Mittelfeld-Allrounder (Polak) und ein Mittelstürmer (Kennedy) gingen verloren. Wer kam? Misimovic, der sich auf der Mintal-Position im offensiven Mittelfeld am wohlsten fühlt. Peer Kluge, der Mnari „ablöste“. Nachwuchsstürmer Nicky Adler, der gleiche Spielertyp wie Pagenburg. Langzeitpatient Jacobsen. Der große Unbekannte Abardonado. Azubi Ralf Schmidt vom Zweitliga-Kellerkind Jena sowie Keeper Blazek (für Raphael Schäfer/Stuttgart) und Charisteas (für Markus Schroth/1860 München) – und nun Nothelfer Koller. Tatsächlich eine punktuelle Verstärkung des am Saisonende 2007 vorhandenen Kaders?

Es herrschen berechtigte Zweifel im und um den Club. Und hinter vorgehaltener Hand reden sie auch schon Abstieg. Kein Wunder – bei einer Bilanz von vier Siegen aus 19 Spielen. Nur Trainer Hans Meyer trägt die Ruhe des Rentners in spe vor sich her. „Die Zweite Liga tue ich mir nicht mehr an“ sagt Meyer. „Nürnberg ist meine letzte Station.“

Klar, den Club-Pensionären sind die Renten sicher. Dafür fährt der wieder genesene Reporter nächste Saison vielleicht nach Wehen.

E. ERGENZINGER

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