Alkohol am Arbeitsplatz: Was tun, wenn ein Mitarbeiter trinkt?

Vorgesetzte sollten suchtkranke Mitarbeiter so schnell wie möglich darauf ansprechen, rät ein Experte. Warum, und welche Möglichkeiten zur Prävention es gibt.
| David Lohmann
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Ein Schlückchen Alkohol zwischendurch – für über eine Million Deutsche ist das Büro-Alltag.
imago Ein Schlückchen Alkohol zwischendurch – für über eine Million Deutsche ist das Büro-Alltag.

In der Mittagspause ein Helles. Oder zwei. Das gehört für viele zum Arbeitsalltag. Wo die Grenze im Büro überschritten ist und ob der Firmenbesuch auf dem Oktoberfest noch eine gute Idee ist, erklärt Christian Kreuzer von der Fachambulanz für Suchtprobleme der Caritas in Regensburg. Auch Medikamente und illegale Drogen sind in Unternehmen ein Problem.

AZ: Herr Kreuzer, ein Whiskey im Büro – das war früher normal. Heute auch noch?
CHRISTIAN KREUZER: Das lässt sich nicht ausschließen. Jedoch ist im Großen und Ganzen eine kontinuierliche Veränderung hin zu deutlich mehr Bewusstheit im Umgang mit Alkohol zu beobachten. Viele Betriebe haben offizielle Regeln, die den Alkoholkonsum aus dem Arbeitsleben verbannen, immer mehr Betriebe setzen Alkoholbeschränkungen oder -verbote im Alltag konsequent um. Aber trotzdem suchen immer wieder Betriebe die Kooperation mit uns, weil eben etwas passiert ist.

"Bei suchtgefährlichen Stoffen ist Alkohol nach wie vor Nummer eins"

Was sehen Sie als Ursache für diesen Wandel?
Das vielfach höhere Tempo und eine geringere Fehlertoleranz lassen Alkohol-Missbraucher schneller auffallen als früher. Vielleicht dringt es allmählich auch ins allgemeine Bewusstsein, dass Suchtprobleme lösbar sind. Und dass es unterhalb einer "großen" Lösung auch schon einen Wert hat, wenn ein Betroffener zum Beispiel ein Jahr lang abstinent lebt, damit gut lebt und arbeitet, und bei einem Rückfall sich von dieser Erfahrung zum neuen Durchstarten ermutigen lässt. Und es erscheint zunehmend plausibel, Suchtprobleme unter die chronischen Erkrankungen einzuordnen, bei denen es gewöhnlich keine Heilung gibt und man sich um ein möglichst beschwerdefreies Leben bemüht.

Von welchen Drogen außer Alkohol sprechen wir noch?
Sehr klar ist nach allen verfügbaren Zahlen: Alkohol ist nach wie vor Nummer eins der suchtgefährlichen Stoffe in unserer Gesellschaft, übertroffen nur von Nikotin. Darauf folgt die Gruppe der Medikamente mit Suchtpotenzial, eine weitgehend unsichtbare und trotzdem gut belegte Problematik. Weit dahinter die Gruppe der illegalen Drogen und die der pathologischen Glücksspieler.

"Suchtbelastete Mitarbeiter erbringen nur 75 Prozent der Arbeitsleistung"

Wie viele Betroffene gibt es?
Laut der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen sind zwischen 1,4 und 1,9 Millionen Deutsche sogenannte Missbraucher und weitere 1 bis 1,5 Millionen Alkoholabhängige. Weitere 1,2 bis 1,5 Millionen Menschen sind von Tranquilizern und Schlafmitteln, 300.000 bis 400.000 Menschen von anderen Arzneimitteln abhängig. Die Zahl abhängiger Konsumenten im Bereich illegaler Drogen wird zwischen 250.000 bis 450.000 geschätzt.

Welcher Schaden entsteht dadurch für Krankenkassen und Wirtschaft?
Häufig wird geschätzt, dass suchtbelastete Mitarbeiter 16 Mal häufigere Fehlzeiten haben, nur rund 75 Prozent der Arbeitsleistung erbringen, 2,5 Mal so häufig krankgeschrieben und 3,5 Mal häufiger bei Arbeitsunfällen beteiligt sind. Bei 15 bis 30 Prozent der Arbeitsunfälle spielt Alkohol eine Rolle. Generell sind Mitarbeiter für ihren Dienstherren beziehungsweise Arbeitgeber aber wertvoller geworden, gemessen an den Bemühungen zur Mitarbeitergewinnung und -pflege, etwa Maßnahmen des betrieblichen Gesundheitsmanagements.

Wo ist die Grenze beim Alkohol während der Arbeitszeit überschritten?
Ein schöner Spruch aus der Selbsthilfe lautet: "Wenn Alkohol ein Problem macht, ist Alkohol das Problem." Soll heißen, wenn jemand am Arbeitsplatz wegen einer Fahne oder wegen seines alkoholbedingten Verhaltens auffällt, sollte er darauf angesprochen werden.

"Betroffene reagieren oft nicht im erwünschten Sinn"

Wie sollte man reagieren?
Wenn ich mir zutraue, eine womöglich unangenehme Reaktion zu ertragen und/oder wenn ich in der Verantwortung stehe: klar und unmissverständlich, jedoch ohne Vorwurf. Zum Beispiel: "Ich rieche bei Ihnen Alkohol", "Du reagierst in letzter Zeit oft heftig und für mich nicht nachvollziehbar, geht es dir nicht gut?", "Ich höre, dass über dich geredet wird, Thema dabei ist der Alkohol".

Viele werden wohl zu Beginn nicht einsichtig sein.
Ja, erfahrungsgemäß reagieren Betroffene nicht gleich im erwünschten Sinn oder höchstens im Sinn einer Anpassung: "Ich muss jetzt vorsichtig sein." Was zunächst wie eine Lösung aussieht, entpuppt sich manchmal als ein vorübergehendes Sich-Zusammenreißen. In Schulungen von Vorgesetzten stimmen wir darauf ein, dass sich eine tragfähige Veränderungsmotivation beim Betroffenen meist allmählich entwickelt. Konsequente Begleitung bei seiner großen Aufgabe hilft.

Und wenn es dann mit der Firma aufs Oktoberfest geht?
Der Betroffene muss selbst entscheiden, ob er sich das zumuten möchte. Empfohlen wird im Allgemeinen Klarheit: die wichtigen Personen informieren, dass ich keinen Alkohol mehr trinke. Eindeutigkeit und Konsequenz dieser Art helfen am ehesten, dass die Umgebung sich an meine Abstinenz gewöhnt und in mir neue, stabile Gewohnheiten wachsen.

"Alkoholverbot in der Firma ist ein starker präventiver Schritt"

Ist ein komplettes Alkoholverbot in Firmen eine Lösung?
Generelle Alkoholverbote innerhalb der Arbeitszeit sind möglich und werden zunehmend vereinbart. Ein starkes Signal mit der Chance, dass Alkohol-Missbraucher künftig früher auffallen. Und damit ein starker präventiver Schritt.

Welche Präventionsprogramme gibt es für Unternehmen?
Eingebettet am besten in den größeren Rahmen des betrieblichen Gesundheitsmanagements gibt es bewährte Konzepte für Prävention von Suchtproblemen und für den Umgang mit auffälligen Mitarbeitern. Im Kern steht die Idee: Vorgesetzte befähigen, das Thema wahrzunehmen und angemessen anzusprechen – Betroffene an ihre arbeitsvertraglichen Pflichten erinnern, wenn nötig mit Unterstützung aus dem Unternehmen und in Abstimmung mit dem externen Suchthilfe-System. Eine wertvolle Unterstützung bietet der Einsatz von fortgebildeten eigenen Mitarbeitern, welche Vorgesetzte beraten und betroffene Kollegen begleiten.

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