Wenn Pflege kaputt macht: Caren Miosga trifft Angehörige an der Belastungsgrenze

Wie gehen wir in einer alternden Gesellschaft mit pflegebedürftigen Menschen um - und wie mit jenen, die sich um sie kümmern? Caren Miosga trifft für ihre Doku "Und wer fragt nach mir?" pflegende Angehörige am Ende ihrer Kräfte. Dabei erzählt die Moderatorin auch ihre eigene Familiengeschichte.
von  Maximilian Haase
Caren Miosga fragt in ihrem Film "Und wer fragt nach mir?" nach dem Stand des Pflegesystems in Deutschland.
Caren Miosga fragt in ihrem Film "Und wer fragt nach mir?" nach dem Stand des Pflegesystems in Deutschland. © NDR/Kathrin Heller/MIO Media GmbH

Die Zahl der Pflegebedürftigen in Deutschland nimmt zu, aufgrund des demografischen Wandels in den kommenden Jahrzehnten mehr und mehr. Umso dringlicher die Frage, wer sich um die Menschen kümmert, die ein würdevolles Leben abseits der Leistungsgesellschaft verdient haben. Neben den Pflege- und Seniorenheimen geschieht das vor allem, zu 85 Prozent, in den eigenen vier Wänden: Rund zehn Millionen Angehörige pflegen zu Hause. Und viele davon befinden sich am Ende ihrer Kräfte, wie nun auch die ARD-Doku "Und wer fragt nach mir?" eindrücklich zeigt. Moderatorin Caren Miosga begleitet einige davon bei ihrem alltäglichen Kraftakt und berichtet zudem von Herausforderungen in ihrer eigenen Familie. Welche Herausforderungen müssen Pflegende meistern - und wie können die Pflegebedingungen hierzulande zukünftig verbessert werden?

Nachdem sich Jessy Wellmer in einer Reportage zuletzt mit dem deutschen Beamtentum und dessen Modernisierung beschäftigt hatte, widmet sich ihre "Tagesthemen"-Vorgängerin Miosga ebenfalls im Rahmen der ARD-Themenwoche "Wie reformfähig ist Deutschland?" nun der Frage, was in Sachen Pflege schiefläuft. Während Expertinnen und Experten einordnen, welche gesellschaftliche Tragweite das Thema mit Blick auf die alternde Gesellschaft und die anstehende Pflegereform besitzt, stellt der 45-minütige Film vor allem die Betroffenen und ihre individuellen Schicksale ins Zentrum. Caren Miosga trifft diese Menschen, die oft ungesehen wahnsinnige Arbeit leisten, bisweilen fast 50 Stunden in der Woche, ohne Pause, ohne Entlohnung, ohne Hilfe, dafür geprägt von enormer Belastung.

"Lässt mich verzweifeln"

"Pflegende Angehörige am Rande der Erschöpfung", so der Untertitel, begleitet die Reportage in die intimen Sphären ihres Heims und lässt sie ausführlich zu Wort kommen. Bisweilen mit drastischen Schilderungen: "Ich war so am Ende, dass ich in dem Moment überlegt habe, ob ich jetzt einfach vom Balkon 'runterspringe. Und dann hat es ein Ende", berichtet etwa Angelina Kusterer. Jahrelang pflegt sie beide Eltern, kündigt dafür ihre Arbeitsstelle, verzichtet auf jegliche eigene Bedürfnisse. Auch Jürgen Mehl pflegt seit Jahren seine Frau und gerät dabei an seine Grenzen: "Der Gedanke daran, dass ich es irgendwann nicht mehr schaffe, lässt mich verzweifeln."

Exemplarisch zeigen die Protagonisten, was tagtäglich für Millionen hinter verschlossenen Türen Realität ist: Opferbereitschaft bis zur Erschöpfung, Belastung bis zur Verweiflung. Sie beschreiben, wie sich ihre Leben verändert haben, seit sie ihre alten oder kranken Liebsten pflegen. Neben der Selbstaufgabe sind da natürlich auch viel Nähe, viele schöne Momente. Und doch: Wie es ihnen eigentlich geht, so der titelgebende Tenor, werden sie selten gefragt. Dabei sind diese Menschen für das deutsche Pflegesystem eine entscheidende Stütze: Weder sind genügend Kapazitäten in Heimen und bei Pflegediensten vorhanden, noch wäre das Ganze zu finanzieren. Kurz gesagt: Die flächendeckende Versorgung von Pflegebedürfigen ist auf die Pflege durch Angehörige schlicht angewiesen.

Ein persönliches Thema für Caren Miosga

Auch Caren Miosga hat nicht nur einen journalistischen Zugang zum Thema Pflege, das für sie "nicht irgendeines, sondern ein ganz persönliches" sei, wie sie sagt. Denn auch sie habe gemeinsam mit ihren Geschwistern vor wichtigen Entscheidungen gestanden, als die Mutter mehr Pflege benötigte und ihr sie zu Hause pflegender Mann an seine Grenzen geraten sei. "Viele der Fragen und Probleme, die in diesem Film zur Sprache kommen, kenne ich von zu Hause", berichtet die 57-Jährige.

Diese Fragen wiederholen sich - und immer mehr Menschen müssen sie sich stellen: Wie wird man den eigenen Eltern gerecht? Was kommt auf pflegende Angehörige zu? Welche Belastung kann man zu Hause für welche Zeit stemmen? Damit einher gehen die großen, übergreifenden Fragen, die uns als Gesellschaft betreffen: Welche Pflege wollen wir als Gesellschaft für die älteren Generationen? Wie kann man in Würde altern? Welche Unterstützung brauchen die Pflegenden? Und welche Reformen und Veränderungen bräuchte es dafür?

Die Reportage "Und wer fragt nach mir? Pflegende Angehörige am Rande der Erschöpfung" ist bereits in der ARD-Mediathek abrufbar.

Und wer fragt nach mir? - Mo. 26.10. - ARD: 20.15 Uhr

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