Was vor dem Anschlag geschah: Thriller-Serie über den Terror vom Breitscheidplatz

Am 19. Dezember 2016 tötete der 23-jährige Anis Amri (Wael Alkhatib) einen polnischen LKW-Fahrer in Berlin, stahl seinen Truck und fuhr damit in die Menschenmenge auf dem Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz: 13 Menschen starben, 70 weitere wurden verletzt - viele davon schwer. Es war einer der schwersten Terroranschläge in Deutschland, fast zehn Jahre liegt er zurück. Der aus Tunesien stammende Amri war den Behörden lange vor seiner Tat bekannt, verschiedene deutsche Staatsschutz-Institutionen beobachteten ihn. Von der sechsteiligen Miniserie "Breitscheidplatz 19/12" zeigt das Erste zunächst die Folgen eins und zwei. Die Episoden drei bis sechs folgen am Freitag, 6. November, 23.55 Uhr. Sämtliche Folgen stehen bereits ab Freitag, 30. Oktober, in der ARD-Mediathek zur Verfügung.
Autor und Regisseur David Nawrath (Drehbuch mit David Marian) interessiert sich vor allem für die Zeit vor der Tat. Wie kam es, dass ein den Behörden bekannter Gewalttäter, der sich in islamistischen Kreisen bewegte, plötzlich zuschlägt, ohne dass jene Behörden, die den Mann auf dem Radar hatten, etwas dagegen unternehmen konnten?
Hauptfigur dieses Verwirrspiels rund um Ermittler, Informanten sowie kleine und größere Fische mit krimineller Energie ist der fiktive Staatsschützer Frank Laudin, verkörpert von Albrecht Schuch. Er leitet eine Einheit im LKA Nordrhein-Westfalen, die sich mit verschiedenen islamistischen Terrorzellen des Landes beschäftigt.
Spannung und ein fast quasi-dokumentarischer Look
Laudin verspricht sich viel vom Einsatz seines Informanten Murat Cem (Tamer Trasoglu). Er verschafft sich geschickt Zugang zu den inneren Zirkeln der Islamisten, die sich um verschiedene Prediger sammeln. Cem, ein Ex-Krimineller mit Drogenproblem, träumt davon, irgendwann richtiger Polizist zu werden. Seine Zusammenarbeit mit Laudin ist vielversprechend, verläuft aber auch alles andere als reibungslos. Neu in Laudins offiziellem Team ist die junge Polizeibeamtin Isra Al-Husseini (Bayan Layla). Sie stößt als arabische Native Speakerin zum NRW-Staatsschutz, fühlt sich aber auch in der Zwickmühle zwischen der eigenen Familiengeschichte und ihrem Beruf.
Bald verfolgt Laudin die Spur von Anis Amri, den er für sehr gefährlich hält. Sein Chef Jakob Friedrich (Bernd Hölscher) will keinen Fehler machen, weswegen er sich nur halbherzig vor seinen Ermittler stellt. Was aber noch seltsamer ist: Das BKA in Person von Ermittler Karsten Heyse (Hanno Koffler) scheint die Pläne Laudins gar zu torpedieren.
"Breitscheidplatz 19/12" ist einer der besten Polit- und Polizeithriller, die das deutsche Fernsehen in den letzten Jahren zustande brachte. Authentisch und fast schon akribisch langsam werden im Viereinhalbstünder sowohl islamistische Kreise als auch die Arbeit des Staatsschutzes seziert. Manchmal fühlt man sich wie in einem Dokumentarfilm, manchmal wie im Paranoia-Thriller. Stets liegt eine gewisse Anspannung in der Luft. Viele Begegnungen und Szenen dieses von viel Misstrauen geprägten Plots könnten jederzeit in eine gewalttätige Richtung laufen.
David Nawrath, Deutscher mit iranischen Wurzeln, hat bereits mit dem Möbelpacker-Drama "Atlas" (Deutscher Filmpreis für Hauptdarsteller Rainer Bock) oder der herausragenden Thrillerserie "Euer Ehren" mit Sebastian Koch bewiesen, dass er ein ganz feiner Erzähler und Beobachter ist. Er weiß vor allem, wie anspruchsvolle Spannung und ein fast quasi-dokumentarischer Look funktionieren.
Grandioses Fernsehen aus einem grauen Paranoia-Deutschland
Das Besondere an "Breitscheidplatz 19/12" ist neben der schauspielerischen und erzählerischen Qualität, dass der Stoff gleichermaßen fiktiv wie realitätsgetreu ist. Manche Details der über einjährigen Vorgeschichte des Attentats wurden genauso inszeniert wie sich reale Handlungen und Ereignisse rund um den Fall tatsächlich zugetragen haben. Andere Details der Ermittlung - nicht des Attentats selbst - wurden erfunden oder fiktional erweitert.
Der nach dem Anschlag flüchtige Amri wurde am 23. Dezember 2016 bei einer Personenkontrolle in Sesto San Giovanni nördlich von Mailand erschossen. In Untersuchungsausschüssen rund um die Tat wurden Ungereimtheiten des Falles aufgedeckt, die zum Teil bis heute ungeklärt sind. Die Miniserie spielt mit diesen Theorien, überzeugt aber vor allem mit dem erzählerischen Sog rund um Beobachtete und Beobachter, die von ihren Darstellern allesamt grandios verkörpert werden.
Man muss Lust haben auf endlose Beschattungen, ruhige Verfolgungsfahrten im Auto und analytisches Auf-Bildschirme-Starren. Dann ergibt sich eine mitreißende John le Carré-Agentenspannung vor urbanem deutschen Schmuddelstraßen-Look. "Breitscheidplatz 19/12" ist grandios geschriebenes, gespieltes und inszeniertes Fernsehen aus einem grauen Paranoia-Deutschland, das dennoch oder gerade wegen dieses schalen Settings mitreißt.
Breitscheidplatz 19/12 - So. 01.11. - ARD: 21.45 Uhr